Pinneberg
Wedel

Paradies für Basketball verlassen

Flügelspieler Brandon Spearman kam von Hawaii nach Deutschland und leitete beim SC Rist den Aufschwung ein

Wedel. Es gibt schlechtere Orte, an denen man seine Lebenszeit verbringen kann. Der Amerikaner Brandon Spearman wohnte und studierte Soziologie auf Hawaii. „Dort habe ich alles gemacht, was ich machen wollte. Zum Beispiel surfen. Es war Zeit für einen Tapetenwechsel. Irgendwann hast du dich an allem satt gesehen“, sagt der Basketballer, der in Chicagos South Side aufwuchs und sich selber eher als „Stadtmenschen“ bezeichnet. Auf der US-Insel, einem Paradies für so manchen Urlauber weltweit, freundete er sich im Universitätsteam mit Mitspieler Christian Standhardinger an, der Spearman, 23, von Europa und seinem Geburtsland Deutschland berichtete.

Spearman packte seine Sachen, um in Spanien einen Job zu ergattern. „Das mit dem Job hat nicht geklappt, aber dann habe ich mich dafür entschieden, nach Wedel zu kommen. Über sein Basketball-Netzwerk ist Michael Claxton bei der Spielersuche auf mich aufmerksam geworden und hat mich kontaktiert. Seit Ende Dezember bin ich hier.“

„In dieser Phase hatten wir gerade sechs Partien in Folge verloren und die Stimmung war nicht gerade gut“, so der Wedel-Headcoach. „Ich hatte gehofft, dass Brandon und Diante sich wegen ihrer Vergangenheit in Chicago gut verstehen. Und es hat von Anfang an bestens geklappt.“

Gemeinsam leben die drei amerikanischen Rist-Spieler Denzell Erves, Diante Watkins und eben Brandon Spearman in einer Wohngemeinschaft in Wedel. Watkins und Spearman stellten fest, dass sie sogar gemeinsame Bekannte in ihrer alten Heimat haben. Vor allem Spielmacher Watkins, der seine zweite Saison beim SC Rist absolviert, zeigte der Neuverpflichtung in den ersten Tagen die Stadt und half bei der Eingewöhnung. „Nicht so viele Leute aus meiner Gegend schaffen es, mal nach Europa zu kommen. Für diese Gelegenheit bin ich sehr dankbar.“ Er fühlt sich wohl. „Deutschland ist ein sehr friedliches Land. Hier gibt es kaum Kriminalität. Es fühlt sich gut an, in dieser Umgebung zu leben“, so Spearman, der vor allem die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Wedeler schätzt. Auch ein paar Worte der deutschen Sprache hat der Flügelspieler schon aufgeschnappt. Er könne ein Bier, einen Kirsch-Bananensaft oder ein „stilles Wasser“ bestellen sowie „Moin, Moin“ sagen. Über Skype bleibt er mit seiner Familie in regelmäßigem Kontakt.

Rein sportlich gesehen kann Spearman dieser nur von Erfolgen berichten. Der SC Rist ist als Tabellenzweiter der ProB-Nordstaffel in die Play-offs eingezogen. Und Spearman hat daran einen großen Anteil. In zehn Partien verbucht er 17 Punkte im Schnitt. Mit einer Quote von 40,4 Prozent erfolgreich verwandelten Drei-Punkte-Würfen ist er nach Janis Stielow der beste Distanzschütze. Der US-Boy war für Stielow verpflichtet worden, der es wegen der Kooperation mit dem ProA-Ligisten Hamburg Towers und einer langwierigen, noch andauernden Verletzung bisher nur auf acht Einsätze für den SC Rist brachte.

„Wir wollen Meister werden. Ein anderes Ziel kann es meiner Meinung nach nicht geben“, sagt Spearman. In der ersten Play-Off-Runde war er mit 19 Zählern als Topscorer maßgeblich an der Demontage der Baskets Schwelm beteiligt. Am Sonnabend kann Wedel mit einem erneuten Erfolg auswärts in Schwelm (19.30 Uhr) vorzeitig ins Viertelfinale einziehen.

Ob Spearman auch in der kommenden Saison noch für den SC Rist spielt, ist ungewiss: „Im Juni gehe ich erst einmal zurück nach Hawaii, um meinen Abschluss an der Uni zu machen. Schwer zu sagen, ob ich wiederkomme, aber man weiß ja nie.“ Zu Beginn seiner Karriere war wie bei jedem Amerikaner das Ziel, in die Profi-Liga NBA zu gelangen. „Es kann naturgemäß nicht jeder schaffen. Ehrlich gesagt, liebe ich diesen Sport einfach. Ich mag es, im Wettbewerb zu sein und Basketball zu spielen. Es ist mein Hobby, meine Leidenschaft. Ich bin nicht hier für das Geld oder den Ruhm“, so Spearman, der nach seinem Studium gern für einen großen amerikanischen Sportartikelhersteller arbeiten würde.

Kategorisch ausgeschlossen sei der sportliche Weg nach oben jedoch nicht. „Mein Kumpel Christian Standhardinger spielt mitlerweile in der Bundesliga beim Mitteldeutschen BC. Es wäre cool, wenn wir mal gegeneinander spielen würden.“ Ab Juni ist dann jedoch erst einmal wieder Hawaii angesagt. Es gibt schlechtere Orte, zum Leben und Studieren. Und vielleicht berichtet Spearman dann seinem Kumpel Standhardinger von seinem ersten Meistertitel in Deutschland.