Pinneberg
Pinneberg/Neuendeich

Es zischt und raucht, dann ist es vorbei

Eindrücke beim Schenkelbrand auf dem Hof von Sören von Rönne in Neuendeich. ZuchtleiterThomas Nissen beurteilt die Fohlen des Holsteiner Verbandes

Pinneberg/Neuendeich.  Der Termin ist lange anberaumt. Einmal im Jahr besucht eine Zucht-Kommission des Holsteiner Verbandes für drei Tage den Kreis Pinneberg. Ihre Aufgabe: Die Beurteilung von Fohlen, bevor diese den Weg zu einer möglicherweise erfolgreichen sportliche Karriere einschlagen. Der Mann, der alles im Blick hat, ist Thomas Nissen aus Kiel, der sich in seiner Funktion beim Holsteiner Verband gerade in der hiesigen Pferdesportregion bestens auskennt.

Einer der Anlaufpunkte ist wie immer die Spring- und Zuchtanlage von Sören von Rönne und seiner Ehefrau Charlotte in Neuendeich bei Elmshorn. Hier sind fast 20 junge Pferde mit Mutterstuten und Besitzern zu Gast. Es ist einer von neun Sammelstandpunkten für den Schenkelbrand im Körbezirk Pinneberg. „Ich habe acht Fohlen angemeldet“, sagt der jahrelang erfolgreiche Springreiter Sören von Rönne, der schon ganz gespannt ist, wie sein Nachwuchs abschneiden wird.

Fohlen werden seit Generationen weltweit mit dem Stempel des jeweiligen Zuchtverbandes gekennzeichnet. Diese Art, ein Erkennungszeichen auf den Schenkel des Zuchtieres zu brennen, ist bei Tierschützer seit langem umstritten. Nachbarländer wie Dänemark, Holland, England und Frankreich haben sich zum Beispiel auf den Mikrochip verständigt und verzichten auf eine sofortige Abstammungserkennung. „Der immer wieder diskutierte Schenkelbrand ist ein zu aggressives Wort“, sagt Götz Hartmann, Assistent von Zuchtleiter Nissen.

Nissen ist für die jungen Vierbeiner mit zwei weiteren Gutachtern, einer Schriftführerin, einer Moderatorin und einem beauftragten Kameramann für die Fohlen zuständig. Bevor es mit der Mutterstute in die Box geht, schaut sich Nissen mit seinem Team in der gut besuchten Reithalle jedes Tier genau an. „Typ und Gangvermögen mit Trabbewegungen beurteilen wir nach zwei Kriterien“, sagt Nissen.

Interessante Blutlinien und eine genetische Vielfalt überzeugen die Zuchtkommission aus Kiel. Junge Fohlen laufen neben der Mutterstute auch hin und wieder in der Halle, ohne dass ihr Talent gleich entdeckt wird. Dabei könnten in ihnen vielleicht international erfolgreiche Sportler von übermorgen stecken. Es ist eine spannende Momentaufnahme mit den Vierbeinern.

Im Hintergrund zischt der Bunsenbrenner mit seinem Holsteiner Logo bei 1200 Grad. Ein kurzer Stempeldruck gibt Sicherheit, die Pferde können ihrem Besitzer und dem Zuchtverband zugeordnet werden. Es dauert gerade mal einen Wimpernschlag, bis der Stempel auf der festeren Fellhaut beziehungsweise auf der jungen Lederhaut der Vierbeiner verewigt ist. Es zischt und raucht kurz, dann ist alles vorbei. Das Fohlen schaut sich kurz erschrocken um und ist nun mit dem Holsteiner Markenzeichen und einer zweistelligen Nummer am linken Schenkel gekennzeichnet. Verwechslungen sind ausgeschlossen, ein Mikrochip mit einer zwölfstelligen Lebensnummer wurde vorab vom Tierarzt implantiert. Haare mit Wurzeln gehen zusätzlich ins DNA-Institut.

Papiere mit besonderen Merkmalen an Beinen, Stirn oder Fellwirbeln werden vor der Schenkelkennzeichnung bei Hartmann abgegeben und überprüft. Der entsprechende Pferdepass – eine Art Personalausweis – wird dann später mit der Namensfestlegung ausgestellt. Das Lesegerät von Götz Hartmann erfasst den Mikrochip am Hals mit der Lebensnummer, ein kurzer Kontrollcheck erfolgt. Bis Anfang August werden alle Körbezirke aufgesucht. Anfang Oktober gibt es meist einen Finaltermin für Nachzügler.

Die Freude ist bei Sören von Rönne am Ende groß, als sich bei der Präsentation zwei seiner Fohlen für das Championat qualifiziert haben. „Eine Ausnahme“, sagt von Rönne. Das Fohlen für das Championat muss mindestens die Wertnote acht (von zehn) erreichen. Hinsichtlich des Bewegungsablaufes ist die Zahl sieben die Mindestnorm.

Im Körbezirk Pinneberg findet am selben Tag auf dem Hof Johannsen in Tornesch-Ahrenlohe die Finalrunde statt. Fünf junge Hengste und fünf kleine Stuten treten mit der frischen Kennung auf dem Schenkel zum Schaulaufen mit den Mutterstuten ein weiteres Mal an. Nachwuchs wurde zwischen Stuten und Hengsten erneut getrennt vorgestellt und bewertet. Eine tiefergreifende Beurteilung ist mit den maximal fünf Monate alten Fohlen schwer, die vorhandene Grundqualität zählt. Bevor das Tier seinen Stempel erhält, gleicht Götz Hartmann alle Daten über ein Lesegerät ab. Auf diese Weise sind Verwechslungen ausgeschlossen.

Die jungen Vererberhengste sind für die Zuchtabteilung immer ein Hingucker. Der aktuelle Zuchtjahrgang liegt in Schleswig-Holstein bei fast 3000 Fohlen von insgesamt mehr als 8000 Zuchtstuten, geburtenstark ist das nicht. Die Zuchtjahre haben zuvor fast die doppelte Zahl an Fohlen gebracht. „Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, dann schnellen die Preise für Sportpferde in die Höhe“, glaubt Nissen.

Das Siegerhengstfohlen wird im Finale für das Championat von Sören von Rönne gestellt, die Siegerstute hatte den kürzesten Weg aus dem Stall Johannsen in Ahrenlohe. „Alle qualifizierten Fohlen sehen wir nun aus elf Körbezirken Mitte September bei der Landesmeisterschaft in Bad Segeberg wieder“, erklärt Zuchtleiter Nissen. Junge Stuten und Hengste würden wieder getrennt beurteilt, somit erscheinen 22 Fohlen in Bad Segeberg.

Der Schenkelbrand ist das eine, auf der andere Seite stehen aber die Bedenke für diese Art der Kennzeichnung von Jungpferden. Vor allem Tierschützer treten auf den Plan und widersprechen vehement dieser Form. „Bis heute sind Vertreter dieser Organisation selbst noch nie bei einem Fohlenbrennen der Holsteiner Pferde erschienen.“ Das sei nach Meinung von Götz Hartmann merkwürdig angesichts der Tatsache, dass Tierschützer dieser Art der Kennzeichung kritisch gegenüberstehen. Kritiker der Reitsportszene befinden, dass der Mikrochip zu wenig Aussagekraft in punkto Daten besäße. Länderherkunft, Abstammung, Geburt und Ort sind erfasst – mehr nicht.

Auch das starke Zuchtland Niedersachsen wird den Hannoveraner-Brand erhalten. Holsteiner und Hannoveraner sind weltweit gefragt. Der Schenkelbrand ist ab 2018 übrigens nur noch mit örtlicher Betäubung erlaubt. „Wir wenden in der Testphase Betäubungscreme zwecks Schmerzausschaltung fest, halten zwecks schnellerer Zuordnung fest“, so Nissen.

Deutschland ist Exportland. Was wird daher mit den nicht leserlichen Chips im Ausland? Der Chip sei über die Grenzen von Europa nicht lesbar, so Thomas Nissen. „Brandzeichen erkennen wir ohne Chip-Lesegerät sofort, wer woher kommt“, sagt Nissen.