Pinneberg
Fussball

Ein ganzes Dorf hilft mit beim sportlichen Höhenflug

Foto: Meincke Kalle

Hetlinger MTVplant große Geburtstags-Gala zum 70-jährigen Bestehen der Fußballsparte und den Aufstieg in die Bezirksliga

Hetlingen.  Still und starr ruht das Deichstadion in seinem Winterkleid. Doch abseits der malerischen Kulisse bewegt sich was bei den Kreisliga-Fußballern des Hetlinger MTV. Abteilungsleiter Michael Kirmse (49) hat die Planungen der Feierlichkeiten anlässlich des
70. Geburtstags der Sparte fast abgeschlossen.

In der Mehrzweckhalle am Sportplatz kommt es am 14. Juli zur großen Gala mit Live-Band und Verbandspräsident Dirk Fischer als Ehrengast. Einen Tag später ist jeder zum Frühschoppen und zur Übertragung des WM-Endspiels auf einer riesigen Leinwand eingeladen. Kirmse prophezeit „ein rauschendes Fest, wenn Deutschland wieder das Finale erreicht.“ Es wäre nicht das erste, seitdem der gebürtige Hesse (Limburg) 2011 zum Chef der HMTV-Kicker gewählt wurde.

Am 30. Juni 2015 ließen sich 1600 Fans – mehr Menschen, als in Hetlingen wohnen – das Gastspiel des FC St. Pauli (2. Bundesliga) nicht entgehen. Allein der Finaltag beim traditionellen Turnier um den Wanderpokal der Raiffeisenbank Elbmarsch mit anschließendem Konzert von Lotto King Karl am 15. Juli 2016 zog 900 Besucher an, genau so viele der zweitägige STW-Energie-Cup ein Jahr später mit Beteiligung von drei Oberligateams (SC Victoria, Wedeler TSV, HSV Barmbek-Uhlenhorst).

Bei bitterer Kälte lockte das „Jahrhundert“-Oddset-Pokalspiel am 13. Februar 2018 gegen Buchholz 08 immerhin 270 Zuschauer hinter dem Ofen hervor. „An einem milden Abend im April oder Mai wären es doppelt so viele gewesen“, glaubt Trainer Marc Zippel (50), seit November 2016 im Amt. Und er nennt auch gleich den Namen der Person, die es offenbar versteht, das Dorf zusammenzuschweißen. „Michael Kirmse ist der Macher. Der redet nicht nur, der packt an.“

Als Dockmeister der Wilhelmsburger Norderwerft legt Kirmse reparaturbedürftige Schiffe bis 12.500 Tonnen trocken. Erholung vom Broterwerb fand er schließlich in Hetlingen, wo er sich 2004 ein Haus mit Garten hinstellte. Anfänglich begleitete er nur Sohn Felix, heute 20 und Spieler der 2. Herren, der in der HMTV-Jugend kickte.

Als es mit den Männern steil bergab ging, sah er sich das nicht lange an und stellte sich zur Wahl. Zunächst holte er Vlado Bogner als Nachfolger des verdienten Trainers Hans-Jürgen Schulze, der keine Lust mehr verspürte. „Da waren wir in der Kreisklasse und am Boden. Wir hatten keinen Kassierer, der Förderkreis war fast gestorben und dann hörte auch noch Hansi auf.“

Im direkten Gespräch bat Kirmse die Nachbarn und seine Kontakte in den umliegenden Gemeinden um Hilfe. Daraus entstand im Laufe der Zeit ein engagiertes Team ums Team. Karin Jürgensen aus Heist setzte sich ins Kassenhäuschen und übernahm auch den florierenden Fußball-Kindergarten. Ex-Ligastürmer Ralf Koskowski ist Kopf bei der Organisation der Termine, kräftig unterstützt von Gunnar Michel, Jens Haartje, Knut Kröger und Björn Böttcher. Holger Wernstedt geht Platzwart Dieter Wahlers als „Kreidemeister“ zur Hand, Jörg Schuldt leitet den Verkauf unter der 2016 neu errichteten Ost-Tribüne. Alexandre Thomßen und Björn Seider sprechen die potenziellen Werbepartner an und sind für die Außendarstellung zuständig. Zur großen Familie zählen auch sämtliche Trainer der vier Nachwuchsteams, Jonas Hübner (Co-Trainer in der Kreisliga), Carsten Hlede und Timo Albrecht, Trainer der Zweiten. Nachwuchscoach Nico Schneider und Thomßens Sohn Julian waren bei der Begrüßung der Buchholzer für das Feuerwerk auf der Deichkrone zuständig.

„Unser Erfolg und das Interesse an uns beruhen auf der Arbeit von vielen Ehrenamtlichen, nicht eines einzelnen“, betont Michael Kirmse. Der Club macht Schlagzeilen, erstmals seit 1995, als Kapitän Uwe Marquardt – inzwischen 53 und bei guter Gesundheit – mit einem Herzschrittmacher Regie führte. Seine Geschichte war dem NDR seinerzeit eine große Fernsehreportage wert.

Im Vorjahr wurde Hetlingen Vizemeister in der Kreisliga 7

Vizemeisterschaft 2017, erstmaliger Gewinn des Raiba-Cups und des Vorturniers beim Bert-Meyer-Cup des VfL Pinneberg, der Vorstoß in die fünfte Runde des Oddset-Pokals, das sind die erfreulichen Resultate bislang unter Federführung von Marc Zippel. Der Halstenbeker geht mit dem Drei-Jahres-Plan, den ihm Kirmse mit auf den Weg gab, konform. „Spätestens 2020 wollen wir in der Bezirksliga spielen.“ Der aktuelle Kader gibt zumindest wieder einen Spitzenplatz in der Kreisliga her. Um gute Trainingsbedingungen zu schaffen, ist für den Herbst zudem der Bau eines Kunstrasen-Kleinfeldes geplant.

Zippel holte vor der Saison Könner, mit denen er schon in höheren Klassen zusammenarbeitete (Aleksandar Pavlovic, Ishmael Brown), dazu. Im Januar kam auch noch Stürmer Fatih Simsek (SV Eidelstedt, davor TBS und VfL Pinneberg II). Philipp Drews, Marco Bassen, Kapitän Jesse Plüschau und Fabian Ecke beendeten in der Zwischenzeit ihren jeweiligen Auslandsaufenthalt, Julian Moldenhauer kehrte vom HEBC zurück.

Zippel sieht sein Aufgebot für die knallharten „englischen Wochen“, die aufgrund vieler Spielausfälle bevorstehen, gut gewappnet. In den Wochen der Unbespielbarkeit der Plätze verfügt er nicht nur in der Grundschule Haseldorfer Marsch über Hallenzeiten, sondern auch in der Blankeneser Führungsakademie der Bundeswehr. Keeper Daniel Kleinworth und Nachwuchscoach Nico Schneider sind dort angestellt. Viermal diesen Winter geht’s zudem in die Pinneberger Kampfsportschule Golden Lions. Die Hetlinger sind bereit, endlich die Muskeln spielen zu lassen. Pech: Erneut stehen ihnen wie 16/17 (SC Nienstedten) ambitionierte Ausnahmemannschaften im Weg (Union 03, TuS Osdorf II). Allenfalls kann es die Vizemeisterschaft werden, so scheint es. Die reichte im Vorjahr nach der Abschaffung der Aufstiegsrunden aufgrund des vergleichsweise schlechten Punktequotienten nicht zum Einzug in die Bezirksliga. „Gebt uns die Relegation zurück“, wünscht sich Marc Zippel vom HFV. „Das sind doch die interessantesten Spiele der gesamten Saison.“

Alexandre Thomßen könnte dann wieder die Pappschilder hervorholen, die er bastelte und im Materialraum unter dem Tribünendach einlagerte. „Mit Herz und Leidenschaft zum Sieg“ ist darauf zu lesen, und noch mehr. Zahlreiche Fans traten gegen die Buchholzer an den Spielfeldrand und hielten die Großbuchstaben aus Klebeband in die Höhe. Die Hetlinger Kicker antworteten mit einem Banner. „Danke für die tolle Unterstützung. “ Ein Dorf und eine Fußballmannschaft halten eng zusammen.