Windenergie

Anlagebetrug? Staatsanwälte prüfen Vorwürfe gegen Prokon

Es sind mehrere Anzeigen bei den Behörden eingegangen. Windpark-Betreier Prokon droht die Insolvenz. Anleger sprechen von Erpressung.

Lübeck/Itzehoe. Die Staatsanwaltschaft Lübeck hat in den vergangenen Monaten mehrere Strafanzeigen gegen das von einer Insolvenz bedrohte Windenergie-Unternehmen Prokon in Itzehoe (Kreis Steinburg) erhalten. „Wir prüfen, ob ein Anfangsverdacht wegen Betruges und weiterer Wirtschaftsdelikte besteht oder nicht“, sagte am Montag in Lübeck Oberstaatsanwältin Wenke Haker-Alm. Sollte ein Anfangsverdacht bestehen, würden Ermittlungen aufgenommen.

Prokon erklärt in einem auf seiner Internetseite veröffentlichten Schreiben vom 10. Januar an seine Anleger, noch im Januar drohe Planinsolvenz, falls mehr als fünf Prozent des Genussrechtskapitals abgezogen würden. Nach wie vor kündigten zahlreiche Anleger aus Angst vor einem Verlust ihres angelegten Geldes ihre Genussrechte, hieß es. Bis zum 20. Januar sollten Anleger sich erklären, ob sie zunächst einmal bis Oktober ihre Genussanteile behalten, um eine Insolvenz abzuwenden.

Nach Angaben des Unternehmens gibt es über 75.000 Anleger, die Prokon fast 1,4 Milliarden Euro über sogenannte Genussscheine anvertraut haben. Das Versprechen: Bis zu acht Prozent Zinsen. Verbraucherschützer haben wiederholt das Geschäftsmodell infrage gestellt und mangelnde Transparenz beklagt.

Nachfragen bei Prokon am Montag blieben zunächst ohne Antwort, zudem war die zentrale Telefonnummer und eine Telefonnummer für Anleger dauerbesetzt oder es nahm niemand den Hörer ab.

Auf dem Spiel stehen rund 1300 Arbeitsplätze, davon allein fast 500 in Itzehoe. Das Arbeitsministerium in Kiel wolle sich zunächst um Informationen über die Lage bemühen, sagte ein Sprecher am Montag.

Für die Windenergie-Branche ist Prokon nach Einschätzung des Bundesverbandes Windenergie „nicht von allergrößter Bedeutung“. Eine Insolvenz würde für die Branche keine besonderen Risiken bedeuten, sagte der stellvertretende BWE-Bundespräsident und Chef des schleswig-holsteinisches Landesverbandes, Hermann Albers, am Montag in Simonsberg bei Husum (Kreis Nordfriesland). Wichtig sei aber, dass das Unternehmen seine soziale Verantwortung für seine Mitarbeiter wahrnehme und die Interessen der Anleger gewahrt werden.

Im Einwerben von über einer Milliarde Euro Kapital habe Prokon mit seinen Werbeaktivitäten in der Branche eine besondere Stellung, sagte Albers. Immer wieder sei ihm zu Ohren gekommen, dass Prokon mit frischem Kapital Zinsen für Anlegerkapital bedient habe.

Die Betroffenen einer möglichen Insolvenz wären nach Einschätzung des Deutsches Verbraucherschutzrings e.V. (Erfurt/Thüringen) vor allem Kleinanleger. Denn die Genussrechte konnten bereits für 100 Euro erworben werden.

Vor dem Hintergrund der Pleitedrohung des Windparkfinanzierers fordern Verbraucherschützer schärfere Regeln für den sogenannten grauen Kapitalmarkt. Die Bundesminister Heiko Maas (Justiz) und Wolfgang Schäuble (Finanzen) müssten vor allem den Vertrieb umgehend beschränken, „so dass diese Produkte nicht mehr beworben und empfohlen werden dürfen“, sagte die Leiterin Finanzen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), Dorothea Mohn, dem „Handelsblatt“ (Dienstagausgabe). Genussrechte könnten viele Verbraucher in den finanziellen Ruin treiben. Prokon sei dafür nur ein Beispiel in einer Reihe von Skandalen, so Mohn.

In Schleswig-Holstein spielt Prokon bei der Erzeugung von Windenenergie eher eine kleine Rolle. Derzeit sind im Norden nach Angaben des Kieler Energieministeriums 3600 Megawatt Windenergie installiert. Laut Prokon-Homepage gab es Stand Ende November Investitionen in fünf realisierte Windparks in Schleswig-Holstein mit einer Gesamtleistung von gut 37 Megawatt. Bundesweit hat das Unternehmen Geld investiert in Windkraftanlagen mit 458,2 Megawatt und in Polen in Windanlagen mit 68 Megawatt.