Pinneberg
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Abschied im Wedeler Wohnzimmer

Der Pinneberger Niels Hennig hört nach 19 Jahren als Basketball-Schiedsrichter in der zweiten Liga auf

Pinneberg. Die vollen Cola-Dosen flogen auf das Feld. Nachdem eine Spielerin und auch der Trainer ihn angreifen wollten und ein wütender Mob von rund 150 Fans die Verfolgung aufnahm, trat Schiedsrichter Niels Hennig fluchtartig den Rückzug an. Unter Polizeischutz wurde er bei der Maxi-Basketball-WM in Puerto Rico aus der Halle geführt. „Das war verrückt. Und ein wenig Angst hatte ich auch. In der Partie ging es nur um die goldene Ananas“, sagt Hennig. Heute schmunzelt er, wenn er an den Auftritt des Gastgeber bei der Senioren-Weltmeisterschaft Slowenien im Spiel um Platz fünf denkt.

Das letzte negative Ereignis hatte er erst im November, als der Langener Zweitliga-Spieler Filmore Beck in einer von Hennig geleiteten Partie seinem Gegenspieler nach einem Foul einen doppelten Kieferbruch und einen Jochbeinbruch zufügte. „Beck wurde für dreieinhalb Jahre gesperrt. So eine hohe Strafe wurde im deutschen Basketball noch nie ausgesprochen“, so der Referee, der selber auch mal einen Ellenbogen-Check einstecken musste.

Grundsätzlich überwiegen jedoch die positiven Aspekte seines Hobbies, das er aus „Leidenschaft“ betreibt, eindeutig. Auch wenn seine Ehefrau Stephanie, die manchmal zuschaut, nur selten sagt, „dass sie die Frau vom Schiedsrichter“ sei. Sein Hobby hat ihn zu insgesamt acht Senioren-Europa- und Weltmeisterschaften in sieben verschiedene Länder geführt. Über 350 Partien in der zweiten Liga hat der Pressesprecher des Hamburger Zollfahndungsamts in 19 Jahren gepfiffen.

Am Sonnabend, 7. März, nimmt der Schiedsrichter offiziell bei der Zweitliga-Begegnung SC Rist Wedel gegen die BSW Sixers (19.30 Uhr, Steinberghalle) das letzte Mal in dieser Spielklasse eine Pfeife in den Mund. „ Ich habe mir den Abschied in Wedel gewünscht. Die Halle ist so etwas wie mein Wohnzimmer. Da pfeife ich gern – und es ist nicht weit weg.“

Hennig traf als Schiedsrichter auf sein großes Basketballidol Julius Erving

Ein wenig Wehmut wird wohl aufkommen, „aber ich bleibe dem Basketball ja erhalten.“ Künftig wird er als Schiedsrichter-Trainer zunächst in der 2. Regionalliga-Nord arbeiten und mithilfe von Video-Analysen und Gesprächen den jüngeren Kollegen wertvolle Hinweise geben. Schließlich komme es für einen Schiedsrichter vor allem auf souveränes Auftreten, einen optimalen Blickwinkel und Kommunikation an.

Noch wichtiger: „Es gibt das perfekte Spiel für den Schiedsrichter einfach nicht. Man muss zu seinen Fehlern stehen.“ Und man dürfe die bissigen Kommentare von Zuschauern und Spieler nicht persönlich nehmen, erklärt seine Ehefrau. Die Fehlerquote sei insgesamt ohnehin gering. Hennig: „Oft sind unsere Entscheidungen über 90 Prozent richtig. Da muss man auch mal den Mut haben, einen meckernden Spieler darauf hinzuweisen, dass er doch lieber seine Wurfquote auf 90 Prozent schrauben soll.“ Der Pinneberger möchte fortan neben seinem Beruf mehr Zeit mit seiner Frau und den Söhnen Mika, 12, und Jerrik, 9, verbringen. „Als Niels früher teilweise das ganze Wochenende in Deutschland unterwegs war, war es schon eine Belastung. Heute kommt aber vor allem Jerrik schon gern mal mit“, sagt Stephanie Hennig.

Ehemann Niels ist selber noch als Aufbauspieler im Senioren-Team der Spielgemeinschaft Holstein Hoppers aktiv. Mit zwölf Jahren fing er deren Ursprungs-Verein Halstenbeker TS an und schaffte es bis in die Regionalliga. „Als aktiver Spieler hätte ich wohl nicht die zweite Liga erreicht“, gibt Hennig zu. Zwei Jahre später begann er seine Schiedsrichter-Karriere, die ihn später dann doch noch in die angestrebte Liga führte. Für eine Spielleitung in der ersten Bundesliga habe er als Schiedsrichter zu spät angefangen.

Erst Mit 30 erreichte er die zweite Liga. „Da wird es schwer, dann noch in den Perspektivkader zu kommen.“ Auch so ist Hennig mit dem Verlauf mehr als zufrieden. „Mein großes Vorbild ist der US-Amerikaner Julius Erving“, sagt er und fügt an: „Er hing früher als Poster in meinem Zimmer, und dann habe ich eine 55+-Partie mit ihm als Spieler gepfiffen.“ Als einer von nur zwei deutschen Fimba-Schiedsrichtern (Federal International Maxibasketball Association) möchte er noch bei der einen oder anderen internationalen Senioren-Meisterschaft dabei sein. Und auch in der 2. Regionalliga-Nord und in den Ligen des Hamburger Verbands will der Familienvater weiter pfeifen, um „fit zu bleiben“. Dort fliegen vermutlich auch keine Cola-Dosen aufs Spielfeld.