Football und Jugend

„Wir brauchen diese großen, schweren Jungs“

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Ulrich Stückler
Uwe Altemeier, 2. Vorsitzender des Elmshorner MTV, mit seinen Big Boys, den Footballern Daniel Claus (22, l.), der gerade Österreichischer Meister geworden ist, und Julian Pelka (24), Center der Fighting Pirates. Beides junge Männer, deren Leben ohne Football wohl ganz anders verlaufen wäre.

Uwe Altemeier, 2. Vorsitzender des Elmshorner MTV, mit seinen Big Boys, den Footballern Daniel Claus (22, l.), der gerade Österreichischer Meister geworden ist, und Julian Pelka (24), Center der Fighting Pirates. Beides junge Männer, deren Leben ohne Football wohl ganz anders verlaufen wäre.

Foto: Ulrich Stückler / HA

Die Footballer Daniel Claus und Julian Pelka sind Beispiele für die Integrationswirkung des Sports. Uwe Altemeier vom EMTV hilft dabei

Elmshorn.  Wenn Julian Pelka vor einem steht, entspannt lächelnd, im freundlichen Plauderton mit einem redend, dann fällt es schwer zu glauben, wie sich der heute 24-Jährige im Rückblick auf die Jugend- und Schulzeit selbst einschätzt. „Als ich halb so alt war, da war ich kein wirklich angenehmer Umgang“, sagt der frischgebackene Familienvater und Mitarbeiter eines großen Zustelldienstes. „Genau genommen könnte man mich als den Rüpel der Schule bezeichnen. Ich war unausgelastet, habe mir falsche Freunde gesucht, meine Energien in die falsche Richtung gelenkt. Und weil ich damals schon mit 13, 14 Jahren über 100 Kilo gewogen habe, war ich auch schwer zu bändigen. Dann kam der Football, und damit hat sich vieles bei mir geändert.“

Daniel Claus hat 2013 den Weg zum Football gefunden

Zwar deutlich friedlicher, aber dennoch auch komplett gegensätzlich zum Heute ist die Selbsteinschätzung von Daniel Claus: Der 22-Jährige – Marke großer gemütlicher, blonder Brummbär – ist mit seinen über zwei Metern noch mal gut 15 Zentimeter größer als Pelka und bringt mit aktuell 139 Kilogramm auch einen guten Zehner mehr auf die Waage. „Aber heute sind das zu einem großen Teil auch Muskeln“, sagt Claus, der wie Pelka, dieser aber schon im Jahr 2009, vor rund acht Jahren beim Elmshorner MTV und dessen Fighting Pirates seine Leidenschaft für den American Football entdeckt hat. „Ich wollte zwar schon als kleinerer Junge immer was unternehmen, auch mich bewegen, aber die ersten Sportarten waren nicht so befriedigend.“

Es gab Versuche im Fußball und auch einige Jahre lang im Hockey, wobei Claus immer von seinen Eltern gefördert wurde. „Aber ich war schon als Kind sehr ,stabil‘, habe mit 14 Jahren bereits über 100 Kilo gewogen“, erinnert sich Daniel, „da hast du das Gefühl, mittendrin und doch nicht ganz dabei zu sein.“ Eben halt das – vermeintliche – Los der großen schweren Jungs im Sport.

Uwe Altemeier versucht, auch schwergewichtige Jugendliche zum Sport zu bringen

Und das Wohl solcher Jungs – und natürlich auch Mädchen – die nicht dem allgemeinen Athletikstandard entsprechen, sich aber dennoch sportlich betätigen wollen beziehungsweise gar nicht wissen, dass sie es überhaupt können, das hat sich Uwe Altemeier auf die Fahnen geschrieben. Der zweite Vorsitzende des EMTV bringt aus seiner über 35-jährigen Tätigkeit im medizinischen Bereich von AstraZeneca ein enormes Fachwissen mit, das er nun in seiner Funktion als Sportentwickler und Gesundheitsberater in Elmshorns großem Breitensportverein umsetzen kann.

Neben der Athletik hat der Sport, insbesondere Football, eine hohe soziale Komponente

Das, und ein großes Maß an Verständnis für die soziale Komponente des Sports. Und beim American Football läuft da vieles anders. „Beim Fußball ist es gerne mal so, dass du als Neuer in den ersten 14 Tagen vielleicht wahrgenommen wirst, mehr möglicherweise auch nicht“, erzählt Altemeier aus seinem Erfahrungsschatz. „Dagegen ist die Willkommenskultur beim Football ein entscheidender Faktor dafür, dass die Jungs sich sagen, dass sie das ausprobieren wollen. Ungeachtet von sozialem Status, woher man kommt: Beim ersten Training im Teamhuddle wirst du gleich in die Gemeinschaft aufgenommen. Du wirst vorgestellt, ,Das ist Daniel.‘, dann sagen alle ,Hallo Daniel.‘ – und von da an bist Du ein Teil des Teams.“

Mit dem Football kam das Gefühl, in einem Team gebraucht zu werden

Die „Rettung“ 2013 auch für Daniel Claus wie schon vier Jahre zuvor für Julian Pelka. Der war 2009 über die Schul-Sozialpädagogin Anja Schwarzer an Uwe Altemeier und sein Projekt vermittelt worden. „Vor dem Football, wer war ich da? Fast ein philosophische Frage“, meint Daniel Claus. „Ich war ein unglücklicher Teenager. Ich hatte immer Lust mehr zu machen, hatte nicht das Richtige gefunden. Erst in meiner Jugendfootball-Karriere habe ich mich gewollt und gebraucht gefühlt, meine Teamkameraden haben sich auf mich verlassen. Da hatte ich das Gefühl, es ist ein Platz, bei dem ich bleiben kann.“

Beide Spieler, wegen ihrer robusten Konstitution in der Line eingesetzt, der vorderen Spielerreihe, eint in ihrem Werdegang, dass mit der sozialen Anerkennung im Team auch der Erfolg kam. So gehörte Pelka zum Pirates-Kader, der 2019 nach zehn Jahren in diesem Sport den Aufstieg in die GFL schaffte.

Im September 2020 wird Daniel Claus beim Jugendcamp der Fighting Pirates entdeckt

Und Daniel Claus? Ihn haben die Swarco Raiders Tirol im September 2020 beim Elmshorner Jugendcamp entdeckt. Der Youngster wagte, nachdem sich die Alpenländler intensiv um ihn beworben haben, den Sprung nach Innsbruck und wurde diesen Juli prompt Österreichischer Meister. Uwe Altemeier: „Solche Beispiele machen es doch deutlich: Wir brauchen diese großen Jungs.“

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