Pinneberg
Traditionsclub

Die Suche nach dem Sündenbock

Zwei frühere Fußball-Abteilungsleiter des TuS Holstein Quickborn weisen die Verantwortung für die aktuelle Misere des Vereins von sich.

Quickborn. "Albert Kutscheid war wenigstens mit Herzblut dabei. Nach ihm kamen nur noch Pfeifen. Ich will sie alle nicht mehr sehen", giftet Bernd Gau. Gesundheitlich schwer angeschlagen, verbittert, ja sogar "angeekelt" hat sich der Mann, 67, der bei den Sponsoren und Werbepartnern ein Vierteljahrhundert lang die Klinken putzte, die Rechte an der Bandenwerbung übertragen bekam und der ersten Mannschaft auf diese Weise Saison für Saison 75 Prozent des Etats sicherte, von den Fußballern des TuS Holstein abgewendet.

"Ohne Bernd wäre der Laden zusammengebrochen", sagt der frühere Ligaobmann Jochen Ulmer, 63. "Doch dann wurde intern der ungeheuerliche und unwahre Vorwurf laut, er habe sich an seinen Aktivitäten bereichert. Das hat Bernd nicht verwunden", glaubt Uwe Langeloh, 75, von 1972 bis 1975, 1980 bis 1990 sowie Oktober 2006 bis Oktober 2007 Abteilungsleiter.

Die Mittel wurden schon knapp, als das Team noch in der Landesliga kickte. Der frühere Kapitän Björn Kossert, 37, der über 500 Ligaspiele für den Quickborner Traditionsclub bestritt, kann Torsten Hoffmann, Trainer vom 1. März 2003 bis 2010, vom 7. April 2010 bis zum Ende der Serie 10/11 Abteilungsleiter, Vorwürfe nicht ersparen: "Uns altgedienten Stammspielern hat er mitgeteilt, dass kein Geld vorhanden sei. Dann aber haben wir hinten rum erfahren, dass die Neuen Geld bekommen. Ein Klima des Misstrauens entstand, letztlich auch ein Riss in der Mannschaft." Die verpasste im Sommer den Klassenerhalt in der Landesliga. Die meisten Spieler verabschiedeten sich, das aktuelle, aus der Not heraus geborene Team droht aus der Bezirksliga in die Kreisliga durchgereicht zu werden. Albert Kutscheid: "Eine Schande, was aus diesem Verein geworden ist."

Nicht wenige sehen in dem charismatischen Geschäftsmann, 63, einen der "Totengräber" des TuS Holstein. Uwe Langeloh nennt Zahlen: "Als er 2000 Abteilungsleiter wurde, hatten wir noch 15 Jugendteams zum Spielbetrieb angemeldet. Dann nahm der Verfall seinen Lauf. Inzwischen sind es nur noch vier." Was natürlich auch daran liegt, dass sich 1999 Eltern von Jugendspielern in die Haare bekamen und aus diesem Zwist der 1. FC Quickborn entstand. "Die leisten nun wirklich großartige Nachwuchsarbeit", lobt Jochen Ulmer die Konkurrenz.

Aber er denkt auch neun Jahre zurück. "Da hatten wir beim TuS so eine starke A-Jugend mit Tim Vollmer, Maik Grabow und Christian Dirksen, die jetzt alle für den SV Rugenbergen in der Oberliga spielen, sowie meinen Sohn Tim. Um die herum hätte man einen tollen Unterbau für die Erste auf die Beine stellen können." Den Machtmenschen Kutscheid und den damaligen Trainers Jens Martens hätte diese Mannschaft jedoch gar nicht interessiert. "Stattdessen kauften sie teure Spieler ein, keinen Deut besser als die eigenen Talente. Kutscheid klopfte wie Chruschtschow mit dem Schuh auf den Tisch und ließ keine andere Meinung neben der eigenen gelten."

Albert Kutscheid ("Bei mir war immer Glanz in der Hütte") kennt die Vorwürfe und begegnet ihnen gelassen. Tim Ulmer und Christian Dirksen seien noch nicht so weit gewesen, Tim Vollmer ständig verletzt. Maik Grabow habe unbedingt zur SV Halstenbek-Rellingen wechseln wollen. Einen schweren Fehler allerdings räumte er ein: "Ich hätte mich 2003 niemals dem Druck der Mannschaft, mich von dem hervorragenden Trainer Martens zu trennen, beugen dürfen." In der Hoffnung, dass Ruhe eingekehrt, habe er den Coach sogar privat abgefunden. Aus dem vierten Platz zum Zeitpunkt der Entlassung wurde unter Nachfolger Torsten Hoffmann der Abstieg aus der höchsten Hamburger Liga.

Ein erster Streit zwischen Hoffmann und Kutscheid entbrannte um den Spieler Thorsten Wolf, der entgegen seiner ursprünglichen Absicht nicht blieb, sondern seinen Wechsel zu Germania Schnelsen verkündete und im letzten Spiel trotzdem aufgestellt wurde. Kutscheid: "2006 hat Hoffmann dann eine Revolte gegen mich angezettelt. Da habe ich gesagt: Wisst ihr was? Ich trete zurück."

Immer wieder fällt sein Name, wenn vom Niedergang der Quickborner Fußballer die Rede ist: Torsten Hoffmann, 40. Jochen Ulmer: "Für seinen Einsatz gebührt ihm ja Dank. Aber er hat mit Geld spekuliert, das nicht vorhanden war." Verschätzt hatte sich Hoffmann offenbar Anfang 2011 auch bei der Planung des Quickborner Hallenturniers. Es kamen längst nicht so viele Besucher, wie von ihm kalkuliert. Albert Kutscheid, der ihm das Catering für 2000 Euro abkaufte, machte nach eigenen Angaben 1400 Euro Verlust. Damit war das Tischtuch zwischen beiden Männern endgültig zerschnitten. Kutscheid: "2012 bewirtschaften wir ausschließlich das Turnier der Golden Oldies. Wenn Hoffmann dort auftaucht, schenken wir ihm nichts aus."

Was die wenigsten wissen: Hoffmann, der "Hassliebe" zu Kutscheid bekundet, verzichtete jahrelang auf sein Trainergehalt. Mit seiner Kenntnis im Norderstedter Raum versorgte er den TuS immer wieder mit neuen Spielern, auf welcher Grundlage auch immer.

Pech hatte er allerdings, dass alle Abteilungsleiter und Liga-Manager nach Kutscheids Demission ihm trotz vollmundiger Versprechungen nicht den gewünschten finanziellen Spielraum verschafften. Immer wieder wurden Trainer und Spieler vertröstet. Eine echte Hilfe sei nur der aus dubiosen internen Gründen gefeuerte Ligaobmann Bernd Schenk gewesen. Hoffmann, jetzt Ligamanager von TuRa Harksheide: "Ich könnte ein Buch über meine Zeit in Quickborn schreiben." Das letzte Kapitel schloss sich, als der Hauptverein seinen Zugriff aufs Spartenkonto sperrte und mit den Zahlungen von Sponsoren "laufende Kosten" (1. Vorsitzender Jürgen Sohn, 68) beglich. Das sei im März gewesen, versichert Hoffmann. Er habe Hoffmann bis zum 31. Mai alle Freiheiten gelassen, entgegnet Sohn.

"Nach Unregelmäßigkeiten in der Vergangenheit" überwacht der Hauptvorstand in der Zwischenzeit alle Kontobewegungen der Fußballsparte, auch auf deren Wunsch hin. Damit ist sogar der als kritisch gegenüber Sohn und dessen Stellvertreter Hartmut Leutner eingestellt geltende Uwe Langeloh einverstanden. Das Vereinsurgestein, mit seiner unverblümten Art nicht überall beliebt, wittert allerdings einen Plan, "uns Fußballer loszuwerden". Der Vorstand habe doch gar ein Interesse an den Kickern mehr. Sohn dementiert das: "Wir werden bald bei den aktuellen Trainern nachbohren, wie sie sich die nächste Zeit vorstellen und ob es mit ihnen weitergehen kann."

Morgen lesen Sie: Reaktionen auf den tiefen Fall der einstigen Großmacht im Kreis Pinneberg. Welche Zukunft hat der Fußball im TuS Holstein?