Pinneberg

Mitleid statt Häme und Schadenfreude

Reaktionen auf den Niedergang des TuS Holstein Quickborn. Fusion mit dem Stadtrivalen 1. FCQ könnte ein Thema werden

Quickborn. Es war im Juni 2010, ein paar Tage, nachdem die Fußballer des SV Rugenbergen die Rückkehr in die Oberliga mit einem Sieg im Entscheidungsspiel gegen Vorwärts/Wacker Billstedt perfekt gemacht hatten. Frank Ockens stand am Flughafen von Augusta/Georgia und trat im Anschluss an einen geschäftlichen Aufenthalt in den USA die Rückreise an, als ihn ein Anruf von Torsten Hoffmann erreichte. "Willst du unser Trainer werden?", fragte der Fußball-Abteilungsleiter des TuS Holstein Quickborn die SVR-Ikone. Ockens lehnte dankend ab: "Ich stehe bei meinem Verein als Co-Trainer im Wort."

Wären dem Quickborner Traditionsklub der Landesliga-Abstieg und die Fortsetzung der Talfahrt in der Bezirksliga erspart geblieben, hätte der in Pinneberger Fußballkreisen angesehene "Dampfmacher" Ockens seinerzeit zugesagt? Hoffmann entschied sich später für Jens-Uwe Meyer, mit dem die Mannschaft einen totalen Fehlstart hinlegte - Trennung am 19. August 2010.

Als zwei Monate später der tüchtige Thorsten Cornehl einstieg, waren bereits wichtige Punkte für das Erreichen des Klassenerhaltes verspielt. Häme oder Schadenfreude kann Ockens, 36, als Mitarbeiter des Nachbarschaftsrivalen in Bönningstedt nicht empfinden, im Gegenteil: "Diese Entwicklung beim TuS Holstein zu sehen, das macht mich traurig."

Der totale Schiffbruch des Fußballs im TuS Holstein betrübt auch andere. Da ist Roland Lange, 71, der sich 1985 als Trainer des VfL Pinneberg einen harten Zweikampf um den Titel in der höchsten Hamburger Spielklasse mit der besten Quickborner Mannschaft aller Zeiten geliefert hatte: "Bis letzte Saison waren das immer große Schlachten zwischen uns. Nun wird es unheimlich schwer für den TuS, jemals wieder an den früheren Stellenwert heranzureichen. In Pinneberg können wir das beurteilen. Doch uns rettete nach dem Abstieg 2008 die ausgezeichnete Nachwuchsarbeit."

Auch der ehemalige Coach Erwin Wüst, 73, der Lange und den VfL 1985 knapp abgehängt hatte, empfindet Bedauern: "Ich hatte doch so eine schöne Zeit in Quickborn. Ganz gewiss hat dort das Umfeld versagt." Karl-Peter Kress, 72, in der goldenen Ära der TuS-Kicker Vereinspräsident und noch heute Beitragszahler, ist überzeugt davon: "Mit den Strategen von damals wäre das nicht passiert."

So sorgte der von Jochen Flögel gewissenhaft geführte Förderkreis in den Glanzzeiten dafür, dass der Verein den Spielern nichts schuldig blieb. "Für den Sieg gab es zehn Mark. Aber wir waren ja nicht des Geldes wegen zusammen", erinnert sich Thorsten Fuhlendorf, 52, Kapitän der Meisterschaft. Nur die Auswärtigen wie Torjäger Udo Goldenstein, 57, wurden pro Saison mit 1000 Mark extra für ihren Aufwand entschädigt. Ihre Verbindung zum TuS heute? Fuhlendorf: "Familie, Skisport, ich habe andere Interessen, lese aber Zeitungsartikel über die aktuelle Mannschaft." Udo Goldenstein: "Mein Verein ist jetzt die SV Groß Flottbek. Dort bin ich 2.Vorsitzender."

Der Quickborner Bürgermeister Thomas Köppl, 46, hat in den sieben Jahren schon manche Vorwürfe aus dem TuS-Lager gehört. Zumeist ging es um die Zustände im Holstenstadion. Egal, die Entwicklung lässt ihn nicht kalt: "Unsere Stadt ist in Fußball-Kreisen auch heute noch ein Begriff. Alle hier mit Freude an diesem Sport empfinden jetzt Bitterkeit, da bin ich keine Ausnahme." Ganz wichtig werde es jetzt sein, dass die bevorstehenden Hallenturniere im Januar mit namhafter Beteiligung funktionierten. Allerdings wünsche er auch dem 1999 ins Leben gerufenen 1. FC Quickborn stets gutes Gelingen.

Und was ist mit der von den ehemaligen TuS-Funktionären Uwe Langeloh und Jochen Ulmer vorgetragenen Idee, die Fußballer beider Quickborner Klubs unter einem Dach zu vereinen? Albert Albersmann, 50 Jahre alter FCQ-Vorsitzender, weiß nicht so recht, was er davon halten soll: "Die Rivalität ist immer noch groß und eigentlich auch gut so. Vorteile sähe ich in der Konzentration der Sponsoren und im organisatorischen Bereich, aber grundsätzlich ist es zu früh, darüber zu reden."

Sein Herren-Trainer Thorsten Gumbrich, 33, spürt keine Not, sich mit dem Nachbarn zu verbrüdern: "Sportlich spricht nichts dafür. Zum TuS schaue ich nicht mehr auf." Dabei hatte Gumbrich bis 2002 noch bei Blau-Weiß-Rot die C-Jugend trainiert, ehe er und das gesamte Team sich nach Differenzen mit den damaligen Abteilungsleiter Albert Kutscheid für Orange entschieden. "Mit Kutscheid verstehe ich mich wieder gut", betont Gumbrich. Doch sind auch die anderen Kandidaten bereit, die alten Geschichten abzuhaken?

Einer wehrt sich schon mal gegen ein Zusammengehen. Auf die Gefahr hin, als Verhinderer zu gelten, will Thomas Blaume, 46, die Früchte seiner schon sechsjährigen Trainer-Arbeit ernten und die starken B-Junioren des TuS Holstein in den Erwachsenenbereich führen. Einige seien dabei, die hätten sich beim 1. FC nicht wohl gefühlt und wollten unter keinen Umständen zurück. Dem TuS-Vereinsvorsitzenden Jürgen Sohn wäre es recht: "Mit diesen Jungs könnte man nach und nach vielleicht wieder ein gutes Herrenteam auf die Beine stellen." Der langjährige Ligaspieler Björn Kossert glaubt nicht daran. Die einzigen Alternativen für den TuS Holstein aus seiner Sicht: "Fusion mit dem 1. FC Quickborn oder Untergang."