Pinneberg
Klein Nordende

Das Glück der Erde liegt hier auf dem Rücken der Kühe

Jana Blohm und Yvonne Schlodfeldt trainieren seit ihrer Kindheit auf Kühen und üben mit ihnen Kunststücke ein.

Klein Nordende. Eine bunte Holzstange liegt auf einer Wiese von Familie Blohm in Klein Nordende. Jana Blohm, 18, nimmt Anlauf und springt über das kleine Hindernis. Beobachtet wird sie dabei von ihrer schwarz-weiß gefleckten Reitkuh Natalia. Beim nächsten Hüpfer folgt ihr das Tier und macht den Sprung nach. So bringt die Schülerin der Kuh das Freispringen bei.

Blohm und ihre Freundin Yvonne Schlodfeldt aus hohenfelde trainieren seit ihrer Kindheit mit den Kälbern und Kühen auf den Höfen ihrer Eltern. „Für uns ist es völlig normal, dass man, wenn man auf einem Hof mit Kühen aufwächst, in der Kindheit auf diesen über den Hof reitet“, sagt Schlodfeldt. Zunächst bauen die beiden Vertrauen zu den Tieren auf. „Das ist schwieriger, als das Vertrauen eines Pferdes zu gewinnen“, sagt die 22 Jahre alte Schlodfeldt. „Aber wenn man das erst mal geschafft hat, dann bleibt es auch bestehen“, erklärt Blohm. Nur wenn das Vertrauensverhältnis da ist, ist es ihnen möglich, die Kühe einzureiten und Springen über Hindernisse zu trainieren. Doch der Weg zum ersten Sprung mit Reiter ist lang und übungsintensiv.

In den ersten Tagen nach der Geburt der Kälber verbringen die beiden Freundinnen möglichst viel Zeit mit den Tieren. Sie streicheln sie und legen eventuell schon einmal ein Halfter an, um sie an dieses Gefühl zu gewöhnen. Im Anschluss daran folgen die ersten Spaziergänge auf dem Hof. Wichtig ist dabei vor allem eines: Geduld. Wenn das Kalb keinen Spaß hat, entwickle es eine negative Einstellung zum Halfter und dem Menschen. Ab dem vierten Lebensmonat beginnen Jana Blohm und „Schlody“, wie sie von ihren Freunden genannt wird, mit den Tieren das Freispringen, einen Teppich auszurollen oder das Stehen auf einem Podest zu trainieren. Ideen für diese Übungen hat sich die 22-Jährige Agrarwissenschaftsstudentin von Zirkuslektionen für Pferde abgeguckt. Zusätzlich lernen die Tiere beim Waschen stillzustehen und im Anhänger zu bleiben. Auch an das Gefühl, eine Decke, einen Gurt sowie einen Sattel auf dem Rücken zu tragen werden die Kühe gewöhnt.

Mit dem Einreiten beginnen die beiden Kuhfreundinnen frühestens ab dem 20. Lebensmonat der Tiere. Sind diese in der Entwicklung aber noch nicht so weit, sollte man auf jeden Fall noch warten. „Viele reiten auch schon auf Kälbern“, so Schlodfeldt. Das halte sie aber für Tierquälerei.

Am Anfang benutzen die beiden eine Doppellonge, da diese Art des Longierens dem Reiten sehr nahe kommt. „Das Einreiten ist eigentlich so wie bei einem Pferd“, sagt Blohm. Nach einiger Zeit stehen dann auch Ausritte und erste Sprünge mit Reitern über verschiedene Hindernisse auf dem jeweiligen Trainingsplan.

Jana Blohm und Yvonne Schlodfeldt sind seit drei Jahren befreundet

Die Freundinnen haben sich vor drei Jahren kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt ritt Schlodfeldt schon seit vier Jahren auf ihrer mittlerweile verstorbenen Reitkuh „Ibizza“. Blohm guckte sich von der Freundin einiges ab. Zum ersten Mal persönlich trafen sich die beiden bei einer Kreistierschau in Kleve im Kreis Steinburg, wo die Amazone mit ihrer Reitkuh „Lady“ als Attraktion gebucht worden war. Es entstand eine Freundschaft – und sie befinden sich „auf einer Kuhlänge“.

Das allgemeine Interesse am Kuhreiten hat in den letzten Jahren zugenommen. Anfangs gab es neben Schlodfeldt nur wenige weitere Kuhreiter in Deutschland. „Aber das Reiten hat an Anerkennung gewonnen“, sagt Blohm. Wichtig sei nur, dass man sich vorher mit dem Thema auseinandersetze. Die 18-Jährige hat das auf Schlodfeldts Internetseite gemacht. Dort veröffentlichen sie Informationen zum Kuhreiten und ihren Tieren. So muss man beispielsweise wissen, dass Kühe ihre Rückenmuskulatur erst einmal aufbauen müssen, bevor man längere Zeit auf das Tier steigen könne. Biegt eine Kuh den Rücken durch, so hat sie Schmerzen oder noch nicht ausreichend Muskeln in dem Bereich aufgebaut. „Man fängt mit zehn Minuten reiten an und steigert die Zeit dann“, so Schlodfeldt.

Unterschiede zum Reiten auf Pferden gibt es kaum. Ähnlich wie das Pferd beherrschen auch Kühe die Gangarten Schritt, Trab und Galopp. Wenn eine Kuh aber keine Lust habe, dann bekomme man sie im Gegensatz zu einem Pferd nicht so einfach dazu, zu springen oder in der Natur auszureiten. Die Tiere können sowohl mit Gebiss aber auch nur mit einem Halfter geritten werden. Was den Sattel angeht improvisieren die beiden. Entweder verwenden sie ein dickes Westernpad mit Longiergurt oder einen baumlosen Sattel vom Pferd.

Schlodtfeld und Blohm trainieren mit ihren Kühen auch noch andere Dinge. So wurde Schlodfeldts „Lady“ von einer Filmtieragentur schon für mehrere Musikvideos und Filme gebucht. Die einzelnen Szenen üben die Freundinnen vorher auf den heimischen Höfen mit den Kühen ein. Im Krimi „Nord bei Nordwest – Der wilde Sven“ spielte „Lady“ die Kuh Gabi. Im vergangenen Jahr wurde ihre zweite Reitkuh „Rosi“ für einen Werbeclip eines Quarkherstellers gebucht. Im Musikvideo zu der Single „Abserviert“ des Sängers Bela B reitet dieser auf Blohms Kuh Natalia durch den Stall

Bei all den Auftritten vergessen die Freundinnen aber nicht das Wohl ihrer Vierbeiner. Die beiden achten darauf, dass die Drehorte immer ortsnah sind. „Wir lieben unsere Tiere“, so Blohm. Und Schlodfeldt ergänzt: „Das Wohl der Tiere steht bei uns an erster Stelle.“