Lehren aus der Pandemie?

Wedeler regt Lockdown als Lebensform der Zukunft an

| Lesedauer: 11 Minuten
Alexander Sulanke
Klimaschutzfonds-Vorsitzender Michael Koehn auf einem Archivfoto vor dem Regal des Vereins in der Stadtbücherei.

Klimaschutzfonds-Vorsitzender Michael Koehn auf einem Archivfoto vor dem Regal des Vereins in der Stadtbücherei.

Foto: HA

Klimaschutzfonds-Vorsitzender Michael Koehn hält „Kneipen, Theater und Nagelstudios“ für verzichtbar. Das Rathaus sieht das anders.

Wedel. Die Corona-Pandemie als große Chance auf eine bessere Welt – so sieht es der Wedeler Michael Koehn in seiner Funktion als Vorsitzender des Klimaschutzfonds. Im Namen des Vereins, der auf seiner Homepage unter anderem Stadt, Stadtwerke und Stadtsparkasse als seine Unterstützer aufzählt, hat der 64-Jährige einen radikalen Umbau der Gesellschaft angeregt, in der einiges für immer so bleiben würde, wie es jetzt im Lockdown ist. Titel seines Thesenpapiers: „Positive Pandemie – was wir aus Corona lernen können“ – „Positive Pandemie“ in Anführungszeichen geschrieben. Der Text sei mit dem Vorstand abgestimmt, so Autor Koehn auf Nachfrage.

Im Fokus seiner Überlegungen: Konsum, Kultur und Genuss. „Viele Menschen haben sich im Laufe des vergangenen Jahres selbst gefragt, was bei ihnen wirklich Bedarf ist – und was nur Bedürfnisse sind, die von einer profitorientierten Industrie geweckt worden sind“, so Koehn. „Was in unserem täglichen Leben ist wirklich notwendig – und was war nur ,nice to have‘?“ Die Pandemie habe vielen gezeigt, wie relativ einfach – wenn auch erzwungenermaßen – es gewesen sei, Verhalten zu ändern. Daraus folgert Koehn: „Jeder sollte sich selbst hinterfragen, ob jeder Verzicht eine Einschränkung ist, oder ob die Rückbesinnung auf das Wesentliche nicht langfristig zufriedener macht – und unseren Kindern und Enkeln eine bessere, gesündere Lebensgrundlage schafft.“

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Theater nur „nice to have“?

Und dann wird er ganz konkret: „Uns ist durchaus bewusst, dass wir dabei auch Lösungen finden müssen für die Menschen, die bisher von unserem (Über-)Konsum gelebt haben. Dazu gehören hier bei uns beispielsweise Kneipen, Theater oder Nagelstudios“, ebenso seien es die zu prekären Löhnen arbeitenden T-Shirt-Näherinnen in Bangladesch, Sojabauern in Brasilien oder die Sortierer unseres Mülls in Indien.

Eine weitere Neuerung in Lockdown-Zeiten, die der Wedeler für dauerhaft erstrebenswert hält, betrifft den Schulunterricht. Koehn: „Wie wäre es, wenn wir anstatt neue Klassenräume zu bauen, die höheren Jahrgänge im Wechsel unterrichten? Zwei Klassen teilen sich einen Raum!“ Das erspare den Kommunen, die infolge der Pandemie ohnehin finanziell stark belastet seien, Bau- und Planungskosten, es führe zu weniger Bodenversiegelung und trage dazu bei, den Verkehr zu reduzieren.

Voraussetzung sei allerdings, dass alle Schüler über ein Endgerät verfügen und dass ein Zugang zu schnellem Internet so selbstverständlich werde, wie es der Strom- und der Wasseranschluss längst sind.

Diskussionsstoff für das Rathaus

Den Mobilitätsbedarf zu reduzieren – dazu trage auch Homeoffice bei. Koehn stellt hier auch den wirtschaftlichen Vorteil für Unternehmen, die dieses Modell praktizieren, gegenüber ihren Mitbewerbern heraus, weil sie weniger Büroflächen benötigten und Umfragen zufolge die zufriedeneren Mitarbeiter hätten.

Koehns Thesen dürften für Diskussionsstoff sorgen. Im Wedeler Rathaus jedenfalls sind sie schon mit Interesse gelesen worden; Stadt und Klimaschutzfonds haben in der Vergangenheit zusammengearbeitet. Etwa hat der Klimaschutzfonds seine Solaranlage auf dem Dach der Wedeler Stadtverwaltung installiert und eine Anschubfinanzierung geleistet, um die Stelle der damaligen Klimaschutzmanagerin Simone Zippel zu etablieren.

Was also würde die Umsetzung der Koehnschen Ideen für eine Stadt Wedel bedeuten? Bürgermeister Niels Schmidt sagt auf Anfrage: „Ob der Zusammenhalt der Menschen – der uns ja gerade zu einem erheblichen Teil durch die Krise trägt – auf Dauer rein digital und ohne Begegnungsmöglichkeiten in Schule, Freizeit, Kultur und Beruf aufrechterhalten werden kann, daran habe ich starke Zweifel.“ Für ihn, so Schmidt weiter, gehörten der stationäre Einzelhandel, lokale Dienstleister und die Gastronomie elementar zu einem Stadtleben dazu. „Welchen Beitrag diese für die Versorgung und den Zusammenhalt der Stadtgesellschaft leisten, zeigt zum Beispiel die Lokalhelden-Initiative der Wedeler Kaufleute.“

Auch dürfe nicht außer Acht gelassen werden, dass der stärkere Ausbau digitaler Infrastruktur durch seinen Energie- und Ressourcenbedarf nicht nur positive Auswirkungen auf das Klima habe „und dadurch eben nicht quasi zum ökologischen Nulltarif zu haben wäre“.

Gleichwohl gehe auch er mit Blick auf die Corona-Pandemie davon aus, dass die Erfahrungen, die in den verschiedenen Lebensbereichen im vergangenen Jahr gemacht worden seien, an vielen Stellen zu Veränderungsprozessen führen werden. Sie seien zum Teil, wie bei der Digitalisierung, gut sichtbar eingeleitet. Schmidt: „Wie diese Änderungen aber genau aussehen werden, das wird erst die Zeit zeigen müssen.“

Die Verwaltung betont unterdessen, dass die Stadt kein Mitglied im Klimaschutzfonds und an dem Papier „Positive Pandemie“ zu keinem Zeitpunkt beteiligt gewesen sei.

Was meinen Sie?

Was halten Sie von den Vorschlägen des Klimaschutzfonds-Chefs Michael Koehn aus Wedel? Zu wie viel Verzicht wären Sie dauerhaft bereit? Schreiben Sie uns gern per E-Mail: pinneberg@abendblatt.de.

Den kompletten Text „Positive Pandemie“ finden sie hier:

„Positive Pandemie“, Michael Koehn:

„Die Pandemie ist fürchterlich und bringt viele an den Rand des Zusammenbruchs. Wir wollen hier allerdings nicht in den Chor derer einstimmen, die „Schuld“ verteilen für alles Mögliche, was nicht (gut) funktioniert hat. Sondern wir möchten den Versuch unternehmen, einmal zu sehen, ob wir aus dieser Zeit nicht auch etwas Positives mitnehmen können. Und da fiel uns mehr ein, als wir es selbst für möglich gehalten hatten:

Wir haben beispielsweise gelernt, was Zoonosen sind! Abgesehen vom neuen Begriff in unserem Wortschatz, haben wir aber auch Zusammenhänge zwischen unserem Handeln und den daraus resultierenden Folgen erkannt. Je mehr wir unsere menschlichen (vermeintlichen) Bedürfnisse rücksichtslos zu erfüllen versuchen, desto gravierender können die Folgen sein.

Alle impfen – Stärkere müssen Schwächere unterstützen

Im Zusammenhang mit dem Virus wird uns erst langsam klar: Es geht nur zusammen!

Wenn wir westlichen Staaten allen Impfstoff aufkaufen und unsere Bevölkerungen durchimpfen, bleiben die Menschen in zahlreichen ärmeren Ländern ungeschützt. Dort werden sich dann mit Sicherheit Mutationen entwickeln, die neue Pandemien auslösen. Die Lehre kann also nur sein: Alle impfen! Hier offenbart sich die Parallele zum Kampf gegen den Klimawandel: Es geht auch hier nur, wenn alle mitmachen, wenn Stärkere Schwächere unterstützen!

Digitalisierung der Schulen vorantreiben

Wir haben gesehen, dass Home-Schooling bei älteren Schülern ganz gut klappen kann. Voraussetzungen sind allerdings, dass jeder Schüler über ein Endgerät verfügt, dass zuhause WLAN vorhanden ist und dass Lernsoftware stabil und sicher zugänglich ist.

Die Pandemie hat uns gelehrt, dass die Digitalisierung der Schulen sehr schnell vorangetrieben werden kann (auch, wenn wir hier noch lange nicht am Ziel sind). Einige Schulen verteilen auch Laptops oder Tabletts an ihre Schüler (ähnlich, wie es seit Jahrzenten mit Schulbüchern Usus ist).

Ein wichtiger Schritt: Versorgung mit schnellem Internet

Wenn wir es -trotz des föderalen Kuddelmuddels- jetzt noch schaffen, kompatible Systeme und vergleichbare Software bundesweit einzusetzen, wären wir einen großen Schritt weiter. Ein weiterer wichtiger Schritt wäre, wenn die Versorgung mit schnellem Internet genauso zum Standard wird, wie der Wasser- oder Strom-Anschluss. Hier sind die Versorger unsere wichtigen Partner, in Wedel die Stadtwerke.

Diese Voraussetzungen lassen uns nun zu einem Punkt kommen, der Umwelt- und Klimaschutz tangiert: Bauen verursacht erhebliche Emissionen an CO2, besonders bei der Produktion von Zement oder Stahl-Beton. Deutliche CO2-Senken werden nur geschaffen, wenn verstärkt wieder mit Holz gebaut würde (In der Hamburger Hafen-City entsteht gerade das weltweit höchste Hochhaus aus Holz).

Home-Office kann Ressourcen sparen

Wie wäre es, wenn wir, anstatt neue Klassenräume zu bauen, die höheren Jahrgänge im Wechsel unterrichten, zwei Klassen teilen sich einen Raum! Das spart z.B. den Kommunen -die durch Corona ohnehin finanziell stark belastet sind- Bau- und Planungskosten, verhindert Bodenversiegelung und vermindert Verkehr.

Auch das Home-Office kann Ressourcen sparen. Langfristig haben Unternehmen, die wegen vieler „Heimarbeiter“ weniger Bürofläche benötigen, einen wirtschaftlichen Vorteil vor den Mitbewerbern – auch, weil, Umfragen zufolge, Mitarbeiter zufriedener sind, wenn sie an einigen Tagen zuhause arbeiten dürfen. Und das reduziert den Mobilitätsbedarf.

Vor Corona gab es in Diskussionen oft den Standpunkt, wir können den Klimawandel mit technischen Mittel aufhalten (geo-engineering), persönlicher Verzicht sei nicht notwendig. Während der Pandemie haben viele von uns die Erfahrung gemacht, dass vieles, was wir vorher als existentiell angesehen hatte, eigentlich gar nicht so wichtig ist. Wir übten Verzicht und -wenn man Umfragen glaubt- ging es einer überwiegenden Mehrheit dabei ganz gut, zumindest nicht so schlecht, wie erwartet worden war.

Viele Menschen haben sich im Laufe des vergangenen Jahres selbst gefragt, was bei Ihnen wirklich Bedarf ist – und was nur Bedürfnisse, die von einer profitorientierten Industrie geweckt worden sind. Was in unserem täglichen Leben ist wirklich notwendig – und was war nur „nice to have“? Wir wollen hier nicht die totale Askese predigen, aber wir glauben, einer erheblichen Anzahl von Menschen jeden Alters ist klar geworden, dass vieles, was sie kauften oder taten nur Selbstzweck war und vielfach keinen tatsächlichen Nutzen brachte. Die Pandemie hat viele von uns gezeigt, wie relativ „einfach“ -wenn auch gezwungenermaßen- es war, Verhalten zu ändern. Nutzen wir diese Erfahrung für unsere Zukunft!

Jeder sollte sich selbst hinterfragen, ob jeder Verzicht eine Einschränkung ist oder ob die Rückbesinnung auf das Wesentliche nicht langfristig zufriedener macht – und unseren Kindern und Enkeln eine bessere, gesündere Lebensgrundlage schafft. Es wurde berichtet, dass viele Menschen wieder anfingen, selbst zu kochen. Das macht (gemeinsam) Spaß und es ist gesünder, als das überzuckerte, fettige Zeug, das als Fertiggericht oft angeboten wird.

Uns ist durchaus bewusst, dass wir dabei auch Lösungen finden müssen für die Menschen, die bisher von unserem (Über-) Konsum gelebt haben. Dazu gehören hier bei uns beispielsweise Kneipen, Theater oder Nagelstudios, aber ebenso die zu prekären Löhnen arbeitenden T-Shirt-Näherinnen in Bangladesch, Sojabauern in Brasilien oder die Sortierer unseres Mülls in Indien. Schon diese kurze Aufzählung macht deutlich, dass auch „am anderen Ende“ der Welt einige Aufgaben warten – die langfristig ein besseres Leben für viele und eine gesundere Umwelt für alle zum Ziel haben müssen!“

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