Sport und Pandemie

„Große Vereine sind durch Corona stärker betroffen“

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Ulrich Stückler
Uwe Hönke ist Geschäftsführer des VfL Pinneberg sowie Sprecher der Pinneberger Sportallianz und der Holsteiner Runde.

Uwe Hönke ist Geschäftsführer des VfL Pinneberg sowie Sprecher der Pinneberger Sportallianz und der Holsteiner Runde.

Foto: Ulrich Stückler / HA

Der Sport darf ab März auf Lockerungen hoffen. Das Abendblatt unterhielt sich Uwe Hönke, Sprecher von Sportallianz und Holsteiner Runde

Pinneberg.  Nach Monaten des Lockdowns zeichnet sich als Resultat der letzten Corona-Gesprächsrunde zwischen Kanzlerin Merkel und den Landesregierungen nun für die Sportvereine und anderen Sportanbieter im Kreis Pinneberg einleichter Silbertstreif am Horizont ab.

Die Golfclubs planen mit einer Wiederöffnung vom 1. März an. Und auch die in der Pressekonferenz noch recht allgemein gehaltene Formulierung mit der – bei weiterhin positivem Trend im Inzidenzrückgang – zeitnahen Betretungserlaubnis für Sportanlagen und dem Gestatten von Individualsport lässt die Vereine hoffen, ihren Mitgliedern neben dem unverändert zulässigen Gesundheitssport auf Verordnung nun bald wieder mehr als nur Onlinekurse bieten zu können.

Doch wie steht es um die großen Breitensportvereine im Kreis Pinneberg nach rund einem Jahr ohne Normalbetrieb unter dem Regelwerk der Pandemieeindämmung? Kommt die absehbare Lockerung noch rechtzeitig? Haben Landes- bzw. Staatshilfen gegriffen? Das Hamburger Abendblatt hat mit Uwe Hönke, Geschäftsführer des VfL Pinneberg sowie Sprecher der Pinneberger Sportallianz und der Holsteiner Runde, gesprochen.

Herr Hönke, wie geht es dem VfL Pinneberg?

Uwe Hönke Unverändert im Vergleich zum Jahreswechsel. Wir haben, wie schon im letzten Quartal kommuniziert, rund 600 Mitglieder weniger als zum Jahresbeginn 2020. Aber wir haben in diesem Jahr keine Eintritte, was nicht verwundert, und täglich gehen immer noch Kündigungen ein oder Runterstufungen auf Passivbeitrag. Jeder Tag, den das so weitergeht, macht die Lage einen kleinen Schritt bedrohlicher.

Wie sind Sie über die Lage der Großvereine hier in Pinneberg und den 21 weiteren Vereinen in der Holsteiner Runde informiert? Zeichnet sich da ein einheitliche Bild ab?

Die Holsteiner Runde bildet sich aus Vereinen mit rund 2000 Mitgliedern und aufwärts. Allen gemein ist, dass sie über eine Hauptamtlichkeit verfügen, alle vereinseigene Anlagen haben, viel investieren und viel Personal haben. Die Angebotsstruktur dieser Vereine ist sehr stark auf den Fitness-, Gesundheits- und Breitensport ausgerichtet. Insbesondere im Fitness- und Gesundheitssektor, wo wir uns im höherpreisigen Bereich bewegen, weil entsprechende Ausstattung und entsprechend qualifizierte Personal vorgehalten werden müssen, da haben wir auch höhere Austrittszahlen.

Gibt es dafür Zahlen, die das Problem ein wenig greifbarer machen?

Am Beispiel des VfL sei gesagt, dass wir rund zwölf Prozent Mitgliederverlust verzeichnen, aber etwas über 15 Prozent an Beitragsverlust, weil die Austritte aus dem Hochpreis-Segment kommen, also Fitness- und Gesundheitsbereich. Die klassischen Disziplinen wie die Mannschaftsballsportarten sind relativ stabil.

Und diese Tendenzen sind bei den vom Angebot her gleich strukturierten Vereinen auch alle gleich gelagert?

Das ist es. Wir tauschen uns untereinander aus. Wir haben Zahlenmaterial zusammen- und dem Landessportverband zur Verfügung gestellt, der diese Daten dazu genutzt hat, um gegenüber der Landesregierung Argumente für die Soforthilfe zu liefern. Es ist ganz klar und sollte jeder mittlerweile begriffen haben, dass große Vereine durch die Coronapandemie stärker betroffen sind als kleine und mittlere, die eine ganz andere Vereins-, Kosten und somit auch Beitragsstruktur haben. Deswegen bleiben dort die Mitglieder; sie haben zwar ebenfalls Verluste, aber auch deutlich weniger Kosten und gehen eher plusminus Null aus der Geschichte heraus.

Davon sind die Großvereine weit entfernt?

Wenn wir dagegen beim VfL Pinneberg nun zu Jahresbeginn eine Hochrechnung machen und 2020 zu 2021 gegenüberstellen, dann fehlt uns zurzeit ziemlich genau eine Viertelmillion an Beiträgen. Tendenz steigend, denn die Beitragsdisposition, die unser Programm ausspuckt, basiert darauf, dass alle Mitglieder so bleiben, wie sie sind. Da kommen normalerweise immer welche zu, stattdessen gehen aber bei uns täglich Beitragsreduzierungen oder Kündigungen ein. Nach dem ersten Quartal 2021 werden wir weitere Verluste offiziell verkünden müssen.

Stichwort Mitglieder. Wohl und Wehe eines Vereins hängen von ihnen ab. Gibt es Rückmeldungen? Ist Solidarität zu erkennen?

Die ist sogar sehr breit zu erkennen. Wir haben zwar 600 Mitglieder verloren, doch das ist vorrangig auf die fehlenden Eintritte zurückzuführen; die Austrittszahl ist zwar angestiegen gegenüber vergleichbaren Zeiträumen, aber längst nicht so hoch, wie sie in den Anfängen der Pandemie zu befürchten war. Bei uns Großvereinen ist eine Vereinstreue sehr stark ausgeprägt. aber das ist eine endliche Geschichte. Das Kernproblem liegt darin begründet, dass wir die übliche Fluktuation nicht durch Eintritte ausgleichen konnten.

Obwohl in den Sommermonaten 2020 doch wieder ein halbwegs normaler Sportbetrieb angeboten werden konnte?

Nach dem ersten Lockdown und ersten Schritten des stufenweisen wieder Hochfahrens konnten wir ja nur unsere bestehenden Mitglieder mit einem Angebot halbwegs abdecken; bei Einschränkungen der Gruppengrößen konnten wir keine neuen Mitglieder gewinnen.

Alles eine komplexe Problematik. Wie kommunizieren Sie mit Ihren Mitgliedern?

Wir haben einen großen Kommunikationsmix, weil wir auch eine große Bandbreite an Mitgliedern haben, die wir alle unterschiedlich abholen müssen in der Kommunikation. Sei es die Homepage, Mail, Whatsapp, Facebook oder verschiedene Online-Plattformen. Als Verein nutzen wir zum Beispiel Cody zur Verbreitung unseres Fitnessangebots.

So viel Sie als VfL oder die anderen Großvereine auch anbieten, die Mitarbeiter müssen schon zurückstecken?

Beim VfL ist es so: Von unseren hauptamtlichen Mitarbeitern aus dem Sport- und Verwaltungsbereich sind bis auf zwei alle in Kurzarbeit. Die Minijobber mussten wir vorübergehend abmelden, die freien Mitarbeiter können zurzeit auch von uns leider nicht beschäftigt werden.

Was lassen die angekündigten Lockerungen zu? Wie viel Vereinsleben halten Sie vom
1. bzw. 7. März an für möglich?

Beim ersten Lockdown war es ja so, dass man zuerst kleinere Gruppen zuließ; dabei wurde unglücklich differenziert zwischen Kontaktsport und kontaktfreien Sportarten. Aber auch sogenannte Kontaktsportarten wie Handball oder Fußball kann man im Training doch kontaktfrei ausüben; da wünschen wir uns praxisnähere Regelungen. Jedenfalls wird der Sport stufenweise mit Blick auf die Inzidenzzahlen hochgefahren werden; wir werden kommende Landesverordnungen aufmerksam studieren. Ein erster Schritt könnte zum Beispiel das Zulassen von Familiensport sein, dass wir für Familien Hallen oder Funktionsräume öffnen. Das ist aber nur ein gutes Signal, würde uns substanziell aber nicht weiterhelfen. Vieles hängt auch davon ab, wann Schulhallen wieder freigegeben werden.

Fühlen sich die Vereine – teilweise – von der Politik verlassen?

Das ist sehr ambivalent. Eins muss man ja sagen, wir sind in Schleswig-Holstein finanziell bei der Soforthilfe weit besser gestellt, als in anderen Bundesländern. Schon beim ersten Lockdown gab es 15 Euro pro Mitglied. Bei der Soforthilfe 2.0, die läuft noch bis Ende Februar, werden wohl wieder 15 Euro pro Mitglied ausgeschüttet. Im Topf sind etwa zwei Millionen; wenn die Antragssumme das übersteigt, würde es entsprechend weniger pro Verein sein. Hier hat sich die Politik sehr für die Vereine eingesetzt. Leider mussten wir aber landesweit beobachten, dass der Erfolg einer Antragstellung vom damit befassten Sachbearbeiter abhängen kann. Um hier Interpretationsspielraum herauszunehmen, wäre eine mögliche Lösung, Zuschüsse weniger bürokratisch zum Beispiel nach der Anzahl verlorener Mitglieder zu bemessen.

Und wo gibt es Kritikpunkte?

Wir würden uns wünschen, dass stärker auf die gesellschaftliche Rolle des Sports eingegangen wird. Es hilft uns nichts, wenn in vielen politischen Grußworten von sozialem Kitt gesprochen wird und von der starken gesellschaftlichen Kraft des Sports – und jetzt, wo der Sport helfen kann, dies nicht ausreichend gewürdigt wird. Es wird vom Land zu wenig verstanden, dass Sport ein Teil der Lösung und nicht ein Teil des Problems ist. Der organisierte Sport mit all seinen positiven Effekten muss in die Lösungsstrategie eingebunden werden. Stichworte wären da psychosomatische Auswirkungen oder Vereinsamung. Sportler sind ja per se an ein Regelwerk gewöhnt. Insofern war und ist es kein Thema, Hygienekonzepte einzuhalten und aus der Pandemie wieder herauszukommen.

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