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Ohne Faustball geht es für Rouven Kadgien nicht

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Frederik Büll
Kampf um jeden Ball: Rouven Kadgien (23) beim Nationencup 2021.

Kampf um jeden Ball: Rouven Kadgien (23) beim Nationencup 2021.

Foto: Christian Kadgien / privat / privat

Der Jugend-Weltmeister aus Pinneberg betreibt seinen Sport seit 19 Jahren. Auch durch Verletzungen lässt er sich nicht aufhalten

Pinneberg.  Vor 23 Jahren kam Rouven Kadgien in Pinneberg auf die Welt. Vielleicht zählte das Wort „Faustball“ schon früh zum erweiterten Wortschatz. Schließlich begann im zarten Alter von vier Jahren die aktive Faszination für das Rückschlagspiel mit zwei Mannschaften, einem Ball und einem Band. 19 Jahre Faustball – und immer noch Bock wie am ersten Tag? „An den ersten Tag kann ich mich jetzt nicht ganz so erinnern, aber motiviert bin ich schon noch“, sagt der Nationalspieler mit einem Lächeln.

Sein Vater Christian (59), der noch heute aktiv ist, übertrug die Leidenschaft für den Sport. Die Faustball-Jugendsparte bauten beide gemeinsam auf, 2012 folgte der Wechsel zum VfL Kellinghusen. Dem Vernehmen nach, ging die Leistungsbereitschaft im Training bei den damaligen Teamkollegen zurück – bei Rouven Kadgien nicht. Einer wie er setzt sich sportliche Ziele und möchte sie auch erreichen. Das geht nur mit harter Arbeit. Kürzlich war Rouven Kadgien mit Deutschland beim Nations Cup dabei – der Ersatzveranstaltung für die bereits zum zweiten Mal Pandemie-bedingte Absage der EM in Schneverdingen.

Beim Nationscup ging es gegen fünf weitere Länderauswahlen

Kadgien und seine Mitspieler trafen sich zu Vergleichen mit Dänemark, Italien, Schweiz, Österreich und Belgien. Deutschland verpasste den Finaleinzug, weil eine 2:1-Satzführung noch aus der Hand gegeben wurde und die Schweiz drei Durchgänge in Folge für sich entschied. Immerhin reichte es zu Bronze durch einen glatten 4:0-Sieg über Italien.

Kadgien hat ohnehin schon jede Menge Titel eingesammelt. Er war zweimal Weltmeister (2014, 2016) mit der U18 und auch Europameister in dieser Altersklasse (2015) sowie mit dem U21-Nationalteam (2017, 2019). Dazu kommen drei Deutsche Jugendmeisterschaften mit dem VfL Kellinghusen und viele weitere Auszeichnungen.

Nun ist er für die World Games im kommenden Jahr in Birmingham (USA) nominiert worden. Für nicht-olympische Sportarten eines der größten Events. „Im Herrenbereich fange ich ja jetzt gerade erst so richtig an. Ein paar Länderspiele habe ich schon, und die Bronzemedaille ist so quasi der erste Erfolg. Wobei ein dritter Platz ja ausbaufähig ist“, sagt der Faustballer, der sich auch auf kleineren Ebenen wohlfühlt. Im Herbst des Vorjahres wechselte er vom VfL Kellinghusen aus der 1. Bundesliga in die 2. Bundesliga nach Hohenlockstedt zum TSV LoLa (Lockstedter Lager). „Wir sind in dieser Saison nur knapp am Aufstieg gescheitert. Das nehmen wir uns dann eben fürs kommende Jahr vor“, sagt Kadgien.

In der Hallensaison will sich Kadgien ein wenig schonen

In der anstehenden Hallensaison möchte er etwas kürzertreten. Ein Impingement-Syndrom in der Schulter bereitet ihm Probleme. Die Schulter ist quasi seine Achillesferse, die sich bei übermäßiger Belastung meldet; das schon seit mehreren Jahren. Auch mit Kniebeschwerden (Patellaspitzensyndrom) kennt er sich seit einigen Wochen bestens aus.

Aber ans Aufhören aus gesundheitlichen Gründen denkt Rouven Kadgien trotzdem nicht. „Ich möchte so lange wie möglich spielen und so erfolgreich wie möglich sein. Es gibt ja fünf unterschiedliche Positionen im Faustball. Vorne rechts und links sind die mit der Schulterbelastung. Wenn es zu schlimm wird, wechselt man halt woanders hin und läuft als Zuspieler oder in der Abwehr auf, Hauptsache Faustball spielen“, sagt Kadgien, der in Kellinghusen mit seiner Freundin Lisa – selbstverständlich ebenfalls Faustballerin – wohnt.

So leicht kriegt man einen Kadgien eben nicht vom Feld. Ein Handgelenkbruch wurde einst erst Wochen später entdeckt und operiert. Seinen Bachelor-Abschluss, Lehramt Sport und Biologie, möchte Rouven Kadgien, der auch U18-Trainer der Landesauswahl war, an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel absolvieren.

Der 23-Jährige hat seine Liebe zu Bäumen entdeckt

Aber – Stand jetzt – hat er etwas gefunden, dass ihm mehr Spaß macht. Er arbeitet als Baumpfleger in Hohen­westedt und bildet sich parallel in dem Bereich fort. „Ich bin der Typ, der in Anführungsstrichen gern Profi in etwas ist und die Theorie dann auch gerne praktisch anwendet. Dieses Aufsagen von Theorie, um es dann irgendwann Stück für Stück zur Anwendung zu bringen, war nicht so meins“, sagt der Sportler, der mit seinem Hobby kein Geld verdient.

Wenn er nicht gerade auf dem Feld oder in der Halle steht, um Bälle über das Netz zu ballern, kümmert er sich um seine etwa 40 Bonsai-Bäume im eigenen Garten. Jene nehmen ebenfalls viel Zeit in Anspruch, um aus einem Steckling „etwas Vorzeigbares“ hinzubekommen. Das dauert acht Jahre oder länger. Kadgien muss Freude an einer Sache haben, nur dann gibt er richtig Gas. In Düsseldorf macht er eine Ausbildung zum anerkannten Bonsai-Gestalter.

Im Faustball gibt es für den Jugendweltmeister nur vollen Einsatz

Wenn sich im Faustball andere hängen lassen und immer unmotivierter werden, ist ihm das unerklärlich. „Bei LoLa spiele ich mit vielen Jüngeren zusammen, die ich auch schon lang kenne. Das Team ist ambitioniert und möchte was erreichen“, sagt Kadgien, der sich – um die Noten zu verbessern – dem Abiturstress an der Pinneberger Theodor-Heuss-Schule sogar zweimal in Folge stellte.

Faustball hat eher eine große Vergangenheit in Deutschland. Vor dem zweiten Weltkrieg gab es fast 12.000 in Vereinen organisierte Teams bundesweit, es war Teil des Schulsports. Anschließend, als Sport wieder eine Rolle spielen konnte, überholten König Fußball und andere Ballsportarten den Faustball im Sauseschritt.

In Schleswig-Holstein gibt es nur noch 1200 Faustballer

Momentan gibt es in Schleswig-Holstein etwa 1200 Faustballer. Im Kreis Pinneberg hält neben dem VfL noch der TSV Uetersen die Faustball-Fahne hoch. Für die Hallensaison 21/22 sind zwölf Frauen- und 27 Männerteams gemeldet. Im Jugendbereich gibt es 34 Teams und 13 Gastmannschaften aus Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Dänemark. Bundesweit gibt es gibt es etwa 40.000 Aktive in diesem Sport. Das sind Zahlen, die nicht gerade auf einen Boom aus der Nische zurück auf die große Bühne schließen lassen.

Kadgien allein kann es nicht wirklich ändern, ist aber Feuer und Flamme für Faustball, auch wenn dem Sport die Anerkennung fehlt, die er eigentlich verdient hätte: „Faustball ist ähnlich wie Volleyball sehr dynamisch, sehr athletisch. Und technisch ebenfalls sehr anspruchsvoll, auch was die Koordination betrifft.“ In seinem Freundeskreis belächelt niemand diesen Sport, der Großteil war oder ist selbst aktiv und hat Respekt vor der Leistung. Und dem Einsatz, der zumindest bei Rouven Kadgien bei mindestens 100 Prozent ist.

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