Pinneberg

Wirkliches Glück ist der perfekte Schuss

Rund 90 000 Pfeile ließ der Holmer schon von der Sehne schnellen. Doch oft spürt er, dass Alltagssorgen seine Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen.

Es ist immer und immer wieder das gleiche Bemühen und der gleiche Ablauf. Die Beine schulterbreit auseinander gestellt, die Hüfte zur Zielscheibe gedreht, der Körper gestrafft. Der Bogen in der linken Hand noch nach unten gerichtet, den Pfeil vorne mit einem leisen Klick in die Pfeilführung schieben, hinten die Nocke, also den Spalt des Pfeils in die Sehne legen, Mittel- und Ringfinger unter-, den Zeigefinger über den Pfeil legen, leicht anziehen, den Bogen heben und in Richtung Scheibe ausrichten, die Sehne spannen, das Gold in der Scheibe fixieren, Ruhe, los. Der Pfeil schwirrt durch die Luft und noch in 70 Meter Entfernung hört man, wie sich die Spitze in die Scheibe bohrt.

Rund 150 Mal vollzieht Niels Pautke bei jedem Training dieses ewig gleiche Ritual. Meist fünfmal in der Woche schickt er auf der Bogenschieß-Anlage des TSV Holm seine Pfeile auf die Reise ins erhoffte Gold, die zehn also. Und das seit sieben Jahren. Etwa 90 000 Pfeile hat Pautke inzwischen losgeschickt. Immer der gleiche Ablauf und doch kann jeder Schuss tausendfach verschieden sein - in den kleinsten und feinsten Abweichungen und Veränderungen.

"Und das ist es, was die große Faszination des Bogenschießens ausmacht", sagt der 43-jährige selbständige EDV-Berater. "Du suchst und du sehnst dich immer nur nach dem einen, dem Gefühl: Das war jetzt ein perfekter Schuss. Darin liegt das ganze Glück eines Bogenschützen."

Und es ist ein zwiespältiges, aber doch sehr inniges Glücksgefühl, nach dem alle mit Pfeil und Bogen suchen. "Da landet dein Pfeil genau im Zentrum der Zehn und trotzdem ärgerst Du dich schwarz, weil für dich der Schuss eine Katastrophe war."

Denn das ist das Besondere an diesem uralten Menschheits-Wettkampf, du musst dich ganz einbringen und du bringst deinen ganzen Tag mit auf die Anlage und in jeden Pfeil, den du abschwirren lässt. "Der Ärger und der Stress ist da, mit dem man sich tagsüber abplagen müsste", sagt Niels Pautke, "Genauso die Freude und die kleinen Erfolgserlebnisse. Ich brauche manchmal 50, 60 oder auch mehr Pfeile, ehe ich beim Training den Alltag endgültig ausgeschaltet und überwunden habe. Dann erst fängt man an, allmählich genauer zu treffen. Und wenn ich mir dann ein paar Mal sagen kann, das war jetzt ein guter Schuss, dann spüre ich, wie ich entspannter und gelöster werde. Irgendwie komme ich meist erholt und wieder frei im Kopf vom Training nach Hause."

Wie sehr der Alltag mit seinen Sorgen und Problemen in diesem mentalen Sport den Erfolg zerstören kann, hat Niels Pautke auch schon durchleben müssen. "Als ich 2005 arbeitslos wurde, habe ich nichts mehr getroffen. Obwohl ich genauso zielstrebig trainiert habe, war ich bei jedem Wettkampf um 100 bis 150 Ringe schlechter, und das sind Welten im Bogenschießen."

Sieben Jahre sind es her, da zog Niels Pautke mit seiner Frau von Blankenese nach Holm. "Bei einem Spaziergang habe ich die Bogenschießanlage gesehen", erzählt er, "und dann beim Training vorbei geschaut. Nach den ersten Pfeilen wusste ich: Das ist mein Sport."

Das Können und die Leistung werden objektiv und gerecht in Ringzahlen bewertet. Bei der Olympischen Runde, das sind zweimal je 36 Pfeile auf die 70 Meter entfernte Scheibe, hat Niels Pautke seinen persönlichen Rekord auf 585 Ringen stehen, von maximal 720 möglichen. "Die habe ich vor zwei Jahren bei den Schleswig-Holsteinischen Landesmeisterschaften erzielt", erzählt der trainingsfleißige, "und bin doch nur Zehnter geworden, weil alle so gut gezielt haben."

Der Wunsch des leidenschaftlichen Schützen ist natürlich, sich einmal für die Teilnahme an einer deutschen Meisterschaft zu qualifizieren. "Aber irgendwie ist das Ganze bei mir auch schon so eine Art Sucht geworden", bekennt Niels Pautke. "Ich muss immer wieder ins Freie und Pfeile abziehen. Selbst im strömenden Regen habe ich schon allein auf dem Platz gestanden und auf den perfekten Schuss gehofft."

"Ich brauche manchmal 50 bis 60 oder auch mehr Pfeile, ehe ich beim Training den Alltag endgültig ausgeschaltet und überwunden habe."

"Bei einem Spaziergang habe ich die Bogenschießanlage des TSV Holm gesehen. Und nach dem ersten Training wusste ich: Das ist mein Sport."