Pinneberg
Pferdesport

„Nützt ja nix, einer muss den Job ja machen“

Das prämierte, erst vier Monate alte Holsteiner Stutfohlen, das momentan nur einen Spitznamen trägt, läuft noch brav an der Seite der 13 Jahre alten Mutterstute Balance. Züchter Harald Sellhorn (70) und Tochter Nina (28) verwöhnen die Mama. 

Das prämierte, erst vier Monate alte Holsteiner Stutfohlen, das momentan nur einen Spitznamen trägt, läuft noch brav an der Seite der 13 Jahre alten Mutterstute Balance. Züchter Harald Sellhorn (70) und Tochter Nina (28) verwöhnen die Mama. 

Foto: Melanie Mallon

Der Tangstedter Landwirt Harald Sellhorn führt seinen Reitstall mit Hingabe. Er ist die ganze Woche über zwölf Stunden täglich im Einsatz

Tangstedt. 70 Jahre – in diesem Alter genießen die meisten Menschen seit einem halben Jahrzehnt den wohlverdienten Ruhestand, betüdeln die Enkel, verreisen ausgiebig oder kümmern sich um den heimischen Garten. Harald Sellhorn lebt in einer anderen Welt. Der Mikrokosmos des 70-Jährigen umfasst gut 65 Hektar und ist bestimmt von Arbeit. Sehr viel und harter Arbeit.

Der Tangstedter ist Landwirt und Reitstallbesitzer; eine Doppelbelastung, die es in sich hat. Zurzeit ist es besonders stressig, zusätzlich bereitet er das große Sommerturnier vor, das er am Wochenende auf seinem Hof ausrichtet. Sellhorn steht jeden Morgen um 5.15 Uhr auf, eine halbe Stunde später beginnt sein Arbeitstag, der selten vor und häufig erst nach 20 Uhr endet. Und das sieben Tage in der Woche. Lediglich zwei Stunden Mittagspause gönnt er sich; selbst die muss jetzt während der Heuernte oft genug ausfallen. „Nützt ja nix“, sagt Sellhorn lakonisch, zuckt mit den Schultern. Wer Harald – so nennen ihn alle auf dem Hof – trifft, begegnet einem Mann, dem die 70 Jahre nicht wirklich anzusehen sind.

Volles Haar, kräftige, Figur ohne Plautze, große Hände, die zupacken können und müssen, wache Augen, die manchmal listig blitzen. Ein Pragmatiker, der immer direkt und mitunter stur und kompromisslos ist. Einer, der durchaus charmant und witzig sein kann; einer, der immer für einen Spruch gut ist. „Wie hältst du es bloß mit deiner Frau aus?“, sagt er augenzwinkernd zu dem Einsteller, dessen Angetraute Sellhorn gerade mit ihrem ausgeprägten Sinn für Papierkram konfrontriert. „Ich arbeite dran“, entgegnet der Kunde und lächelt. Die Dame seines Herzens ergänzt: „Ich bin nun mal so, ich kann nicht anders.“

Sellhorn hat es nicht immer leicht mit seiner Klientel, deren 80 Pferde in seinen Stallungen stehen. Pferdehalter sind in der Regel kommunikativ, freundlich und hilfsbereit – aber auch häufig ein wenig speziell.

„Jeder Einsteller hat Sonderwünsche, manchmal muss ich die Ohren auf Durchzug schalten, viel geht allerdings über WhatsApp. Die Pferde­besitzer sind mit der Einstreu für die Box sehr pingelig; andere meinen, es gibt zu wenig Heu, die nächsten meckern über den Futtermix aus Heu, Hafer und Müsli; letztlich sehen hier alle Pferde gut aus“, sagt Harald Sellhorn. „Und einige Pferdehalter haben auch einfach Gesprächsbedarf. Das sehe ich aber ganz entspannt, zumal ich für meine Kunden immer ansprechbar bin.“

Auf Umwegen hat es Sellhorn zum Hofbesitzer gebracht. Nach der Handelsschule machte er eine Lehre zum staatlich geprüften Landwirt. „Da ich auf dem Hof meines Vaters nur wenig verdienen konnte, habe ich mir einen Job in der Stadt gesucht.“ Zunächst arbeitete er als Verkaufsfahrer, dann stieg Sellhorn beim Backring Nord ein, einem der führenden Fachgroßhändler für das Back- und Eishandwerk. „Dort war ich 17 Jahre lang, brachte es bis zum Verkaufsleiter und verdiente gutes Geld, das zuverlässig jeden Monat auf meinem Konto landete.“

Diese Ära der materiellen Sicherheit und der geregelten Arbeitszeiten war dann mit einem Schlag vorbei, als Sellhorn 1988 den Hof seines Vaters erbte. Zunächst versuchte er es mit der Viehzucht und Ackerbau, 1994 gründete er den Reitstall, baute die erste Reithalle mit zunächst 30 Boxen. „Der erste Heuschnitt in diesem Jahr war mit 750 Heuballen ganz passabel“, sagt Sellhorn. „Bis Ende August sind hoffentlich noch 300 weitere Ballen machbar.“ Was für den 70-Jährigen wieder bedeutet, auf die Mittagspause zu verzichten und oft bis zu Erschöpfung zu arbeiten.

Auch nach dem „Warnschuss“ packt der 70-Jährige voll an

Dass er an seine Grenzen geht, würde er nie zugeben. Er jammert nicht, er packt an. Vor drei Jahren kam dann der Warnschuss: Sellhorn wachte nachts mit Brustschmerzen und Herzrasen auf. Sein Hausarzt wies ihn sofort in eine Klinik ein. Diagnose: Herzrhythmus-Störungen, der dringende Rat: Stress vermeiden! Doch wie soll das funktionieren? Nur drei Rumänen arbeiten für Sellhorn; seine Kinder haben sich beruflich anders orientiert. Ole (44) ist Garten- und Landschaftsgestalter, Hendrik (30) Schifffahrtskaufmann, Karsten (41), genannt Kalle, ein Buchhalter und Feingeist mit Hang zur klassischen Musik.

Allein Nina (28), Wirtschaftspsychologin, steht ihm regelmäßig zur Seite. Kürzertreten liegt für den 70-Jährigen also nicht drin: „Nützt ja nix“, wiederholt Sellhorn sein Credo, „einer muss den Job ja machen.“