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Rellinger Talent: Mit links will er in die Bundesliga

Robin Velasco fixiert im Derby gegen den FC St. Pauli den Ball. Falls es mit der Profi-Karriere nicht klappt, möchte er zur Polizei.

Robin Velasco fixiert im Derby gegen den FC St. Pauli den Ball. Falls es mit der Profi-Karriere nicht klappt, möchte er zur Polizei.

Foto: ABS Michael Schwarz

Robin Velasco strebt eine Profi-Karriere beim Hamburger SV an. Starker linker Fuß ist das Markenzeichen des ehemaligen SCE-Spielers.

Rellingen. „#thewayup“. Schon sein Instagram-Schlagwort sagt etwas aus über Robin Velasco. Da will einer nach ganz oben. Ein Rellinger Junge (18) strebt eine Karriere als Bundesliga-Fußballer an. Und zwar beim HSV. Nur der HSV, der in nicht ganz leichten Zeiten die Richtung einschlägt, seine eigenen Talente mehr denn je zu fördern.

Der Fan der Rothosen von Kindesbeinen an traute seinen Ohren kaum, als ihn Mutter Gaby an einem Tag im Frühjahr 2012, den er nie vergessen wird, mit diesen Worten in Empfang nahm. „Die Scouting-Abteilung hat angerufen, Du sollst unbedingt zum Probetraining beim HSV erscheinen.“ Der neun Jahre alte Robin zögerte. Die Freunde beim SC Egenbüttel verlassen? Das war für ihn nur schwer vorstellbar. Gleichzeitig freute ihn das Interesse ungemein. Die Mutter und auch Vater Manuel, seit über 50 Jahren Kicker des Niendorfer TSV, sowie Schwester Jenni bestärkten ihn, diese Chance zu ergreifen.

Der Rechtsaußen mit spanischen Wurzeln ist heute froh, den Rat angenommen zu haben. Fachleute stuften ihn jetzt als „Jugendspieler des Jahres“ im Bereich des Hamburger Fußball-Verbandes (HFV) ein. Jugend-Auswahltrainer Oliver Madejski untermalte die Ehrung mit vielen lobenden Worten. „Robin ist technisch sehr begabt, fintenreich, schnell, explosiv, drahtig, durchsetzungsfähig.“ Und dann gibt es da ja noch seine gefürchtete linke „Klebe.“

Der 12. Dezember 2019 in Israel. Die deutsche U18-Nationalmannschaft besiegt die Gastgeber beim Winterturnier 3:2. Nach dem 1:2 zwei Abende vorher gegen Serbien hat Trainer Christian Wörns, früherer Nationalspieler in Diensten von Borussia Dortmund, Paris SG und Bayer Leverkusen, elf Umstellungen vorgenommen. Neu in der Startelf taucht auch Robin Velasco auf, der seinen Auftritt in der 51. Minute mit einem Ausrufezeichen versieht. Ein schwach abgewehrter Flankenball von Victor Gorny (Hannover 96) landet genau vor seinen Füßen. Genauer: vor seinem linken. Seitlich vom Elfmeterpunkt zögert er nicht mit dem Torschuss. Die Kugel schlägt unhaltbar in der rechten Ecke ein – 2:0 für Deutschland. Es ist eine Szene, die Arne Hansen überhaupt nicht erstaunt. „Schon in jungen Jahren hatte Robin einen Schuss mit links wie ein Erwachsener.“ Hansen (47) ist neben Andreas Ramisch zweiter Trainer der Egenbütteler A-Junioren (Landesliga). 2007 war er Betreuer der E-Junioren, als der fünf Jahre alte Robin an der Hand von Ricardo Velasco (25) erstmals am Moorweg auftauchte und sich entschied, dem großen Bruder nachzueifern. Was Hansen sofort auffiel. „Robin war immer einer der Ersten und Letzten beim Training, konnte gar nicht genug bekommen vom Fußball. In den Spielen stach er heraus und lieferte oft ganz besondere Aktionen.“

Obwohl immer wieder von Verletzungen heimgesucht, ging es Schritt für Schritt voran. 2014 in Bönningstedt vom HFV gesichtet wurde der Rellinger im Juni 2016 mit der Auswahl der Hansestadt Dritter der Norddeutschen Meisterschaft. Einen Monat später erfolgte die Einladung zur deutschen U15, für die er ebenso wie für die U16 zwei Einsätze bestritt. Es wären wohl einige mehr geworden, hätte er nicht 2018 einen Syndesmosebandriss, rechter Fuß, erlitten.

Sein Weg nach oben – mit Höhen, aber auch von Tiefen begleitet. „Ich war ein halbes Jahr komplett raus.“ Michael Fischer, früherer Vertragsspieler des FC St. Pauli in der 2. Liga, jetzt Trainer des SV Rugenbergen (52), fühlt sich an sein eigenes Schicksal erinnert. „Erst spielst du vor 20.000 Zuschauern am Millerntor. Dann ist schlagartig alles vorbei. Stirnhöhlenwand-Bruch.“ Weil er sein Abitur nicht vernachlässigte, kam der Appener sicher im Berufsleben unter (Förderschul-Lehrer). Robin Velasco hat sein Fach-Abitur in Hamburg am Bertliner Tor bestanden und will sich bei der Polizei ausbilden lassen, wenn es mit dem Profi-Fußball nicht klappt.

Aber er kämpft darum und arbeitet hart, dass der Stadionsprecher im Volksparkstadion eines Tages seinen Namen vorträgt. Und wie. Ein Auszug aus seinem Programm diese Woche, Montag: 16 bis 17 Uhr: Krafttraining, 18 bis 20 Uhr Teamtraining. Dienstag: dasselbe, aber vormittags noch eine zusätzliche Stunde Training. Mittwoch: wieder drei Stunden Training, zwischendurch ein Besuch beim Physiotherapeuten. Donnerstag: 14 bis 15 Uhr Schusstraining, 18 bis 20 Uhr Teamtraining. Freitag: 16 bis 17 Uhr Freistoßtraining, dann wieder Teamtraining. An Muskulatur legt er kräftig zu.

Mal übernachtet er bei den Eltern in Rellingen, mal im HSV-Campus, je nach Erschöpfungsgrad. Zum Vorbereitungsspiel vor dem Punktspielstart in der A-Jugend-Bundesliga Nord/Nordost geht es heute ins 220 Kilometer entfernte Kalletal (Nordrhein-Westfalen). Der HSV-Nachwuchs trifft sich dort auf halber Wegstrecke mit Viktoria Köln.

Velasco ist regelmäßig am Rellinger Moorweg zu Besuch

Überlastet scheint Robin Velasco aber nicht zu sein. Den Ball unter den Arm geklemmt, hat ihn Arne Hansen schon mehrfach zu den Nebenplätzen am Moorweg schreiten sehen. Zusätzlich zum Teamtraining dreht sein einstiger Schützling dort seine Runden und legt sich hinterher, noch ausgepumpt, den Ball auf dem Rasen solange zurecht, bis er ihn so und so viele Male im Tor untergebracht hat. Auch mit rechts übrigens.

Sein Bezug zum SC Egenbüttel besteht auch darin, nach Möglichkeit die Spiele der A-Jugend des Clubs zu besuchen. Dass er, den längst eine Agentur (EMG Mundial) berät, dabei nicht den kommenden Star raushängen lässt, wundert Hansen ebenso wenig wie der Torerfolg in Israel. „Robin ist der geblieben, der er immer war. Ruhig, freundlich, geerdet.“ Die gesamte SCE-Familie drückt nun die Daumen, dass einer aus ihrer Mitte seine Träume verwirklichen darf. Und was ist, wenn diese Träume wie bei so vielen Nachwuchshoffnungen vor ihm platzen? „Dann sind wir trotzdem stolz auf ihn und das, was er schon geleistet und erreicht hat“, sagt Arne Hansen.