Asylbewerber

Gestrandet auf Sylt: Wie Flüchtlinge auf der Nordseeinsel leben

Die Flüchtlinge Neek Mohammad Saied und Mohammad Usman Soltani leben als Asylbewerber in Keitum. Vor fast zwei Jahren wurden die beiden Afghanen und zehn weitere Flüchtlinge auf der Insel untergebracht.

Keitum/Westerland. Mohammad Usman Soltani hat frischen Tee aufgesetzt. Viel Tee. Denn nicht nur er, sondern auch seine zwölf Mitbewohner haben Durst. Seit fast zwei Jahren lebt der 22-jährige Afghane auf Sylt, in einem großen, reetgedeckten Haus in der Keitumer Süderstraße. Beneidenswert, könnte man meinen. Doch weder Mohammad noch seine Mitbewohner haben sich diese Adresse freiwillig ausgesucht. Sie wurde ihnen zugewiesen – als eine von sechs Sylter Unterkünften, in denen seit 2012 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Somalia, dem Iran und anderen krisengeschüttelten Ländern untergebracht werden. 79 Menschen, darunter sechs Frauen und zehn Kinder, finden derzeit Zuflucht auf Deutschlands wohl beliebtester Urlaubsinsel. Ein Luxusleben führen sie deshalb aber noch lange nicht.

In der eigenen Heimat ist es zu gefährlich

Mohammad teilt sich mit Zabihullah und Salih, zwei Landsleuten, ein Zimmer. Neben den Schlafräumen, der Toilette, einem großen Gemeinschaftsraum und der Küche haben die jungen Männer in der Süderstraße viele schreckliche Erinnerungen gemein. In ihren Herkunftsländern herrschen Kriege, Menschen werden aufgrund ihrer Religion oder politischen Meinung verfolgt und gefoltert. Für manche von ihnen war die Flucht die letzte Chance zum Überleben.

Trotz der unterschiedlichen, oft traumatischen Einzelschicksale ist die Atmosphäre hier in der Keitumer Unterkunft nicht düster oder bedrückend. Vielmehr ist die positive Energie von Menschen zu spüren, die erleichtert sind, nach Zeiten voller Angst an einem sicheren Ort gelandet zu sein. Kashayar Memarzadeh (30), Elektroingenieur aus dem Iran, ist mit seinem Bruder Maziar (35) vor sechs Monaten nach Sylt gekommen. In holprigem Englisch sagt er: „Wir können nicht mehr in unsere Heimat zurück. Dort ist es zu gefährlich für uns. Hier können wir endlich wieder aufatmen.“ Wenn dem Iraner Kashayar die richtigen Worte fehlen, hilft der Afghane Mohammad beim Übersetzen. Er spricht schon sehr gut Deutsch. Zu verdanken ist das nicht nur der Gemeinde Sylt, die Asylsuchenden und Migranten zweimal in der Woche einen jeweils einstündigen Deutschkurs anbietet. „Der Unterricht ist sehr gut. Aber leider zu kurz und zu selten. Außerdem kommen immer neue Schüler dazu, dann müssen wir wieder von vorn anfangen“, sagt Mohammad.

Doch die Kapazitäten der Sylter Verwaltung sind ausgeschöpft. Das gilt für die Sprachkurse und für Betreuungsmaßnahmen, die über die bloßen Formalitäten hinausgehen. „Unsere Mitarbeiter leisten schon weit mehr, als sie eigentlich müssten“, sagt Gabriele Gotthardt, Leiterin des Sylter Ordnungsamtes. „Wir stoßen täglich an unsere Grenzen.“ Im Vergleich zu anderen Kommunen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen seien sie aber gut aufgestellt. Noch. Denn laut Innenminister Andreas Breitner rechnet der Norden bis Ende des Jahres mit bis zu 66 Prozent mehr Flüchtlingen als 2013.

Integrationshilfe von Einwohnern und ein gemeinnütziger Verein helfen

Auch Sylt, dessen Einwohner ohnehin unter Knappheit an bezahlbarem Wohnraum leiden, erwartet weitere Zuweisungen durch den Kreis Nordfriesland. Umso mehr schätzt Gabriele Gotthardt die „beispielhafte Unterstützung aus der Sylter Bevölkerung“. Immer wieder melden sich Einheimische, die kostenlosen Sprachunterricht anbieten oder Haushaltsgeräte, Kleidung und Spielzeug spenden möchten. Besonders schön sei der gute, nachbarschaftliche Kontakt, den viele Insulaner mittlerweile zu den Asylbewerbern aufgebaut hätten. Bereits im vergangenen Jahr hat sich eine Handvoll besonders engagierter Sylter zu einer sogenannten Integrationsgruppe zusammengetan. Ihre Idee: den Menschen in den Unterkünften Hilfestellung im Alltag zu geben und als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen. Ohne Bezahlung und im Notfall auch mitten in der Nacht.

Neben der Integrationsgruppe gibt es seit Mitte Juli 2014 nun auch den gemeinnützigen Verein Integrationshilfe Sylt. „Als Verein hat man es oft leichter, Dinge zu bewegen“, sagt Mitbegründerin Juliane von Holdt. Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Matthias Demuth und den anderen Vereinsmitgliedern hat die Sylterin aktuell das Konzept „Sprache und Qualifikation“ erarbeitet. Bestandteil ist eine geplante Zusammenarbeit mit den Arbeitgebervereinen der Insel und der Ausländerbehörde in Husum. Von Holdt: „Das Ausländerrecht sieht vor, dass Asylbewerber in den ersten neun Monaten in der Regel nicht arbeiten dürfen. Für die meisten Männer und Frauen ist das eine frustrierende Zeit. Sie fühlen sich isoliert und überflüssig.“ Der Sylter Verein will den Flüchtlingen nun ermöglichen, in deren ersten Monaten auf der Nordseeinsel Arbeitsangebote kennenzulernen. „Sie können sich orientieren und Kenntnisse erwerben. Sobald die Arbeitserlaubnis vorliegt, stehen sie als vorqualifizierte Kraft zur Verfügung“, so Juliane von Holdt. Das eröffne nicht nur den Flüchtlingen neue Perspektiven, sondern hülfe auch der Insel. „Wir brauchen hier dringend Arbeitnehmer. Es wäre also ein Gewinn für beide Seiten.“ Das Konzept liegt derzeit auf dem Schreibtisch von Petra Reiber, Noch-Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt.

Die Meisten fühle sich gut aufgehoben

Bis zur erhofften Bewilligung stecken die Ehrenamtlichen aber nicht die Hände in die Taschen. Für die 32-jährige Sylterin Nina Scharnowsky vergeht kaum ein Tag, an dem sie nicht „bei ihren Jungs“ in der Keitumer Süderstraße vorbeischaut. Durch einen Zeitungsartikel war die junge Mutter vor gut einem Jahr auf deren Lage aufmerksam geworden. Mit ihrem Freund besuchte sie die Asylsuchenden, bot noch am selben Tag ihre Hilfe als Nachhilfelehrerin an. Seitdem gibt sie mehrmals pro Woche Unterricht, auch in Unterkünften in Tinnum und List. In die Süderstraße kommt Nina mittlerweile auch einfach nur zum Teetrinken und Reden. „Sie ist wirklich eine gute Freundin geworden“, sagt Mohammad Usman Soltani.

Wie viele seiner Schicksalsgenossen weiß der 22-jährige Afghane noch nicht, wie seine Zukunft aussehen wird. Er weiß weder, wie lange er auf Sylt bleiben, noch, ob er jemals wieder in sein Heimatland zurückkehren wird. Auch wenn ihn das fast Tag und Nacht beschäftigt – im Moment fühle er sich gut aufgehoben bei den Menschen auf Sylt.