Kreis Pinneberg

Eine Birne für Freundschaft und Völkerverständigung

Comic-Künstlerin Lisa Stachnik, Fachdienstleiter Burkhard Springer und Holger Junker vom Stadtmuseums beim Pflanzen des Birnenbaums.

Comic-Künstlerin Lisa Stachnik, Fachdienstleiter Burkhard Springer und Holger Junker vom Stadtmuseums beim Pflanzen des Birnenbaums.

Foto: Sven Kamin / Stadt Wedel

Ein neuer Baum im Museumsgarten soll Wedels spärliche Kontakte zur französischen Partnerstadt Caudry beflügeln.

Wedel.  Ein Baum. Symbol für Leben, Schutz, Wachstum, Hoffnung. Was wäre ein besseres Sinnbild für die Freundschaft zwischen Wedel und der französischen Partnerstadt Caudry als das Pflanzen eines Baumes?

Genau dies ist geschehen: im Garten des Stadtmuseums Wedel. Und es ist nicht irgendein Baum, den Museumsleiter Holger Junker, Burkhard Springer (Fachdienstleiter Bildung, Kultur und Sport) und die Wedeler Comic-Künstlerin Lisa Stachnik im Museumsgarten gepflanzt haben. „Ich habe mich für eine französische Sorte entschieden, eine Boscs Flaschenbirne“, sagt Junker.

Dies sei eine besonders ertragreiche, widerstandsfähige Sorte mit sehr leckeren, gelblich-bräunlichen Früchten. Und mit einer spannenden Geschichte: „Die Boscs wurde um 1800 entdeckt und 1922 zur Reichsobstsorte gekürt“, erzählt der Museumsleiter, „damals wurden je drei Apfel- und drei Birnensorten ausgewählt, die vorrangig angebaut werden sollten. Dazu kam es jedoch wegen der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs nicht wie geplant.“

Stiftung hat den floralen Neuzugang gespendet

Der historische Aspekt, der dem Leiter des Stadtmuseums wichtig ist, war aber nicht der einzig ausschlaggebende für die alte französische Birnensorte: „Ein Birnbaum ist gleich ein doppelt schönes Symbol: Zum einen ist die Veredelung von Birnbäumen seit jeher eine französische Spezialität. Zum anderen ist die Birne spätestens seit Theodor Fontanes Gedicht ‚Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland‘ ein Zeichen für vorausschauendes und großherziges Handeln. Dieser Baum wird, so er an seinem neuen Standort gut gedeiht, deshalb viele Jahre lang an die lebendige Verbundenheit von Caudry und Wedel erinnern“, sagte Junker während der Pflanzaktion.

Gespendet wurde der florale Neuzugang im Museumsgarten von der Kurt und Karin Barnekow–Stiftung (KUBAH-Stiftung). „Die lebendige Verbundenheit von Caudry und Wedel“ – damit ist es nach Meinung von Andreas Müller und Olaf Wuttke (Grüne) nicht allzuweit her. „Die ‚Freundschaft‘ beschränkt sich mehr oder weniger darauf, dass sich Delegationen der Rathäuser alle zwei Jahre besuchen“, klagt Wuttke, bekennender Frankophiler mit einer Leidenschaft für den französischen Frauenfußball und französische Chansons. Mit dem ehemaligen Französischlehrer Müller hat er deshalb eine Initiative gestartet, die die Freundschaft mit der nordfranzösischen Stadt vertiefen soll.

Die Idee: „Die Freundschaft auf mehr Schultern verteilen“, so Wuttke. Treffen sollten sich nicht auf die Rathäuser und Schulen beschränken. Auch etwa Sportvereine, kulturelle und soziale Einrichtungen oder berufliche Gruppen könnten sich austauschen und besuchen, schlagen die Frankreich-Fans vor.

2021 sollen Ideen für die Belebung besprochen werden

Bei Bürgermeister Niels Schmidt treffen die beiden Herren auf offene Ohren: „Die Stadt Wedel ist sehr froh über das Engagement von Herrn Wuttke und Herrn Müller, weil es genau dieses bürgerliche Engagement ist, das Wedel bisher ein wenig gefehlt hat.“ Tatsächlich sei die Partnerschaft mit Caudry lange vor allem von der Politik und der Verwaltung getragen gewesen – „mit den entsprechend endlichen Kapazitäten, die für so eine schöne und wichtige aber eben nicht Kernaufgabe einer Verwaltung aufgebracht werden können.“

Man sehe am Beispiel Caudry, wo das Städtepartnerschaftsengagement zusätzlich von einem privaten Verein getragen sei, dass gerade der Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern noch einmal zusätzlichen Schwung bringen könne. Anfang 2021 wollen sich Schmidt, Wuttke und Müller treffen, um Ideen für die Belebung der Städtepartnerschaft zu besprechen. Wuttke ist zuversichtlich: „Ich freue mich sehr, dass wir mit unserer Initiative im Rathaus das Bewusstsein für die Freundschaft wieder geschärft haben.“

Vertrauen, Freundschaft und Mitgefühlt

Bürgermeister Schmidt misst Städtepartnerschaften aber durchaus eine große Bedeutung zu: „Städtepartnerschaften ganz generell öffnen neue Horizonte, gerade auch, wenn sie zwischen zwei Städten bestehen, deren Kultur im Alltag der anderen nicht ständig präsent ist.“ Selbstverständlich seien sie auf Verwaltungsebene ständig im Austausch mit anderen Kommunen aus der Region und dem Bundesland – „aber da sind der rechtliche Rahmen und die Mentalität natürlich schon sehr ähnlich und vertraut. Eine Städtepartnerschaft zwingt vor allem erstmal die beteiligten Menschen, sich aus dieser vertrauten Zone hinauszubewegen.“

Die Begegnungen im freien Umfeld schafften ganz schnell eine bessere Vertrautheit mit dem Alltag und der Mentalität des jeweiligen Gegenübers. „Und Vertrautheit ist ja eine ganz wichtige Bedingung, damit Vertrauen, Freundschaft und Mitgefühl über Ländergrenzen hinweg wachsen kann.“

Das habe er selbst so erlebt, erzählt Schmidt weiter: „Durch den persönlichen Kontakt mit meinem Amtskollegen Frédéric Bricout und den anderen Menschen aus Caudry gehen mir Nachrichten über Freud und Leid in Frankreich sehr viel näher, als wenn dieselben Nachrichten aus einem Land kämen, in dem ich niemanden kenne.“ Deshalb trügen gerade Projekte wie Städtepartnerschaften oder Jugendaustauschprogramme generell zu einer größeren Verbundenheit zwischen Menschen aus verschieden Ländern und Kulturen bei. Schmidt: „Und das kann ja nur gut sein.“