Pinneberg
Pferdesport

Herpes-Alarm beunruhigt die Reiterszene im Norden

Foto: Peter Förster / picture-alliance / ZB

Die Virusinfektion ist im Kreis Segeberg ausgebrochen. Drei Tiere sind bereits gestorben – Veranstalter sagen Turniere ab und Reitstallpächter verhängen Hofverbot für Außenstehende.

Pinneberg/Schenefeld. Der Schock sitzt tief. Drei Pferde sind bereits tot. Unter den Reitsportlern verbreitet sich die Angst. Grund ist der Ausbruch einer Herpes-Infektion, Typ: EHV-1.

Massiv betroffen ist das Gut Tangstedt (bei Norderstedt), wo zum ersten Mal überhaupt drei Pferde erkrankten und eingeschläfert werden mussten. "Seit 1969 haben wir solch schwere Herpes-Fälle nicht erlebt", erklärt Jürgen Böckmann. Der Pächter des Reitstalles Klövensteen in Schenefeld ist alarmiert.

Kein Wunder: Das sehr ansteckende Virus mit Seuchencharakter, die allerdings nicht meldepflichtig ist, kann bei Tieren zur tödlichen Gefahr werden. Böckmann hat deshalb sofort reagiert.

Das Virus hat Seuchencharakter

Er nimmt die Gefahr sehr ernst, lässt Außenstehende nicht mehr in den Stall. "Bei mir kommt keiner auf den Hof rauf oder raus. Vorsorglich habe ich alle Maßnahmen getroffen und auch kurzfristig unser Turnier abgesagt", so Böckmann. Das sollte ursprünglich am dritten Advent stattfinden, stattdessen gab es ein internes Showprogramm (Schneewittchen mit Grundschüler und Kleinkinder) und eine Aufführung der Voltigiergruppe. "Es ist einfach nur schade. Aber die Sicherheit und Gesundheit der Pferde gehen nun einmal vor", erklärt Elske Nazarian als Pressesprecherin für den Elbdörfer und Schenefelder Reiterverein (ESRV), der im Reitstall Klövensteen am Uetersener Weg ansässig ist.

Turnier "Club der Springreiter" in Elmshorn abgesagt

Mit seinem Veranstaltungsstopp ist Böckmann nicht allein. So hat der Holsteiner Verband das für diesen Mittwoch, 17. Dezember, vorgesehene Profiturnier im Rahmen der CdS-Serie (Club der Springreiter) in der Fritz-Thiedemann-Halle kurzfristig abgesagt. Auch das für den dritten Advent geplante viertägiges Turnier im Reitstall Friedrichshulde mit 954 gemeldeten Pferden wurde am Sonnabend abgebrochen. Die auf dem Schäferhof in Appen-Etz geplante Veranstaltung am Wochenende wurde ebenfalls aufgrund der ausgebrochenen Viruserkrankungen und der Ansteckungsgefahr nicht ausgetragen. Einen neuen Termin gibt es nicht.

Woher der Virus stammt? Warum er sich auf dem Gut Tangstedt, das nur einige Kilometer vom Kreis Pinneberg entfernt liegt, überhaupt so schnell und massiv verbreiten konnte? Das ist unklar. Klar sind die Gegenmaßnahmen. "Der Reitstallbetrieb ist isoliert, hygienische Maßnahmen und Aufklärungen erfolgten", sagt Matthias Karstens, Geschäftsführer des Pferdesportverbandes Schleswig-Holstein. Die Viren "Equine Herpes" sind hochgradig über Tröpfcheninfektion ansteckend und können leicht von Stall zu Stall über Menschen weitergetragen werden. Hufschmiede, Tierärzte, Pferdebesitzer, Futterlieferanten, Entmister und Reitpartnerschaften seien jetzt besonders aufgefordert, eine Ausbreitung zu verhindern. "Menschen, die mit erkrankten Pferden Kontakt haben, sollten sich die Hände waschen und einen kompletten Wechsel der Kleidung vornehmen", sagt Tierarzt Dr. Gertjan Zeeuw von der Tierklinik in Seester.

Ein hochsensibles Thema

Es ist ein hoch sensibles Thema, zu dem auch Rasmus Lüneburg als Züchter und Reiter seine Benken äußert. "Ein geimpftes Pferd kann auf Zuchtstuten das Virus übertragen, sodass es zu Todesgeburten kommen kann. Ich finde es absolut vernünftig und notwendig, in den nächsten Wochen keine Reitturnier durchzuführen." Verbands-Geschäftsführer Karstens versucht zu beruhigen und fordert: "Wer betroffen ist, sollte Ruhe bewahren und sachkundigen Rat von erfahrenen Tierärzten oder bei der Tierärztekammer einholen. "Die Krankheit äußert sich mit heftigen Fieberschüben, Atemwegserkrankungen und auch Lähmungserscheinungen, auch Ataxie genannt", erklärt Tierarzt Dr. Zeeuw. Das bedeute, dass sich die Pferde nicht rückwärts richten lassen, sich in der Box nicht drehen, die Hinterhand nicht bewegen und aufgrund einer Blasenlähmung kein Wasser lassen können.

In dem vorliegenden Fall hätten die drei erkrankten Pferde zwei bis drei Tage Fieberschübe lang mit bis zu 40,3 Grad erlitten. Schon in den ersten zwölf Stunden setzten Lähmungserscheinungen ein. Das Problem dabei: Eine Fiebererkrankung sei zu dieser Jahreszeit normal, Pferdebesitzer könnten nur schwer erkennen, dass es sich um einen möglichen Herpes-Virus handelt.

Kontakte zu Menschen müssen vermieden werden

Bei Herpes ist darauf zu achten, dass die betroffenen Tiere isoliert und unnötige Kontakte zu Menschen vermieden werden. Ist das nicht der Fall, sollte man andere Ställe nicht betreten. Gesunde Vierbeiner, die dem Virus ausgesetzt sind, können als Virusträger andere Pferde infizieren. Dr. Zeeuw rät: "Alle Pferdebesitzer sollten auf Hygiene-Maßnahmen achten, um das Virus nicht weiter zu verbreiten." Das beste Mittel seien vorbeugende Impfungen. Durch den Impfstoff bilden sich Antikörper aus, allerdings sei eine Reinfektion nicht vollständig auszuschließen.

Trotz der Ansteckungsgefahr und der tödlichen Wirkung auf Tiere – für Menschen ist die Krankheit nicht gefährlich – muss der Infektionsausbruch beim Veterinäramt nicht gemeldet werden. Die Stallbetreiber sind selbst in der Pflicht, etwas zu tun. Tun sie auch. Im Tangstedter Fall hat der Betreiber seinen Stall für vier Wochen unter Quarantäne gestellt, damit weitere Infektionsherde ausgeschlossen werden. Stallbetreiber Jürgen Pieper dazu: "Ich bin vorsichtig optimistisch. Seit zwei Tagen gibt es keine weiteren Infektionen."

Vorsicht auch in der Freizeitreiterei: Impfungen sind wichtig

Die Ansteckungsgefahr betrifft auch Freizeitreiter. Die Landeskommission für Pferdeleistungsprüfungen und die Tierärztekammer raten dringend zu einer flächendeckenden Herpes-Impfung in sechsmonatigem Abstand. Karstens: "Herpes-Virusinfektionen können leider immer wieder auftreten. Sie sind unglaublich tückisch."

Infos: Pferdesportverband-sh.de

© Hamburger Abendblatt 2017 – Alle Rechte vorbehalten.