Pinneberg
Klein Nordende

„Rallyesport ist und bleibt ein Männerding“

Dabei fährt Stephanie Zorn erfolgreich in der Spitze mit. Mit Beifahrer Andreas Karg hat sie als erste Frau die Nordmeisterschaft gewonnen

Klein Nordende. Wenn die Rennfahrer vom Motorsportclub (MSC) Norderstedt sich zum launigen Kartfahren treffen, dann, so gesteht einer der männlichen Piloten, „geht es darum, ob wir einmal oder zweimal von Steffi überrundet werden“. Steffi, das ist Stephanie Zorn aus Klein Nordende. Die 34 Jahre alte Motorsportlerin hängt nicht nur mit dem Kart die Kerle ab. Im abgelaufenen Jahr gelang ihr – als erster Frau überhaupt – der Gesamtsieg beim Rallye-Cup-Nord. Das ist quasi die norddeutsche Meisterschaft der Rallyefahrer und umfasst 13 Veranstaltungen in Schleswig-Holstein, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern.

Für die Saison 2014 hat sich die Rallye-Pilotin vorgenommen, zusammen mit ihrem langjährigen Beifahrer Andreas Karg „zu beweisen, dass der Titelgewinn 2013 kein Zufall war“. Auch in Zukunft, da ist sich die Amazone am Steuer sicher, wird sie sich vor allem mit männlicher Konkurrenz messen: „Rallye-Sport ist und bleibt ein Männerding. Daran wird sich nichts ändern. Es gibt im Norden vielleicht eine Handvoll Frauen, die mitfahren.“

Dass sie nicht nur mit-, sondern mittlerweile häufig vorne fährt, ist aus Sicht der 34-Jährigen das Resultat einer langjährigen Entwicklung. Erfahrung sei im Rallye-Sport ein wichtiger Faktor. Und die gelernte Versicherungskauffrau, die heute bei der Sparkasse Südholstein im Bereich Vertriebsunterstützung Versicherung tätig ist, saß bereits mit 14 Jahren im Cockpit. Geboren im nordrhein-westfälischen Minden, avancierte sie als Teenager zur Beifahrerin des Vaters. „Meine Eltern haben beide Rallye gefahren, wir waren fast immer an den Wochenenden zu Rennen unterwegs“, erinnert sich Stephanie Zorn an ihre sportlichen Anfänge.

Der Liebe wegen kam sie dann in den Norden, nachdem sie ihren Partner Martin Schütte, wie könnte es anders sein, beim Rallyefahren kennengelernt hatte. Das Paar aus Klein Nordende fuhr in der Vergangenheit bereits zusammen wie auch gegeneinander. Inzwischen kümmert sich Schütte im Familienteam vor allem um das Schrauben und bereitet den Renner seiner Frau, einen Renault Clio mit 2,0-Liter-Maschine, für die Rallyes vor. Seit genau zehn Jahren sitzt Steffi Zorn links, also am Steuer.

„Meistens bin ich die einzige Frau unter 30 bis 50 Teilnehmern. Kaum jemand vermutet von außen, dass eine Frau am Steuer sitzt.“ Fuhr die 34-Jährige einige Jahre lang in der H-Klasse, in der die Wagen stärker modifiziert werden dürfen, so tritt das Team Zorn/Karg nunmehr mit einem Renault Clio B in der F-Klasse an, in der die Fahrzeuge seriennäher sind. „Die Teilnehmerfelder und die Leistungsdichte in der F-Klasse sind größer“, erklärt die Klein Nordenderin.

Mit ihrer Nationalen Lizenz C darf Stephanie Zorn auch die Deutschland-Rallye bestreiten, die rund um Trier ausgefahren wird und zur Weltmeisterschaft zählt. Dauerhaft im „großen“ Rallye-Sport mitmachen zu können, ist vor allem eine Geldfrage. „Ohne Sponsoren geht es nicht“, so die Klein Nordenderin. Schon jetzt investiere ihr Team einige Tausend Euro im Jahr für Reisen und Startgelder, Ersatzteile oder Tuning für das Rennfahrzeug und die vielen, vielen Schrauber-Stunden nicht mitgerechnet.

1997 gefiel sie bei bundesweiter Nachwuchssichtung als Zweite

Mit vergleichbarem Material, so schätzt Stephanie Zorn durchaus selbstbewusst, würde sie im illustren Kreis der Top-Piloten „natürlich nicht vorne, aber auch nicht ganz hinten landen“. Als Werksfahrer müsse ein Rallyefahrer viel weniger darauf achten, sein Fahrzeug zu schonen. Aber nicht nur der bessere Wagen, die größere PS-Zahl und ein vielköpfiges Werkstatt-Team machen den Unterschied: „Talent und ein Gefühl fürs Auto muss man schon haben.“ Dass sie dieses Können hat, hatte Stephanie bereits 1997 unter Beweis gestellt: Sie konnte sich gegen über 100 Konkurrentinnen bei der bundesweiten Nachwuchssichtung der Motorsportzeitung „Rallye Racing“ und Mitsubishi „Ralli Art“ durchsetzen und den zweiten Platz erringen. Als Belohnung dufte sie damals Werksluft schnuppern und drei Rallyes auf einem von Mitsubishi „RalliArt“ gestelltem Auto bestreiten.

Außer zum Kartfahren zieht es die Motorsportlerin regelmäßig auch vom Schlamm und Schotter der Rallyepisten auf den Asphalt der Rundstrecke. Einmal im Jahr ist sie beim Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings dabei – „das ist immer ein Highlight“. Kiesbetten, lange Auslaufzonen und Reifenstapel am Fahrbahnrand gibt es im Rallyesport nicht. Deshalb heißt es, ob nun bei der berühmt-berüchtigten Rallye Monte Carlo, die just von Weltmeister Sebastien Ogier aus Frankreich gewonnen wurde, oder bei der Stormarn-Rallye des MSC Trittau im Rennkalender des Rallye-Cup-Nord. „Angst darf man nicht haben“, sagt Stephanie Zorn. „Respekt ja, aber keine Angst. Natürlich aber hänge ich an meinem Leben und auch an meinem Auto.“

Wenn sie bei Vollgaspassagen mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde durch schmale Waldwege rase, die Bäume links und rechts zum Greifen nah, „dann blendet man aus, was der kleinste Fehler oder eine Panne in einem solchen Augenblick bedeutet“. Klar, abgeflogen, also spektakulär von der Strecke abgekommen, ist sie in den vielen Jahren als Rallyefahrerin auch schon. „Toi, toi, toi, bisher hatte ich nicht einmal ein Schleudertrauma.“

Bei der „Rallye Zorn“ möchte Stephanie Startnummer eins haben

Zum Programm des diesjährigen Rallye-Cup-Nord-Wettbewerbs zählen außer zum Beispiel der „Atlantis“-Rallye des MSC Kaltenkirchen auch einige Rallyesprint-Meetings, bei denen die Automobilspezialisten auf engen Rundkursen den Kampf gegen die Uhr aufnehmen und der besonders spektakuläre Action verspricht, so wie etwa beim Fischereihafensprint in Bremerhaven. Wer sich dort versteuert, der landet mit seinem Rennwagen im Hafenbecken. „Das blendet man besser auch aus“, so die Nordmeisterin lachend.

Unbedingt einmal mitfahren möchte Stephanie Zorn bei einer Rennveranstaltung, die ihr doch buchstäblich auf den Leib geschnitten ist – bei der Rallye Zorn rund um Miehlen (zwischen Koblenz und Wiesbaden). Diese Wettfahrt, benannt nach dem MSC Zorn von 1969, wird in diesem Jahr am 7. und 8. März zum 25. Mal ausgefahren. Stephanie Zorn: „Da muss ich doch die Startnummer eins bekommen.“