Pinneberg
Fußball

„Ich hing am Radio und habe mitgeschrieben“

Jürgen Jähnig (57) sucht im Archiv des Hamburger Abendblatts nach Ergebnissen früherer Fußballreisen.

Jürgen Jähnig (57) sucht im Archiv des Hamburger Abendblatts nach Ergebnissen früherer Fußballreisen.

Foto: FOTO: Ulrich Stückler / Ulrich Stückler

Jürgen Jähnig (57) wuchs in der DDR auf, wurde aber durch den Rundfunk Fan von norddeutschen Amateurspielen – und sucht Ergebnisse.

Pinneberg.  An diesem Sonntag könnten die Verantwortlichen von
Fußball-Bezirksligist Raspo Uetersen gerne einmal darauf achten, ob sie beim Heimspiel gegen den SC Egenbüttel ein unbekanntes Gesicht unter den Zuschauern im Rosenstadion entdecken.

Gut möglich, dass sich Jürgen Jähnig von seiner Pension in Tornesch aus in Bahn und Bus gesetzt hat, um sich diese Partie des Daueraufsteigers der letzten Jahre anzuschauen.

Ja und? Ist doch nichts Besonderes? Von wegen! Hinter dem 57-Jährigen liegen rund 540 Kilometer Anreise per Fernzug und Regionalverkehr. So viele Kilometer für dieses Spiel, das weit oben auf seiner langen Fußball-Wunschliste steht – und viele, viele Jahre des Wartens.

Jürgen Jähnig lebt in Görlitz, an der Grenze zu Polen. Geboren wurde der Lehrer und Erzieher in Dresden. Hinter dem „Eisernen Vorhang“, der bis 1989 die beiden Teile von Deutschland trennte. Doch diese in vielerlei Hinsicht entbehrungsreiche Zeit hatte den damals noch jungen Mann nicht davon abgehalten, eine Leidenschaft für den westdeutschen Fußball zu entwickeln. Genau genommen für die Kicker des Nordens.

„Ich habe, wann immer es die atmosphärischen Bedingungen zuließen, mit dem Radio die damals noch kombinierte Welle von NDR1 und WDR1 gehört“, erinnert sich Jähnig mit leicht nostalgischem Ton in der Stimme. „Da gab es sonntags immer eine Sendung am Spätnachmittag oder Vorabend. In der hat Gerd Krall vom NDR die Ergebnisse der kleineren Amateurligen verlesen. Und ich habe am Radio gesessen und eifrig mitgeschrieben. Das habe ich mit dieser Sendung so gemacht – und über Kurzwelle auch mit der Hansa-Welle von Radio Bremen. Ich war begeistert und wollte alles über diese Ligen in Westdeutschland wissen..“

Dann kam das, was Jürgen Jähnig nur „das Ende der Besatzungszeit“ nennt. 1989 fiel die Grenze, die Deutschland bislang zerrissen hatte. Der Startschuss für Jähnig, seine bislang nur in der Theorie gelebte Leidenschaft vor Ort in die Tat umzusetzen. „Ich habe mir, wann immer es zeitlich möglich war, Kurzurlaube im Norden gegönnt. Immer mit Bahn und öffentlichen Verkehrsmitteln“, erzählt Jähnig. „Ich wollte möglichst Plätze von den kleinen Vereinen besuchen, die ich im Radio gehört hatte, und dort zumindest ein Spiel sehen.“

Wenig überraschend sammelt Jürgen Jähnig auch Souvenirs wie Wimpel, Anstecker oder Programmhefte. „Aber dann hat mich ein Freund gefragt, ob ich denn auch Buch führe über die Spiele, die ich besucht habe; da habe ich vor zehn Jahren begonnen, alle meine Spiele aufzuschreiben -- nur die Zeit davor wies halt sehr große Ergebnislücken auf.“

Und diese weißen Flecken will der Fußball-Tourist nun mit Zahlen füllen, indem er seine Kicker-Wallfahrten um einen Aufgabenpunkt erweitert. „Ich bin ja nicht im Internet unterwegs. Also besuche ich Redaktionen von Lokalzeitungen aus den Gegenden, wo ich damals Spiele besucht habe und hoffe, dass sie ein Archiv haben. Und so trage ich Stück für Stück die Ergebnisse meiner Fußballreisen nachträglich zusammen.“

Auch beim Hamburger Abendblatt wird Jürgen Jähnig fündig, als er die großen Ordner mit den alten Ausgaben durchblättert. Freudestrahlend notiert er ein 1:1 für das Spiel vom 26. April 2000 zwischen Blau-Weiß 96 und Germania Schnelsen. Wieder ein Puzzlestück der Erinnerung weniger, das er suchen muss.