Pinneberg
Handball

Die Wegbereiter der Inklusion spielen sich die Bälle zu

Entspannung nach dem Training: die Inklusionsmannschaft des Elmshorner Handballteams mit dem

Entspannung nach dem Training: die Inklusionsmannschaft des Elmshorner Handballteams mit dem

Foto: Meincke Kalle

Im Elmshorner Team sind Menschen mit und ohne Behinderung vertreten. Dafür gab es eine Auszeichnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Elmshorn.  Handballtraining in der Elmshorner Olympiahalle. Angela, eine kräftige junge Frau, erwischt den Ball, tippt ihn auf, rennt nach vorne, bringt Nils in Position. Der Lange wirft und schreit: „Toor!“ – „Unser Tor“, freut sich neben ihm Paul. Auch Ogulcan, ein Junge mit autistischer Störung, stimmt in den Jubel ein. Und Astrid Tillein, eine der beiden Trainerinnen, ruft der stürmischen Angela zu: „Du bist ja unser Star heute.“ Die 26-Jährige, die von ihrer Arbeit in den Behindertenwerkstätten in Thesdorf zum Training geeilt ist, sagt kein Wort.

Doch ihr Gesicht glüht, und jeder sieht, wie stolz und glücklich sie ist. Einige der sechs jungen Frauen und 14 jungen Männer, die sich mit so viel Einsatz und Freude Bälle zuwerfen, besuchen die Raboisenschule Elmshorn, die „Förderzentrum Geistige Entwicklung“ im Untertitel führt. Die meisten der Älteren wiederum arbeiten in den Werkstätten für Behinderte in Thesdorf oder Glückstadt.

Inklusion jetzt auch im Handballsport – Menschen mit und ohne Handicap gehen gemeinsam auf Punktejagd. „Dabei ist unser Training auch nicht viel anders als in jedem anderen Handballclub“, sagt Astrid Tillein, die gemeinsam mit Britta Mehrens die Inklusionsmannschaften des Elmshorner Handballteams führt, das wiederum eine Spielgemeinschaft dreier Sportvereine ist. „Die Freude und Begeisterung sind hier aber um einiges größer“, betont Astrid Tillein. „Da schwänzt niemand das Training. Unser Training am Donnerstag ist für jeden das Highlight der Woche.“ Weitere Unterschiede fallen auf. Zur Begrüßung, als alle einen großen Kreis bilden, ist von allen Seiten zu hören: „Wann kommt Lea wieder?“ – „Ist Lea noch im Krankenhaus?“ – „Geht es Lea besser?“ Da ist dieses Mitgefühl und die Sorge um die Mitspielerin, die an der Hüfte operiert worden ist.

Dann ist da Marvin, ein Junge mit dem Down-Syndrom. Er hat sich zu Steffen gekniet und hilft ihm, die Schuhe zuzubinden. Astrid Tillein beobachtet die Fürsorge für den Freund und muss lächeln: „Die beiden sind unzertrennlich wie das doppelte Lottchen. Marvin und Steffen sind in Thesdorf auch Arbeitskollegen.“

„Freiwurf Hamburg“ nennt sich eine Initiative, die sich als Wegbereiter der Inklusion im deutschen Handball sieht. Das Elmshorner Handballteam wirkt darin mit. „Freiwurf Hamburg“ ist mittlerweile auch der Name einer Liga, in der Inklusionsteams aus Norddeutschland gegeneinander antreten.

Bereits seit sechs Jahren gibt es die Initiative „Freiwurf Hamburg“

„Der Grundgedanke ist, Menschen mit und ohne geistige Behinderung in unserem Sport zusammenzuführen“, sagt Martin Wild, der „Freiwurf Hamburg“ vor sechs Jahren ins Leben rief. Die Initiative sei keine Randgruppe, sondern stehe „inmitten der Gemeinschaft aller Handballer“. Wild: „Wir sind fester Bestandteil des Deutschen Handballbundes. Unser Florian, der die üblichen Prüfungen bestand, ist Deutschlands erster Handballschiedsrichter mit einer geistigen Behinderung. Die Spiele werden nach den offiziellen Regeln ausgetragen. Und die Aktiven sind Mitglieder in traditionellen Handball-Vereinen.“

Am regelmäßigen Spielbetrieb nehmen Teams der Vereine FC St. Pauli, Eidelstedter SV und Altrahlstedter MTV teil, sowie Mannschaften des Elmshorner Handballteams. „Wir haben so starken Zulauf, dass wir bereits mit zwei Mannschaften antreten“, sagt Astrid Tillein. „Unsere erste ist schon zweimal Meister geworden.“

Nun haben bei diesem bundesweit beachteten und gelobten Pilotprojekt die Elmshorner auch einen gewissen Vorteil. Die beiden Frauen an der Spitze sind nicht nur erfahrene Handball-Trainerinnen, sie kennen ihre Teamspieler meist schon seit Jahren. Astrid Tillein ist Lehrerin, Britta Mehrens Erzieherin an der Raboisenschule. Zu ihren Handballteams gehören auch Siri und Torge, die Kinder der Lehrerin, und Katja, die Tochter von Britta Mehrens. Inklusion durch Handball ist das wichtigste Ziel von „Freiwurf Hamburg“. Auch wenn Ulrike Göttsche, die Mutter von Nils und Timm, noch immer skeptisch ist. „Nils war in einer Gesamtschule“, sagt sie. „Aber beim Klassenausflug wollte niemand das Zimmer mit ihm teilen.“

Bis zum vorurteilsfreien, offenen Miteinander ist es zwar noch ein langer Weg, aber die Initiativen werden immer zahlreicher. Und sie werden anerkannt und immer häufiger gefördert – auch von höchster Stelle. Paul, der die Erich-Kästner-Gesamtschule in Elmshorn besuchte und jetzt in die Werkstufe der Raboisenschule geht, spricht von „Angie Merkel“, als er vom Empfang im Bundeskanzleramt erzählt. „Die war schön“, sagt er, lächelt etwas spitzbübisch und schiebt sich mit dem Finger die Brille auf die Nase. „Doch, die war schön“, wiederholt er. „Aber ich war so aufgeregt, dass ich nur was von hohen Bergen sagte, als sie uns nach dem Trainingslager in Österreich fragte.“

Kanzlerin Angela Merkel überreichte einen handsignierten Handball

Aber der Reihe nach. „startsocial“ ist eine Organisation, die soziale Projekte fördert. Die Bundeskanzlerin ist Schirmherrin und hat einen eigenen Preis gestiftet. Mit dem wurde 2015 „Freiwurf Hamburg“ ausgezeichnet.

Angela Merkel empfing die Hamburger Delegation im Kanzleramt. Und Paul und Meike, die beiden Elmshorner, nahmen dabei einen signierten Handball aus ihrer Hand entgegen. Paul, der im Trikot des FC Bayern Handball spielt, gehörte auch schon zu den besonderen Gästen, die in der Allianz-Arena von den Bayern-Stars abgeklatscht wurden.

Die nächsten Punktspiele in der Elmshorner
Olympiahalle an der Pestalozzistraße beginnen am Sonntag, 14. Februar, um 13.35 Uhr.