Europawahl

Di Lorenzo wählt zweimal, Kieler Ehepaar darf gar nicht

Tagelang wurde über die zweifache Stimmabgabe von „Zeit“-Chefredakteur di Lorenzo debattiert. Ein Ehepaar in der Nähe von Kiel hatte ein anderes Problem: Es bekam keinen Stimmzettel im Wahllokal.

Kiel. „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo hat bei der Europawahl zweimal gewählt, ein Ehepaar aus Molfsee bei Kiel durfte es gar nicht. Mit der Wahlbenachrichtigung in der Tasche waren Heinz-Jürgen und Sigrun Müller am Sonntag ins Wahllokal gegangen. Doch das Paar bekam keinen Stimmzettel, weil beide Namen auf der Wahlliste bereits abgehakt waren.

Ohne gewählt zu haben, mussten die Müllers wieder nach Hause gehen. Darüber hatten zunächst die „Kieler Nachrichten“ berichtet. Nach Angaben des Blattes vermutet Molfsees Bürgermeister Roman Hoppe, dass sich der Fehler auch durch den so häufig auftretenden Familiennamen der Müllers eingeschlichen habe könnte.

„Pannen wie diese sind grundsätzlich immer möglich, aber der Fall der Familie Müller ist der einzige, der der Landeswahlleitung bekannt ist“, sagte am Mittwoch Claus-Peter Steinweg aus der Landeswahlleitung Schleswig-Holstein. „Das war die ruhigste Wahl aller Zeiten, geradezu langweilig.“

Rückendeckung für di Lorenzo

Nach seiner doppelten Stimmabgabe bei der Europawahl erhält di Lorenzo unterdessen Rückendeckung von TV-Moderator Günther Jauch. In einem Gastbeitrag für die „Bild“-Zeitung (Mittwoch) schreibt Jauch, was in der öffentlichen Debatte aus dieser „Petitesse“ entstanden sei, habe ihn fassungslos gemacht. Von der Diskussion in seiner Sendung bleibe nun nur hängen, dass Di Lorenzo ein krimineller Wahlfälscher sei. „Das ist für mich so absurd, dazu noch gemein und im Namen angeblicher „political correctness“ einfach nur daneben.“

Am Montag ist bei der Hamburger Staatsanwaltschaft online eine Anzeige gegen di Lorenzo eingegangen, der in der Talkshow von Günther Jauch am Sonntag in der ARD gesagt hatte, bei der Europawahl zweimal abgestimmt zu haben. Nun ermittelt die Behörde gegen den Journalisten wegen Wahlbetrugs. „Wir prüfen den Sachverhalt“, bestätigte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft dem Abendblatt.

Das hätte Giovanni di Lorenzo ahnen können. Der Chefredakteur der „Zeit“ wählte bei der Europawahl gleich zweimal und brüstete sich bei Günther Jauch in der ARD damit. Dabei steht sonnenklar in Paragraf 6, Absatz 4 im Gesetz über die Wahl der Abgeordneten des Europäischen Partlaments aus der Bundesrepublik Deutschland: „Das Wahlrecht darf nur einmal und nur persönlich ausgeübt werden. Das gilt auch für Wahlberechtigte, die zugleich in einem anderen Mitgliedstaat der Europäischen Union zum Europäischen Parlament wahlberechtigt sind.“

Von Strafen für Wahlbetrüger steht dort nichts. Aber allzu viele Bürger dürften es auch nicht sein, die zweimal zur Europawahl gehen. „Mir tut das aufrichtig leid“, sagte di Lorenzo der „Bild“-Zeitung (Dienstagausgabe). „Mir war nicht bewusst, dass man bei der Europawahl nicht in zwei Ländern abstimmen darf. Hätte ich es gewusst, hätte ich es nicht getan und natürlich auch nicht in der Sendung von Günther Jauch erzählt.“