Ernährung

Im Norden gibt es zu wenig Schlachtkapazitäten

Das Produktionsverbot für den größten norddeutschen Schlachthof in Bad Bramstedt hat die Diskussionen um Tierquälerei, mangelnde Hygiene und schlecht bezahlte Mitarbeiter wieder angefacht.

Kiel. Schon Bertolt Brecht hat die kapitalistischen Mechanismen der Fleischbranche in seinem Lehrstück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ entlarvt. Zwar sind die Zustände, die Brecht auf Chicagos Schlachthöfen samt Arbeitskampf zum Thema macht, mit den heutigen Bedingungen nicht direkt vergleichbar. Aber schlecht bezahlte Mitarbeiter, Tierquälerei, mangelnde Hygiene und Preiskriege des Handels sind Vorwürfe, denen sich die Branche immer wieder ausgesetzt sieht. Das Produktionsverbot für den größten norddeutschen Schlachthof in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg) hat die Debatte neu angefacht.

Die Preisschlachten von Discountern treffen die Beteiligten wie Dominosteine. Zerlege-Betriebe und Schlachthöfe haben kaum Spielraum für Löhne und können den zuliefernden Landwirten nur Dumpingpreise zahlen. Das wiederum senkt den Gewinn und schränkt den Spielraum bei Fütterung und Haltung ein. „Pro Kilo Schwein – also vom Kopf bis zum Schwanz – bekommen die Bauern zurzeit etwa 1,60 Euro. Um kostendeckend zu arbeiten, wären 1,75 Euro notwendig“, sagte Schleswig-Holsteins Bauernverbandspräsident Werner Schwarz am Dienstag. „Die Preisspirale nach unten ist unerträglich.“

Wegen des Verdachts von Problemen mit der Tötungsanlage und mangelnder Hygiene wurde gegen den Schlachthof in Bad Bramstedt am 25. Februar zunächst ein vorläufiger Produktionsstopp erlassen. Seit vergangener Woche läuft außerdem ein Verfahren zum Widerruf der Betriebserlaubnis. Den Produktionsstopp will der niederländische Konzern Vion per Eilrechtsverfahren kippen. Das Verfahren könne aber noch Wochen dauern, erklärte ein Sprecher des Verwaltungsgerichts Schleswig am Dienstag. Denn der Kreis Segeberg habe die Begründung zweimal geändert und Vion müsse Stellung nehmen können. Auch das Verfahren zum Widerruf der Betriebserlaubnis ist noch nicht entschieden. Vion hat Investitionen in Millionenhöhe angekündigt, um die Betriebserlaubnis zu behalten.

Zerlege-Betriebe und Schlachthöfe haben kaum Spielraum für Löhne und können den zuliefernden Landwirten nur Dumpingpreise zahlen.

„Sollte der Schlachthof geschlossen bleiben, haben wir Landwirte in Schleswig-Holstein ein Problem“, sagte Schwarz. „Denn zwei Drittel aller Rinder, die in Schleswig-Holstein geschlachtet werden, werden in Bad Bramstedt zerlegt. Wenn das wegfällt, kann das im Norden keiner aufnehmen.“ Vion halte seine Lieferanten bei der Stange und biete Schlachttransporte zu seinen Betrieben in Anklam nahe der polnischen Grenze oder nach Niedersachsen an. Gesetzlich erlaubt seien acht Stunden dauernde Transporte, aber das sei nicht wünschenswert.

Agrarminister Robert Habeck ist ebenfalls sauer. „Ich weiß, dass bei vielen Menschen jeder Euro im Portemonnaie zählt“, sagte der Grünen-Politiker. Aber Fleischpreisdumping sei unanständig. „Wenn man will, dass Tiere gut gehalten, Umweltstandards erfüllt und Bauern ihr Auskommen haben, wenn man will, dass auf Schlachthöfen gute Bedingungen herrschen und Tiere nicht über Gebühr leiden, dann muss man sich klar darüber sein, dass es dies alles nicht im Sonderangebot gibt. Bei Tierschutz darf es keinen Rabatt geben – in doppelter Hinsicht nicht“, sagte Habeck.

Agrarminister Robert Habeck: „Wenn man will, dass Tiere gut gehalten und Bauern ihr Auskommen haben, muss man sich klar darüber sein, dass es dies alles nicht im Sonderangebot gibt.

In Schleswig-Holstein spielt die Schweine- und Rinderproduktion eine große Rolle. Habeck betonte die Bedeutung von regionalen Schlachtkapazitäten – für den Standort, die Agrarbetriebe und die Ernährungswirtschaft. „Und sie sind wichtig für den Tierschutz: Die Transportzeiten sollten so kurz wie möglich gehalten werden.“

Wegen geringer Kosten in großen Schlachthöfen hat die Branche in Europa einen Strukturwandel durchgemacht. Große Konzerne beherrschen das Bild. Wegen der relativ geringen Transportkosten für Schlachtvieh - laut Schwarz vier bis sechs Euro pro Schwein – gibt es einen starken überregionalen Wettbewerb um die Tiere, den Überkapazitäten in deutschen Schlachthöfen noch verschärfen. Auch für Schweine aus Schleswig-Holstein bestehe in anderen Ländern eine erhebliche Nachfrage, erläuterte eine Ministeriumssprecherin.

Wegen der Randlage gibt es im Norden nur noch wenige große Schlachtstätten: Bad Bramstedt, Kellinghusen, Itzehoe, Husum, Niebüll. Die Schlachtungen sind seit Jahren rückläufig. Dies sei zurückzuführen auf Standortschließungen in den 1990er Jahren – so in Schleswig, Rendsburg, Kiel sowie 2006 in Lübeck, erklärte die Sprecherin. Dagegen habe die Zahl der produzierten Schlachtschweine in den vergangenen Jahren leicht zugenommen.

Nur noch 30 Prozent der Mastschweine – etwa 750.000 von 2,5 Millionen jährlich – werden in Schleswig-Holstein geschlachtet. Die übrigen 70 Prozent gehen nach Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Sachsen und werden dort verarbeitet. Besonders in Niedersachsen nahmen die Schlachtungen in den vergangenen Jahren um 50 Prozent zu. Die Zahl der Schlachthöfe in Schleswig-Holstein ist seit Jahren rückläufig, noch gibt es 111 zugelassene Betriebe.