Quickborn

Torfabbau und Zwangsarbeit – ein Fall für die Forschung

| Lesedauer: 9 Minuten
Burkhard Fuchs
Torfabbau unter Zwang hat im Quickborner Himmelmoor eine lange Geschichte. Dieses Kapitel wird nur wissenschaftlich aufgearbeitet.

Torfabbau unter Zwang hat im Quickborner Himmelmoor eine lange Geschichte. Dieses Kapitel wird nur wissenschaftlich aufgearbeitet.

Foto: Archiv Matthias Fischer-Willwater / Burkhard Fuchs

Zum Holocaust-Gedenktag beginnt die wissenschaftliche Aufarbeitung der Nazizeit im Himmelmoor – und der dunklen Kapitel davor.

Quickborn.  Jetzt wird die gesamte Geschichte des industriellen Torfabbaus im Quickborner Himmelmoor mit all ihren Facetten wissenschaftlich aufgearbeitet. Der Träger- und Förderverein des Henri-Goldstein-Hauses, eines Lagers für jüdische Kriegsgefangene im zweiten Weltkrieg, das kürzlich auch als offizielle NS-Gedenkstätte anerkannt wurde, hat einen promovierten Historiker beauftragt.

Quickborn: Torfabbau und Zwangsarbeit werden wissenschaftlich untersucht

Karsten Wilke aus Bielefeld will dabei nicht nur den Zeitraum der beiden Kriege, als vor allem russische und französische Kriegsgefangene unter Zwang Torf stechen mussten, untersuchen. Auch die Zeit davor und danach, als Strafgefangene diese schwere Arbeit bis in die 80er-Jahre verrichten mussten, gehöre dazu, sagt Wilke. Auch die Verbindungen der Lager und der Torfindustrie zur örtlichen Bevölkerung wie zur regionalen Wirtschaft werde er in diese Analyse einbeziehen.

„Es geht in diesem Projekt darum, die Geschichte des Torfabbaus im Himmelmoor über einen Zeitraum von etwa 150 Jahren, also von 1870 bis in die Gegenwart, zu rekonstruieren“, so der Historiker. Es sei eine anspruchsvolle Aufgabe, die Entwicklung der Himmelmoores von einem Wirtschaftsraum zu einem Ort der Gewalt bis hin zu einem ökologischen Lernort nachzuzeichnen. Denn wie berichtet, wurde das 400 Hektar große Himmelmoor zum Naturschutzgebiet erklärt.

Historiker forscht zu Zwangsarbeit und Lagerwelt in Quickborn

Seinen Schwerpunkt werde er dabei auf die Zwangsarbeit und auf die „Lagerwelten“ setzen. Eine solche Gesamtübersicht der historischen Zusammenhänge des Torfabbaus vom Kaiserreich bis zu seinem Ende vor wenigen Jahren ist bislang nicht erforscht und in Verbindung mit den Kriegs- und Strafgefangenenlagern hierzulande einmalig. Nur die Geschichte der Moorsoldaten im Emsland, wo das Nazi-Regime aus den Straflagern die ersten Konzentrationslager machten, dürfte ähnlich gut erforscht sein, sagt Wilke. „Das kann ein Vorbild für diese Analyse sein.“

Zwei Jahre Zeit hat der Historiker. Der Förderverein hat ihn aus 27 Bewerbungen ausgewählt. Das Budget für seinen Werkvertrag beträgt 70.000 Euro. Der Förderverein nimmt dafür die 200.000 Euro, die das Land für den wissenschaftlichen Aufbau der NS-Gedenkstätte im Himmelmoor bereit gestellt hat, erklärt der Vorsitzender Jens-Olaf Nuckel.

„Es soll die wissenschaftliche Grundlage für den Aufbau einer Ausstellung im Henri-Goldstein-Haus sein“, sagt die stellvertretende Vorsitzende Christiana Lefebvre. „Der geschichtliche Hintergrund muss erst untersucht sein.“ Der Förderverein werde dabei unterstützt und beraten von der Bürgerstiftung und einem Geschichtsprofessor der Uni Kiel. „Das wird auch die Qualitätskontrolle meiner Arbeit sein“, so Wilke.

Historiker forscht auch zur Lage der Versehrten nach dem Krieg

Der Bielefelder Historiker beschäftigt sich schon lange mit Rechtsextremismus, NS-Vergangenheit, Medizin- und Kriegsgeschichte. Aktuell forsche er im Auftrag der Medizinischen Hochschule in Hannover, wie es den 1,3 Millionen Männern im Nachkriegsdeutschland ergangenen ist, die von den rund 18 Millionen Soldaten versehrt und mit amputierten Gliedmaßen aus dem Krieg nach Hause kamen.

Für die Himmelmoor-Forschung habe er bereits erste Akten im Landesarchiv in Schleswig begutachtet. Dabei gehe es darum, originale Dokumente und Schriftwechsel zu sichten, die die Justizbehörden betreffen. Denn es gebe bislang keine genaue Zahl der Strafgefangenen, die jahrzehntelang vor allem von der Justizvollzugsanstalt in Neumünster zum Torfstechen nach Quickborn beordert wurden.

Jüdische und russische Gefangene mussten in Quickborn Torf stechen

Für die Kriegszeiten kämen zudem die Archive in Berlin, Freiburg und Colmar infrage, wo der Lagerkommandant Werner Rohde nach dem Krieg von einem französischen Militärgericht zu fünf Jahren Haft verurteilt worden ist. Rohde habe sich „ein Vergnügen daraus gemacht, die Gefangenen zu schikanieren und zu schlagen“, hieß es in dem Urteil.

Der Förderverein hat sich nach Henri Goldstein benannt, einem Belgier jüdischen Glaubens, der 1944/45 im Arbeitslager 1416 im Quickborner Himmelmoor mit etwa 50 andern jüdischen Gefangenen in einem Flachdach-Gebäude aus dem Jahr 1936 lebte und Torf stechen musste. In den drei Gebäuden nebenan, die bereits 1915 errichtet worden sind, waren in beiden Weltkriegen bis zu 66 russische Kriegsgefangene untergebracht, die ebenfalls unter Zwang täglich 15 Kubikmeter Torf zu stechen hatten. Deren Geschichte ist bis heute völlig unbeleuchtet.

Quickborner Gedenkstätte ist nach ehemaligen Gefangenen benannt

Weil es kein Wasser gab, herrschte im Gebäude ein unheimlicher Gestank, schrieb Goldstein nach dem Krieg in seinen Erinnerungen. Sie seien von Wanzen und Läusen befallen gewesen und mussten unter Schlägen die schwere Arbeit verrichten. Zu essen bekamen sie nur braune Brühe und ein Stück Brot am Tag, so Goldstein, der sich in den 80er-Jahren an die Stadt Quickborn wandte, um die Gefangenschaft nachträglich anerkennen zu lassen.

Daraus entstand in Quickborn Ende der 90er-Jahre ein Verein, der sich später nach Goldstein benannte und mit seinen 30 engagierten Mitgliedern die Erinnerung an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte für die Nachwelt wach halten wollte. „Es gab auch hier Nazis. Wir lebten nicht auf einer Insel der Glückseligkeit“, so der Vereinsvorsitzende Nuckel.

Hinterbliebene forschen zu den Zuständen im ehemaligen Gefangenenlager

Der heute in Israel lebende Alexis Rodgold hat inzwischen – wie im Abendblatt ausführlich berichtet – auch die Geschichte seines französischen Großvaters Léon Dreyfuss systematisch aufgearbeitet, der von Dezember 1942 bis zur Befreiung am 4. Mai 1945 mit anderen Franzosen und dem Belgier Goldstein in dem Rotsteinhaus gefangen war und im Moor Torf stechen musste. Nach dessen Recherchen und Aufzeichnungen war der unfreiwillige Aufenthalt für diese Kriegsgefangenen in Quickborn weniger beschwerlich als bislang angenommen und von Mithäftling Goldstein in seinen Memoiren dargestellt.

Fördervereinschef Nuckel plant, im Sommer 2023 nach Israel zu fliegen und Rodgold in Jerusalem zu sprechen. Davon erhofft er sich wichtige Informationen, die die wissenschaftliche Arbeit des Historikers Wilke unterstützten könnten.

Quickborn: Historiker soll Geschichte des Lagers beleuchten

Dieser will bei seiner Untersuchung vor allem herausarbeiten, wie die Torflager organisiert waren, wie die Gefangenen interagierten, wie ihr Tagesablauf war, wie sie ernährt wurden, unter welchen hygienischen Bedingungen sie dort lebten und welche Arbeiten sie machten, erklärt er: „Welche Formen der Gewalt hat es gegeben? Gab es Todesfälle? Wie sahen die Überlebensstrategien der Gefangenen aus? Welche Aktivitäten existierten?“

Wilke möchte sich nicht nur auf die Erforschung der Akten und Korrespondenzen verlassen. So ruft er die Bevölkerung in Quickborn und Umgebung sowie mögliche Zeitzeugen dazu auf, sich bei ihm zu melden, sofern sie etwas über diese Zeit im Himmelmoor mitzuteilen haben, über Texte, Dokumente, Fotos oder Gegenstände verfügen oder Wissenswertes dazu beizutragen haben. Auch mit den Unternehmen, die den Torfabbau betrieben haben, möchte er in Kontakt treten. Wer Informationen dazu habe, möge sich per Mail an ihn unter kwilke1@uni-bielefeld.de oder an info@henri-goldstein-haus.de wenden.

Kreis Pinneberg: Weitere Aktionen zum Holocaust-Gedenktag

Am Donnerstag, 26. Januar, einen Tag vor dem Holocaust-Gedenktag, findet die Veranstaltung „Gegen das Vergessen“ in Elmshorn statt. Schülerinnen und Schüler der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule, der Freien Waldorfschule, der Bismarckschule, der Leibniz Privatschule, der Erich Kästner Gemeinschaftsschule, der Elsa-Brändström-Schule sowie der Boje-C.-Steffen-Gemeinschaftsschule gestalten mit. Beginn der Veranstaltung im Saalbau Elmshorn, Adenauerdamm 2, ist um 19 Uhr, Eintritt: drei Euro.

Die Gedenkstätte Henri-Goldstein-Haus am Himmelmoor in Quickborn beteiligt sich erneut an der Aktion „#LichterGegenDunkelheit“. Das Gebäude, das während des Zweiten Weltkriegs als Gefangenenlager für jüdische Zwangsarbeiter diente, wird am Freitag, 27. Januar, von außen in buntes Licht getaucht. Im Inneren werden Biografien von vier Insassen während der NS-Zeit vorgelesen. Beginn ist um 18 Uhr, die Aktion dauert etwa 90 Minuten. Danach herrscht Dunkelheit und Stille.

Am Sonnabend, 28. Januar, lädt die Geschichtswerkstatt des SPD-Ortsverein Uetersen zu einer Gedenkveranstaltung ein. In der Stadthalle Uetersen, Berliner Straße 12, wird von 17 Uhr an der Opfer des Nationalsozialismus in Uetersen gedacht. Beispielhaft wird an Franz Lissner und Magnus Pettersson erinnert, die in einem Konzentrationslager ermordet wurden.

Die Elmshorner St. Nikolai-Kirchengemeinde lädt für Sonnabend, 28. Januar, zu einem Klezmer-Konzert zum internationalen Holocaust-Gedenktag ein. Das Duo ZHOK, bestehend aus Gerhard Breier (Klarinette, Gesang, Komposition) und Anja Jakobsen (Akkordeon) spielt von 18 Uhr an Klezmer-Musik und jiddische Lieder im Gotteshaus am Alten Markt in Elmshorn. Der Eintritt ist frei, es wird um Spenden gebeten.

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