Pinneberg
Pferdesport

Ihre Botschaft steht für Mut und Offensive

Foto: M. Mallon

Auch mit einem Handicap kann man reiten. Angelika Trabert greift im Stall Klövensteen ein sensibles Thema auf, stellt sich dabei ihrem Schicksal.

Schenefeld.  In dem Moment, in dem sich Angelika Trabert beim bundesweiten Seminar der Berufsreiter im Schenefelder Reitstall Klövensteen ihrem Pferd Sally nähert, ist alles anders als sonst. Die international erfolgreiche Dressurreiterin aus dem kleinen Ort Dreieich in Hessen sitzt im Rollstuhl. Sie hat keine Beine, ihre rechte Hand ist fehlgebildet. Ihr Trainer Heinrich Brähler nimmt sie huckepack, sie schwingt sich in den maßgefertigten Sattel, lässt sich festzurren, nimmt in jede Hand eine Gerte und reitet los. „Die vier Beine eines Pferdes geben mir die Freiheit, die ich im Rollstuhl oder mit Prothesen niemals bekommen kann“, sagt die 48-jährige während des Rittes ins Mikrofon. Mit ihrem Können ist sie zu internationalem Ruhm gekommen.

Angelika Trabert ist aus einem besonderen Grund nach Schenefeld gekommen. Sie möchte Nichtbehinderten den Behindertensport im Sattel näherbringen. Ein sensibles Thema, das vielen fremd ist und Berührungsängste erzeugt. In Anwesenheit von etwa 250 Berufsreitern gibt sie Einblicke in ihr Reiterleben. Sie berichtet von all dem, was sie in ihrem Leben trotz der Behinderung hart erkämpft hat. Und erfolgreich ist sie auch: Bei fünf Paralympischen Spielen, fünf Weltmeisterschaften und fünf Europatitelkämpfen im Behinderten-Reitsport hat sie 20 Medaillen errungen. Der Weg dorthin war weit, voller Hindernisse, Schmerzen und Rückschläge.

Wer mit Angelika Trabert spricht, erlebt eine entschlossene, optimistische, sympathische, charismatische und offene Frau, die vor Energie nur so sprüht. Dabei trägt sie ein Schicksal, das viele andere verzweifeln lassen würde. Ihre Mutter nimmt in der Schwangerschaft ein dem berüchtigten Contergan ähnliches Schlafmittel. Angelika Trabert kommt mit den schweren Behinderungen auf die Welt. Schnell muss sie erfahren, dass viele Menschen in ihrem Umfeld – vorsichtig formuliert – unsensibel reagieren.

Mit sechs Jahren entdeckt sie ihre Liebe zu Pferden. „Die Freiheit der Indianer auf dem Rücken der Pferde faszinierte mich.“ Ihre Eltern betrachten die Leidenschaft zunächst als Spielerei, Reitlehrer schicken die ambitionierte Pferdeliebhaberin nach ersten Stürzen immer wieder nach Hause. „Das geht nicht, das wird nie etwas, wir sind dafür nicht versichert, wir haben nicht das passende Pferd für dich, bekam ich immer wieder zu hören.“

Doch Angelika Trabert lässt sich nicht abwimmeln und beirren. „Keine Ahnung, wie oft ich vom Pferd gefallen bin, aber es war sehr oft.“ Sie entwickelt enorme Willensstärke, Neugier und Energie sind ihr Motor. „Reitsport ist mein Sport, ist Freiheit, Unabhängigkeit, Akzeptanz und Freude, ist Arbeit mit Konsequenz, Fairness und Respekt gegenüber dem Pferd und sich selbst“, sagt Trabert. Um ihr Leben und ihre Leidenschaft finanzieren zu können, studiert sie Medizin, sie arbeitet als promovierte Narkoseärztin an der Uni-Klinik in Mainz. „Als Anästhesistin kann ich viel im Sitzen arbeiten.“ Und sie kann vielen Menschen helfen. Doch Angelika Trabert muss wieder einen schweren Schicksalsschlag verkraften. Ihr Freund, ein Pilot, stürzt 2005 bei einem Einsatz in Südfrankreich mit seinem Löschflugzeug ab und stirbt.

„Wer anderen hilft, hilft in erster Linie sich selbst“, beschreibt Angelika Trabert pragmatisch ihre Motivation, nach Guinea zu reisen, um dort die Gesundheitsorganisation im Verein Mango zu unterstützen, der sich Kranken und Verletzten in dem afrikanischen Land annimmt. Die Narkoseärztin arbeitet in Koolo Hinde. „Der Weg zum Hotel gab mir einen ersten Eindruck von der Stadt: dunkel, laut, feucht, warm und schmutzig. „Alle Menschen scheinen sich auf der Straße aufzuhalten, gemauerte Häuser wie bei uns sind selten zu finden, Menschen wohnen in einfachsten Behausungen“, erinnert sich Angelika Trabert.

„Große Gräben werden für Abfall und Abwasser benutzt und sind tückisch, wenn es auf der Straße eng wird. Koolo Hinde ist für mich der Inbegriff von einem Moloch.“ Bei 125 Operationen ist sie dort als Anästhesistin tätig, die Dankbarkeit der Patienten und deren Angehörigen berührt sie zutiefst.

Angelika Trabert ist ein Protobeispiel für gelebte Inklusion im Sport

In Koolo Hinde verliebt sich Trabert in einen ihrer Bodyguards, einen Berufssoldaten. Sie holt ihn nach Deutschland, heiratet ihn. Die Suche nach Arbeit ist schwierig. „Für einen afrikanischen Soldaten gibt es bei uns natürlich nur Hilfsarbeiten. Mein Mann versteht die Prioritäten der Deutschen nicht. Für ihn war es in seiner Heimat vor allem wichtig, einen Sack Reis zu haben.“ Ihr Mann jobbt im Zentrallager eines Lebensmittel-Konzern, wird nach wenigen Wochen gefeuert. „Er war für seinen Chef zu langsam“, sagt Angelika Trabert. „Hier ist der Mensch wertlos, es zählt nur Leistung. Wir haben erfahren, was Mobbing bedeutet.“

Ob ihrem Mann die Eingliederung gelingen kann, wird sich zeigen. Angelika Trabert jedenfalls ist ein Paradebeispiel für gelebte Inklusion, was auch ihr souveräner Auftritt im Schenefelder Reitstall Klövensteen dokumentiert. Sie reitet ihre sieben Jahre alte Stute Sally sicher, moderiert nebenbei ihren Ritt klar und präzise, setzt beide Gerten ein, gibt mit einem Schnalzen Befehle. „Ich brauche ein selbstbewusstes Pferd. Aber das wollen alle Reiter“, sagt Angelika Trabert. Ihre Mission, Behinderternsportler die Angst im Sattel zu nehmen, ist beendet. Sie packt ihre Sachen, lässt ihre Stute in den Pferdetransporter verladen und setzt sich ans Steuer ihres behindertengerecht umgebauten Toyota-Geländewagens. Es geht nach Hause ins mehr als 500 Kilometer entfernte Dreieich. Dort arbeitet sie als Coach für behinderte Reiter. Über ihre Qualifikation sagt sie: „Seit 1967 habe ich gelernt, Schwierigkeiten und unwegsames Gelände zu meistern, um Ziele im Auge zu behalten. So führe ich heute ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben.“

Zu Hause wartet die nächste Herausforderung auf sie. Das Training für die Paralympics in Rio de Janeiro vom 7. bis 18. September, zu denen 4350 Athleten aus 176 Ländern und 1,8 Millionen Zuschauer aus aller Welt erwartet werden. Das perfekte Forum für Angelika Trabert, die deutsche Botschafterin des Behinderten-Reitsports.