Fussball

Einmal den Kindern zeigen, was der Papa kann

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Wolfgang Helm
Stets ein sicherer Rückhalt: Torwart Sinanudin Omerhodzic in seiner Zeit beim Wedeler TSV – hier in der Saison 2010/2011.

Stets ein sicherer Rückhalt: Torwart Sinanudin Omerhodzic in seiner Zeit beim Wedeler TSV – hier in der Saison 2010/2011.

Foto: Michael Stemmer / HA

Sinanudin Omerhodzic lässt sich von Michael Fischer als zweiter Keeper von Oberligist SVR anheuern. Das nach über vier Jahren Ruhestand

Bönningstedt.  Tochter Mayla war erst drei Jahre alt und Sohn Nael noch gar nicht zur Welt gekommen, als er im Oktober 2017 aus Verbundenheit zum frisch gekündigten Trainer Michael Fischer seinen Abschied beim VfR Horst einreichte und seine aktive Zeit für beendet erklärte. Nun hat Sinanudin Omerhodzic einen glühenden Wunsch. „Meine Kinder sollen ihren Vater einmal auf dem Rasen in Aktion erleben.“

Über sein mögliches letztes Spiel macht der Keeper sich bereits Gedanken

Diesen Tag hat sich der Mann, den der SV Rugenbergen jetzt als Torwart für den Notfall engagiert hat, so ausgemalt: „Unser Klassenerhalt in der Oberliga steht hoffentlich so frühzeitig fest, dass Michael keine Bedenken haben muss, mir einen Einsatz zu schenken. Die ganze Familie ist dabei. Das wäre dann das Karriere-Finale, von dem ich immer geträumt habe.“ Was sich in Bönningstedt lieber niemand ausmalt: Stammkeeper Patrick Hartmann verletzt sich oder handelt sich eine Sperre ein. Kann Omerhodzic im fortgeschrittenen Fußballer-Alter von 45 Jahren dann tatsächlich eine Hilfe für das Team sein?

Ein Nebensatz während des Telefonats stellt die Weichen für Omerhodzic

So weit hat Fischer gar nicht gedacht, nicht mal im Ansatz, als er sich Ende Dezember nach dem Befinden des Torhüters, der ihn über ein Jahrzehnt begleitet hatte und zu dem der Kontakt nie abgerissen war, erkundigte. Omerhodzic fuhr im Auto von seinem Zweitwohnsitz in Essen nach Hamburg-Schnelsen, als ihn der Anruf erreichte. „Ich könnte auch mal wieder ein bisschen Sport vertragen“, sagte er während des Telefonats ganz nebenbei. Ein Satz, der eines Tages noch über Wohl und Wehe des SVR entscheiden könnte. Denn Fischer griff ihn sofort auf. „Dann schau doch einfach mal bei uns vorbei.“ Ein paar Tage später war Omerhodzic zweiter Torwart der Bönningstedter, die so den Verlust des zum SC Egenbüttel zurückgekehrten Patrick Marciniak halbwegs aufzufangen versuchen.

Schon 2009 reißt Michael Fischer den Torhüter aus seiner Auszeit

Erinnerungen kommen auf an den Winter 2009. Als Diplom-Informatiker einer Züricher Firma für Hörgeräte ist Omerhodzic in der ganzen Welt unterwegs. Beim VfL Pinneberg hat er deshalb 2008 nach zwei Jahren eine Pause eingelegt. Bis ihn auch damals Michael Fischer (VfL-Trainer) anruft. „Sini, wir brauchen dich.“ Pünktlich erscheint Omerhodzic einmal aus Toronto, einmal sogar aus Sydney zum Sondertraining bei Fischers Assistent David Fock, inzwischen SVR-Ligamanager, und zu den Punktspielen in der Landesliga.

Unterbrochen immer wieder von beruflichen Herausforderungen, beehrt er später den Wedeler TSV und noch zweimal den VfL. Ein in jeder Hinsicht positiv „Verrückter“, wie er eigentlich im Buche steht. In Berlin geboren und auf der Insel Brac im heutigen Kroatien aufgewachsen, plant er mit 16, sich zum Piloten ausbilden zu lassen. Unter 10.000 Bewerbern wird er angenommen, dann holt ihn der Vater wegen der politischen Unruhen im damaligen Jugoslawien nach Berlin zurück.

Der Wirtschaftsinformatiker ist für einige Jahre bis 2020 Torwarttrainer in Heidenheim

An der dortigen Technischen Universität studiert er Wirtschafts-Informatik. Seine berufliche Laufbahn: ein Steilflug. Bei der Paul-Hartmann AG mit Sitz in Heidenheim, langjähriger Hauptsponsor des ansässigen Zweitliga-Clubs, ist er nach seiner Schweizer Zeit als Chief Information Officer (CIO) für den reibungslosen Betrieb der IT-Systeme verantwortlich. Nebeneffekt: Er bleibt dem Fußball als einer von mehreren Torwart-Trainern des 1. FC Heidenheim und von Nachwuchsteams dieses Clubs erhalten.

Bis er im Oktober 2020 als Geschäftsführer IT zu Aldi Nord wechselt und von da an „nur“ noch zwischen dem Firmensitz in Essen und seiner Hamburger Wohnung hin und her pendelt.

Gleich im ersten Testspiel geht der Schuh von Omerhodzic kaputt

Und dann muss sich auch einer wie er gelegentlich mit den banalen Dingen des Alltags abgeben. Bei seinem 25-minütigen Einstand als SVR-Keeper auf dem Kunstrasen des TuS Osdorf (2:5) platzte die Sohle seines rechten Stiefels auf. „Lange nicht mehr im Gebrauch. Ich bin dann einen Tag später gleich los und hab neue Schuhe gekauft.“

Am Dienstag gegen den FC Süderelbe (1:1) fehlte er, weil ihn sein Arbeitgeber nach Essen in die Eckenbergstraße rief. Nachdem sie zwischendurch den Trainingsbetrieb aufgrund einer internen Corona-Erkrankung eingestellt hatten, durfte sich Omerhodzic erstmals am Donnerstag von den Teamgefährten unter Beschuss nehmen lassen.

Das ausgeglichene Gemüt des neuen Keepers ist ein Gewinn für die Mannschaft

„Zwei Torleute im Kader haben ja auch den Vorteil, ein vernünftiges Trainingsspiel abhalten zu können“, sagt Michael Fischer. Mit seiner Ruhe, die er ausstrahlt, und seiner guten Laune, die er meistens verbreitet, gilt Sinanudin Omerhodzic außerdem als Gewinn für den SV Rugenbergen.

Am Sonntag in Buchholz wird er aber nur ins Tor gehen, wenn sich Patrick Hartmann verletzen sollte

Klarer Fall: Im Auswärtstreffen am Sonntag bei Buchholz 08, wo für alle Anwesenden, auch Zuschauer, die 2G+-Regel gilt, zählt er zum Aufgebot. Was Michael Fischers und David Focks Freund im Ernstfall noch zu leisten imstande ist, das allerdings will so rasch niemand wissen. Denn das hieße ja, dass Patrick Hartmann, der eine tadellose Saison spielt, dann etwas zugestoßen sein müsste.

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