Jüdisches Leben in Deutschland

Lesung und Musik: Das Schicksal der Familie Levy

| Lesedauer: 4 Minuten
Anne Dewitz
Das Schicksal der jüdischen Familie Levy hat Roman Frister in einem Roman verarbeitet. Das Foto fand er auf einem Flohmarkt in Tel Aviv.

Das Schicksal der jüdischen Familie Levy hat Roman Frister in einem Roman verarbeitet. Das Foto fand er auf einem Flohmarkt in Tel Aviv.

Foto: R. Frister

Kultur-Verein Quickborn erinnert mit musikalischer Lesung an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland. Das wird geboten.

Quickborn.  Alles, was von den Levys geblieben war, lag in einem alten Pappkoffer auf dem Flohmarkt von Tel Aviv-Jaffa. Der polnisch-israelische Journalist und Schriftsteller Roman Frister (1928 in Bielitz geboren und 2015 in Warschau gestorben) kaufte den Koffer und las alte Dokumente und Briefe, sichtete Fotos aus fünf Generationen, suchte Zeitzeugen.

Quickborn: Musikalische Lesung zum Schicksal der Familie Levy

Aus diesem Puzzle setzte er eine Familien-Biografie zusammen, die 1812 begann und 1940 mit den Nationalsozialisten brutal endete. Der biografische Roman „Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland“ steht im Mittelpunkt einer Veranstaltung, zu der in Quickborn der Kultur-Verein am Sonntag, 2. Oktober, in die katholische Kirche St. Marien einlädt.

Gelesen werden Auszüge aus dem Buch von dem ehemaligen Hamburger Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen. Der evangelische Theologe war von 1979 bis 1981 Stellvertreter des Probstes in Kiel. 1981 wechselte er in die Militärseelsorge. 1987 bis zu seiner Emeritierung 2005 übernahm er für 18 Jahre das Amt eines Hauptpastors am Hamburger Michel und ist bis heute publizistisch und in ehrenamtlichen Funktionen tätig. Ihm zur Seite steht seine Frau Irmgard Adolphsen, Oberstudienrätin für Latein und Religion im Ruhestand.

Das Streichquartett des Jewish Chamber Orchestra begleitet die Lesung mit Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Es wurde 2018 mit der Idee gegründet, nach mehr als 80 Jahren erneut ein Jüdisches Kammerorchester in Hamburg zu etablieren. 1934 entstand es als Resultat der Ausgrenzung jüdischer Musiker aus dem öffentlichen Leben und musste sich nach nur vier Konzerten auflösen. Die Musiker des Jewish Chamber Orchestra kommen aus unterschiedlichen Ländern aller Nationen und Religionen und leben überwiegend in Deutschland.

Veranstaltung zu 1700 Jahren jüdisches Leben in Deutschland

Der Prolog zur Veranstaltung über jüdische Persönlichkeiten in der Geschichte Hamburgs wird von Ruben Herzog, 2007 bis 2011 Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Hamburg, vorgetragen. Er wurde in Haifa geborenen und war Schulleiter eines Hamburger Gymnasiums (1994 – 2018). Seit 2019 wirkt er als Redaktionsleiter der pädagogischen Fachzeitschrift „Hamburg macht Schule“.

Das Schicksal der Levys war mehr als ein Jahrhundert mit den wechselvollen Zeitläuften in Pommern, Preußen und Deutschland verwoben. Seit mehr als 1700 Jahren leben Juden nachweislich auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands. Am 11. Dezember 321 erlässt der römische Kaiser Konstantin ein Edikt, das besagt, dass Juden städtische Ämter in den Kurien, den römischen Stadträten, bekleiden dürfen und sollen. In dem Edikt wird die jüdische Gemeinde von Köln erwähnt. Diesem geschichtlichen Ereignis wird bundesweit mit einem Themenjahr, das coronabedingt bis in das Jahr 2022 verlängert wird, unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier besonders Rechnung getragen. So auch in Quickborn.

Quickborn: Paradebeispiel ökumenischen Zusammenwirkens

„Wir haben hier in dieser Veranstaltung ein wunderbares Beispiel ökumenischen Zusammenwirkens: Die geschichtliche Würdigung jüdischen Lebens in einer katholischen Kirche mit einem evangelischen Theologen und einem jüdischen Gemeindevorsteher, umrahmt von Musik eines deutschen Komponisten jüdischer Abstammung, musiziert von jüdischen Künstlern“, sagt Johannes Schneider, Vorsitzender des Kultur-Vereins Quickborn. Eingeladen zu diesem besonderen Anlass seien Menschen aller Konfessionen.

„Als Christen können wir gar nicht genug daran erinnern, dass die Wurzeln unseres Glaubens tief im Judentum verborgen sind. Unser gemeinsamer Stammvater des Glaubens an den einen Gott bleibt Abraham“, schreibt Wolfgang Guttmann, bis 2017 Pfarrer der Quickborner Kirchengemeinde, als Grußwort.

„Ascher Levys Sehnsucht nach Deutschland“ war nicht Roman Fristers einziger biografischer Stoff. In „Die Mütze oder Der Preis des Lebens“ hatte der jüdische Autor seine eigenen Erfahrungen in den Konzentrationslagern Starachowice, Auschwitz und Mauthausen verarbeitete und mit seiner hemmungslosen Beichte insbesondere die Israelis schockiert, weil sie die dunkle Seite der Opfer thematisierte.

1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland So 2.10., 18 Uhr, St. Marien, Kurzer Kamp, Eintritt 20 Euro, Karten im Vorverkauf in der Buchhandlung Galensa, Freibad 4 a, 04106/664 64, info@buchhandung-galensa.de und an der Abendkasse

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