Pinneberg

Tempelmann baut für das All – und für die Tiefsee

| Lesedauer: 6 Minuten
Anne Dewitz
Bernd Tempelmann und sein Sohn Hardy Tempelmann leiten den Pinneberger Betrieb, der 1947 von Helmut Tempelmann in Magdeburg gegründet worden war.

Bernd Tempelmann und sein Sohn Hardy Tempelmann leiten den Pinneberger Betrieb, der 1947 von Helmut Tempelmann in Magdeburg gegründet worden war.

Foto: Anne Dewitz

Der Betrieb für Feinwerkmechanik wird 75. Und er wurde es nur, weil die Familie im Tennis-Dress aus der DDR fliehen konnte.

Pinneberg.  Einige der kleinsten Bauteile sind bis in den Weltraum vorgedrungen und umkreisen die Erde in Satelliten. „Im Bereich Luftfahrttechnik liefern wir unter anderem spezielle Ventile für die Sauerstoffmasken“, sagt Hardy Tempelmann, Geschäftsführer der Tempelmann Feinwerkmechanik GmbH in Pinneberg. Der Familienbetrieb hat gerade sein 75-jähriges Bestehen groß gefeiert. Andere Teile finden sich in Prüfsystemen für das ABS-Bremssystem oder als Nieten in U-Booten. In der Gasindustrie liefert Tempelmann Überdruckventile für LNG-Technik, für die erdölsuchende Industrie Teile für Spezialbohrer.

Auch die zivile und militärische Schifffahrt setzt seit Jahrzehnten auf die Erfahrung und das Know-how von Tempelmann. „Eine unserer Spezialitäten ist die Herstellung von Gewinden im spanenden und spanlosen Fertigungsverfahren. Die Materialien, die wir bearbeiten, sind oft schwer zerspanbar, amagnetisch, seewasser- und säurebeständig, hochfest, hitzebeständig und rostfrei“, sagt er und holt einen speziellen Klebebandroller für die Autoindustrie hervor.

Tempelmann findet sich auch in Verpackungsmaschinen für Zigaretten

Diese müssen antiadhäsiv sein, es darf also nichts daran kleben bleiben, damit die doppelseitigen Klebebänder nicht hängen bleiben oder verschmutzen. Mit dem Spezialroller können bestimmte Prozesse beim Kleben in der Automobilindustrie um 15 bis 20 Minuten beschleunigt werden. Tempelmann findet sich auch in Verpackungsmaschinen für Zigaretten, durch die 45.000 Zigaretten pro Minute laufen. „Wir sind hier im Highend-Bereich“, sagt Hardy Tempelmann. Sein Vater ergänzt: „Wir sind die Spezialisten für komplizierte Werkstoffe, komplizierte Geometrien und kompliziertes Handling. Wir passen uns den Wünschen der Kunden an.“

Die Geschichte des Betriebes ist auch eine deutsch-deutsche Geschichte. Helmut Tempelmann gründete den ersten Betrieb 1947 in Magdeburg. Er stellte Pressstoff her. Bis 1958 vergrößerte sich der Betrieb und wurde nach und nach zu einer mechanischen Werkstatt. 15 Beschäftigte stellten Schrauben, Muttern, Dreh- und Gewindeteilen her. Doch als Tempelmann seinen Betrieb „freiwillig“ abgeben sollte, damit er Volkseigentum der DDR werden konnte, weigert er sich. „Die Stasi drohte meinem Vater mit Haft“, sagt Bernd Tempelmann. Er war damals 15 Jahre alt, als seine Familie den Entschluss fasst, aus der DDR zu fliehen.

Die Flucht gelingt mit der Straßenbahn von Ost- nach Westberlin

„Wir spielten alle in der Familie Tennis“, erinnert sich Seniorchef Bernd Tempelmann. Gekleidet im Sportdress, stiegen sie wie jeden Sonntag in ihren Wartburg, in dem Wissen, bereits von der Stasi beobachtet zu werden. „Ich winkte meinen Großeltern noch kurz zu, die am Fenster standen.“ Alle wussten, dass sie sich vielleicht nicht wiedersehen und bei Republikflucht auch den Angehörigen in der DDR Repressalien drohten. Drei Jahre vor dem Mauerbau gelingt die Flucht mit der Straßenbahn von Ost- nach West-Berlin.

Seine Eltern werden in Abwesenheit zu vier Jahren Haftstrafe verurteilt und erst 1972 durch Amnestie davon freigesprochen. Die in der DDR zurückgebliebenen Großeltern müssen sich den Verhören der Stasi stellen. „Zunächst landeten wir in Oldenburg, dann zogen wir nach Halstenbek, wo mein Vater einen neuen Betrieb gründete“, sagt Bernd Tempelmann. Dort wurden die Flüchtlinge nicht gerade mit offenen Armen empfangen. „Halstenbek wurde damals von den Baumschulern regiert. Die betrachteten uns als Konkurrenz.“ Sein Vater galt als Vorreiter für das Kaltverformen von Winden, ein Wissen, das er aus der DDR mitbrachte und das im Westen noch nicht so bekannt war.

Im Jahr 2000 folgt die dritte Generation mit Hardy Tempelmann

1960 zieht Tempelmann um nach Pinneberg in einen Altbau an der Koppelstraße. Fünf Jahre später folgt ein Neubau an der Flensburger Straße 4, wo die Firma bis heute ansässig ist. Bernd Tempelmann tritt 1969 nach dem Studium an der Fachhochschule Hamburg Fachrichtung Produktions- und Verfahrenstechnik in die Firma ein. Ab 1972 nennt sich die Firma Helmut Tempelmann & Sohn OHG. Zwölf Jahre später wird sie in Helmut Tempelmann & Sohn Inh. Bernd Tempelmann und Tempelmann Feinwerktechnik GmbH in Pinneberg gespalten.

Im Jahr 2000 folgt die dritte Generation mit Hardy Tempelmann, der ebenfalls an der Fachhochschule Hamburg, Fachrichtung Maschinenbau- und Produktionstechnik studiert hatte. Vier Jahre später übernimmt Hardy Tempelmann die Firma. Die Produktionshalle wird mit einem Anbau erweitert.

In den folgenden Jahren wird immer wieder erweitert: 2012 um eine zweigeschossige Fertigungshalle für die Fräsbearbeitung. 2014 wird das zweite Obergeschoss der neuen Fertigungshalle für die Vermessung, die Montage und die Reinigung der Fertigteile ausgebaut. Ein Jahr danach kann eine vollautomatische Reinigungsanlage, in der die Produktionsteile so gereinigt werden, dass sie frei von Öl, Fett und Partikeln sind. 2022 wird das Firmengelände erweitert.

Auch der Maschinenpark wird ständig erneuert. Gerade erst wurde wieder in eine neue CNC-Drehmaschine investiert. Auf modernen vertikal CNC-Bearbeitungszentren wird das Werkstück mit bis zu fünf simultan zueinander arbeitenden Achsen bearbeitet. „Wir produzieren in kleinen und mittleren Serien ebenso wie einzelne Normteile oder Sonderanfertigungen nach Muster oder Zeichnung. Selbst das Ausdrehen von Innensechskanten gehört zu unserem Repertoire“, sagt Hardy Tempelmann. Moderne Roboter in unterschiedlichen Fertigungsbereichen erhöhen die Produktivität und übernehmen stupide Arbeitsgänge.

Tempelmann hat viele langjährige Mitarbeiter – und sucht Fachkräfte

Die vollautomatische Ultraschallreinigungsanlage reinigt auf wässriger Basis und ist spezialisiert auf komplizierte Geometrien mit speziellen Vorgaben in Bezug auf Öl-, Fett- und Partikelfreiheit. In fünf Ultraschallbecken wird mit entionisiertem Reinstwasser aus der eigenen Osmose-Anlage gereinigt.

„Wir beschaffen Montagezubehör und Kleinteile, sind gut mit Dienstleistern vernetzt und bieten ein Spektrum an diversen Oberflächenveredelungen an. Zu guter Letzt übernehmen wir auch noch die Zeugnisbelegung der Werkstücke“, sagt er.

„Wir bilden seit 50 Jahren aus“, sagt Bernd Tempelmann. Und auch wenn die Fluktuation unter den Mitarbeitern gering ist – manche sind der Firma schon 45 Jahre treu – ist auch hier Fachkräftemangel ein Thema. Gesucht werden unter anderem Industriekaufmann/-frau und Feinmechaniker/-in.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg