Tante Emma 2.0

Die Renaissance der Dorfläden in Schleswig-Holstein

Foto: Carsten Rehder / dpa

Markttreffs sind mehr als nur eine Neuauflage der Tante-Emma-Läden. Sie sollen die Nahversorgung in den Dörfern Schleswig-Holsteins sichern aber auch Klönbude sein und mancherorts Arztpraxen ersetzen.

Brodersby/Gülzow. Tante Emma 2.0 – so könnte man die Markttreffs, die seit einigen Jahren in Schleswig-Holsteins Dörfern entstehen, wohl auch nennen. Die Läden sind klein, bieten aber alles, was im Ort gebraucht wird – Lebensmittel, eine Ecke zum Klönen, manchmal eine Post oder Bank oder auch Veranstaltungsräume und sogar allgemeinärztliche Sprechstunden wie in Gülzow (Kreis Herzogtum Lauenburg).

Was genau die Läden anbieten, ist von Ort zu Ort unterschiedlich. Gemein ist ihnen aber, dass Dorfbevölkerung und Gemeindevertreter nicht länger hinnehmen wollten, dass ihr Dorfkern verödet, junge Leute wegziehen und keine neuen hinzukommen. Normale Supermärkte aufs Land zu locken oder zu halten, ist kaum zu schaffen: Der Betrieb in kleinen Ortschaften ist nicht wirtschaftlich genug.

"Immer mehr Gemeinden begreifen, was es bedeutet, wenn alles schließt, Treffs verschwinden", sagt Ingwer Seelhoff, Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft ews. Seit 2002 berät die ews das Land unter anderem in Sachen MarktTreffs. Gefördert wird die Errichtung eines MarktTreffs auch mit staatlichen Geldern. Die Läden mit Zusatzfunktion dienten vielen Ortschaften als Instrument, den Dorfkern zu erhalten. Schließlich bedeutet eine funktionierende Infrastruktur auch einen finanziellen Mehrwert für die Gemeinde – so ist etwa der Marktwert für Bauplätze oder Immobilien höher, wenn es zumindest einen Laden, einen Kindergarten und ein kleines kulturelles Angebot im Ort gibt – oft wird alles in einem Haus angeboten.

Auch die Brodersbyer kennen Zeiten ohne Dorfladen. Jahrzehntelang betrieb eine Familie das Lebensmittelgeschäft im Ort. Dann konzentrierte sie sich auf Bekleidung. Fünf Jahre, von 2002 bis 2007, gab es in Brodersby an der Schlei (Kreis Schleswig-Flensburg) keinen Lebensmittelhändler, erzählt Alf Schmidt, Leiter des Brodersbyer MarktTreffs. Irmtraud Scharmer ist froh, dass es im Dorf wieder einen Kaufmann gibt. "Es war grauenhaft", erzählt die resolute Dame von der Zeit ohne Nahversorgung. Und das nicht nur, weil sie nicht mal eben schnell ums Eck zum Einkaufen gehen konnte: "Das Dorf hatte keinen Mittelpunkt mehr. Das hat sich jetzt alles gegeben."

Mehrere Stammtische haben sich in Brodersby gebildet, die sich in den hellen Räumen zum Kaffeetrinken treffen. Und auch sonst herrscht hier reger Betrieb. Derzeit gibt es gut 30 MarktTreffs in Schleswig-Holstein, insgesamt sollen etwa 50 entstehen – eine Zahl die nach Einschätzung der Initiatoren in etwa eine flächendeckende Versorgung gewährleiste, sagt Seelhoff. Die überwiegende Anzahl der Läden habe sich positiv entwickelt, sagt Seelhoff. Demnach erzielten zwölf MarktTreffs im Jahr 2013 ein stabiles Ergebnis, fünf Betreiber steigerten Umsatz und Ertrag. Zehn Standorte seien in einer Phase des Auf- und Umbruchs, da sie gerade den Betrieb aufnehmen oder einzelne Aspekte verändern. Drei Standorte richteten ihr Konzept oder den Standort gänzlich neu aus; in vier Gemeinden sei das wirtschaftliche Ergebnis nicht zufriedenstellend.

Seelhoff hat aber keine Bedenken, dass die MarktTreffs am Leben bleiben. Es gebe einige Märkte, die durch tiefste Täler gegangen und jetzt attraktiv seien. Es sei immer ein Prozess, Konzepte müssten an neue Situationen angepasst werden, manchmal stimme der menschliche Faktor nicht. Schmidt ist mit seinem Laden zufrieden. "Es rechnet sich schon." Viele Leute kauften einen Großteil der Dinge für den täglichen Bedarf bei ihm, andere nur Kleinigkeiten, sagt er.

Und auch Uta Winter, Geschäftsführerin des MarktTreffs in Gülzow, ist zufrieden. Erst vor einer Woche wurde der Laden nach einem Umbau und Beliefererwechsel wiedereröffnet. "Es ist alles neu, moderner geworden", sagt sie. Rund um Kropp (Kreis Schleswig-Flensburg) versuchen einige Gemeinden einen anderen Weg zu gehen. Sie wollen einen rollenden Supermarkt auf den Weg bringen. "Die Rückmeldungen sehen ganz positiv aus", sagt Michael Stühmer vom Regionalmarketing Kropp. Nicht alle Ortschaften könnten oder wollten sich einen MarktTreff leisten, für diese Dörfer sei der rollende Supermarkt, der rund 2500 Artikel anbieten soll, eine Alternative. Konkurrenz soll er aber nicht sein. Dörfer mit funktionierender Nahversorgung sollen nicht angesteuert werden, versichert Stühmer.

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