Pinneberg
Neuaufbau

Uetersen: Flüchtlinge retten Fußballabteilung

Pablo Moreira (untere Reihe rechts mit Ball) ist Spielertrainer der neu zusammengestellten Uetersener Kreisklassen-Mannschaft. Er spielte früher für den VfL Pinneberg und Wedeler TSV

Pablo Moreira (untere Reihe rechts mit Ball) ist Spielertrainer der neu zusammengestellten Uetersener Kreisklassen-Mannschaft. Er spielte früher für den VfL Pinneberg und Wedeler TSV

Foto: W. Helm

Der neue Trainer Pablo Moreira setzt für den TSV Uetersen beim Neustart in der Kreisklasse B vorwiegend Akteure aus Krisengebieten ein.

Uetersen.  Der Zeitplan sieht vor, diese Woche die Liste mit den Spielernamen beim Hamburger Verband einzureichen sowie die Spielerpässe und eine Sondergenehmigung für freundschaftliche Vergleiche zu beantragen. Die ersten von fünf Testspielen sind am 2. Juli gegen den TSV Holm und am 3. Juli gegen Roland Wedel II vorgesehen. Das Abenteuer kann beginnen, wobei sich die Formulierung, dass die Fußballer des TSV Uetersen zu neuen Ufern aufbrechen, verbietet.

Sie heißen jetzt nämlich nicht mehr Kevin oder Marvin sondern Abdullah und Mohammed. Mit Akteuren fast ausschließlich aus orientalischen und afrikanischen Krisengebieten (Syrien, Irak, Iran, Afghanistan, Eritrea) beginnt die Herrenabteilung des TSV in der Kreisklasse B ganz von vorn. Mit welchen Problemen die Kriegsflüchtlinge auf ihrem Weg über Wasser und über Land nach Europa weiterhin zu kämpfen haben, weiß inzwischen jeder. Bei über 30 Grad im Schatten stellte der neue Spielertrainer Pablo Moreira (24) sein Team der Zukunft zusammen.

Aus 35 überwiegend jungen Leuten wählte der frühere Oberligaspieler des VfL Pinneberg und des SC Concordia, in der Landesliga auch für den Wedeler TSV aktiv, diejenigen 22 aus, die Punktspiele bestreiten dürfen. Für die anderen wird ein Freizeitteam ins Leben gerufen. Jörg Schwarz, der zweite Clubvorsitzende, strebt Patenschaften an.
Trägt jemand die Beiträge für die mittellosen Spieler? Gibts ein Sportgeschäft, das Rabatte auf die Fußballstiefel gewährt? Wie können die Kosten niedrig gehalten werden? „Weggeschickt wird keiner“, betont Schwarz. Die Freude ist groß, dass der Club überhaupt noch in der Lage ist, Herrenfußball anzubieten.

Zu Verdanken ist das Uwe Brill (70), den die Fachwelt noch als Libero und Mittelstürmer in der Glanzzeit des TSV Uetersen während der 60er Jahre schätzt. Nachdem sich sämtliche Herrenteams dem nach internen Differenzen ins Leben zurückholten Club Rasensport Uetersen anschlossen, erhielt Brill den Auftrag, den Fußball im TSV neu anzuschieben. Das Vereinsurgestein, seit 60 Jahren Rot-Weißer, Trainer der erfolgreichen C-Junioren, hatte das richtige Gespür. An einem Abend im Mai kam er mit Pablo Moreira in Kontakt, der in einer Ecke des Sportgeländes an der Alsenstraße ein bisschen mit dem Ball jonglierte. „Ich habe an seinen geschmeidigen Bewegungen sofort gemerkt, dass der was drauf hat.“

Moreira erzählte etwas über sich. Geboren ist er in Rio de Janeiro, Brasilien. Er war zwei Jahre alt, da zog die Familie nach Deutschland. Als selbstständiger Immobilienmakler und Finanzdienstleister kommen bis zu viermal Training pro Woche wie zuletzt in Diensten Concordias (Oberliga) für ihn nicht mehr infrage. „Doch das Projekt TSV Uetersen interessiert mich.“ Die Einigung war nur Formsache. Den Frühsommer 2016 opfert er gerne der spannenden Aufgabe. Erst ab August wird das Trainingspensum der tiefen Spielklasse angeglichen und reduziert. Es hätte der 30 Grad gar nicht bedurft. Mit seiner ansteckenden Lockerheit und Fröhlichkeit zauberte Moreira sofort die Sonne in die Herzen seiner Spieler.

Am 1. Juni ging es los. 18 Akteure fanden sich zum ersten Kennenlernen ein. Uwe Brill hatte im Sprachcafe´(Stadtwerkehaus) die Werbetrommel gerührt. Mundpropaganda, Facebook: Es werden immer mehr. Im gemeinsamen Liegestütz fordert Moreira die Akteure schon einmal auf, sich gegenseitig die Arme wegzuziehen. „Spaß zu vermitteln, das habe ich mir vor allem bei Michael Fischer in Pinneberg abgeschaut.“ Es wird viel gelacht, das hat sich herumgesprochen. Auch mehrere deutsche Spieler haben längst ihr Interesse bekundet, sich dem bunten Treiben anzuschließen. Am Spielfeldrand passt Michael Seemann (52) auf, dass alles in geordneten Bahnen verläuft.Der frühere Co-Trainer des TSV Uetersen wechselte wie seine Teamgefährten in den Senioren zum Konkurrenten Rasensport an. Das hindert ihn aber nicht daran, seinem bisherigen Club als Moreiras Assistent Gefälligkeiten zu erweisen.

Wohin die Reise sportlich geht, bleibt Uwe Brills Ansicht nach abzuwarten. Wenn Aufenthaltsgenehmigungen verweigert werden, stehen von einem Tag auf den anderen Spieler nicht mehr zur Verfügung. Pablo Moreira, dem portugiesischen Superstar Ronaldo verblüffend ähnlich, verbreitet Zuversicht. „Mit der Qualität im Kader bin ich sehr zufrieden. Für mich ist der Aufstieg auf jeden Fall ein Thema.“