Kreis Pinneberg

Modernstes Rechenzentrum in Deutschland sorgt für Ärger

| Lesedauer: 6 Minuten
Katja Engler
Im Entwurf für das Rechenzentrum in Rellingen (Kreis Pinneberg) ist der Grund für den Aufruhr noch nicht zu sehen.

Im Entwurf für das Rechenzentrum in Rellingen (Kreis Pinneberg) ist der Grund für den Aufruhr noch nicht zu sehen.

Foto: admin

Rellingens Rathauschef Marc Trampe genehmigt auf eigene Faust eine Planabweichung des Projekts. Anwohner und Politik sind erzürnt

Rellingen.  Nachdem sich die Proteste gegen den ursprünglichen Bebauungsplan 72 am Rellinger Hermann-Löns-Weg und der Kellerstraße gelegt hatten, gibt es dort jetzt neuen Ärger. Und das, obwohl statt riesiger Möbelhallen nun für 60 Millionen Euro das modernste und energieeffizienteste Rechenzentrum Deutschlands entstehen soll, für das es sogar einen ansprechenden Architekten-Entwurf gibt. Grund: Drei Schornsteine an der Rückseite des Gebäudes übersteigen die vorgeschriebene Maximalhöhe um fünf Meter. Der höchste Punkt liegt dann nicht, wie im Bebauungsplan festgelegt, bei elf, sondern bei 16 Metern.

Um diese Abweichung und damit das ganze Projekt durchzudrücken, hat der Rellinger Bürgermeister Marc Trampe die Höhe der Schornsteine an der Politik vorbei genehmigt – mit dem Segen der Kommunalaufsicht, die daran laut Trampe nichts zu kritisieren hatte. Das verärgert die direkten Anwohner – und die Politik: „Wir fühlen uns hintergangen“, sagt Christian Zimmermann, Fraktionschef der SPD. „Alle Fraktionen sind sauer, dass der Bürgermeister von der gemeinsamen Absprache abgewichen ist“, so der Grünen-Chef Achim Diekmann.

Auch Dieter Beyrle (CDU) findet, dass Trampe „einen unnötigen Fehler gemacht hat“. Der Runde Tisch, an dem die Bürgerinitiative, die Verwaltung und Vertreter aller Fraktionen gesessen hätten, sei bis dahin jedenfalls eine gute Sache gewesen: „Transparenz und ein fairer Umgang waren da immer gegeben“, so Beyrle.

Bürgermeister hat sich bei allen Fraktionen entschuldigt

Inzwischen hat sich Marc Trampe bei allen Fraktionen entschuldigt, „wir haben die Entschuldigung angenommen“, sagt Beyrle. Trampe hat seinen Fehler längst eingesehen: „Heute würde ich das anders machen. Ich wollte aber gegenüber dem Betreiber relativ schnell eine Sicherheit geben. Wir hatten schließlich keine andere Möglichkeit, als die Befreiung zu genehmigen“, sagt der Bürgermeister.

Ähnlich wie den Politikern geht es den Anwohnern. Jens-Uwe Mungard, der direkt gegenüber der Baustelle wohnt, bezeichnet die Vorgehensweise als Bürgertäuschung: „Es kann doch nicht sein, dass derart Wichtiges nicht festgelegt ist. Es muss doch festgelegt sein, was alles auf das Dach kommt!“, sagt er. „Was gibt dem Bürgermeister das Recht, nach Gutsherrenart zu verfahren?“

Anwohner ärgern sich über den Anblick hoher Schornsteine

Seinem Nachbarn Siegfried Tornier geht es kaum anders: „Ich fühle mich betrogen. Wir befürchten nun Dauerlärm auf unseren Grundstücken.“ Beide ärgern sich über den künftigen Anblick der hohen Schornsteine und kritisieren außerdem, dass auf den Grafiken, die vor einiger Zeit öffentlich vorgestellt wurden, weder Schornsteine, noch Geräte der Haustechnik auf dem Dach zu sehen gewesen seien.

„Das Rechenzentrum ist im Ausschuss nicht vorgestellt worden“, sagt SPD-Chef Zimmermann. Er hat im Hauptausschuss am Dienstag beantragt, dass das möglichst auf der kommenden Sitzung des Bauausschusses nachgeholt wird. CDU-Chef Beyrle wünscht sich ebenfalls, „dass das so schnell wie möglich öffentlich vorgestellt wird“. Grundsätzlich stehen aber alle großen Rellinger Fraktionen nach wie vor hinter dem Projekt.

Betreiber wollten ursprünglich Brennstoffzellen einsetzen

Bürgermeister Marc Trampe betont, er habe die Anwohner regelmäßig über den aktuellen Stand des Projektes informiert. Die Festsetzung auf elf Meter für die Gebäudehöhe bleibe und werde eingehalten. „Dass es aber bei solchen Bauanträgen Anträge auf Abweichungen gibt, ist nicht ungewöhnlich“, so Trampe. Vieles von dem, worüber sich Anwohner und Politik aufregen, kann der künftige Geschäftsführer des Rechenzentrums dataR, Andreas Janker, erklären und entkräften. „Wir wollten zunächst Notstromaggregate auf der Basis von Brennstoffzellen und Wasserstoff einsetzen. Die Technologie ist aber noch nicht weit genug und so verfügbar, wie wir sie brauchen. Zudem sind Sekundärsysteme von einer Förderung ausgeschlossen, so dass sie uns das Dreifache gekostet hätten“, sagt er.

Eine Alternative sei ein Blockheizkraftwerk gewesen: „Aufgrund der fehlenden, aber erforderlichen Kurzschlussleistung haben wir uns gegen diese Lösung entschieden. Es blieben die Diesel-Aggregate, weil das bewährte Technik für diesen Einsatzzweck ist. Dafür werden leider die Schornsteine gebraucht.“

Weder das Laufen der Kühlaggregate auf dem Dach, noch das der Notstromaggregate soll laut sein

Die Höhe der Schornsteine hat auch Janker und seine Mitstreiter überrascht. Gleichwohl hatte sie laut Bürgermeister Trampe ursprünglich bei 20 Metern gelegen. Die TÜV-Gutachter hätten die Höhe festgelegt. „Wir haben ein Interesse, die Schornsteine niedriger auszuführen. Alle Argumentation hat uns jedoch keine Erleichterung verschafft“, sagt Andreas Janker.

Darüber hinaus werden Kühlaggregate auf dem Dach installiert: „Sie werden keine spürbaren Lärmemissionen verursachen. Das ist durch ein Schallgutachten bestätigt. Auch wird die Höhe dieser Aggregate die zulässige Höhe nicht überschreiten“, so Janker. Lärm und Abgase seien kein Problem, denn die Notstrom-Aggregate würden nur zur Überprüfung ihrer Funktionstüchtigkeit zweimal monatlich für je 30 Minuten eingeschaltet.

Zu den Kunden zählen Versicherungen, Banken und kritische Infrastruktur

Janker mache sich nun Sorgen wegen des Ärgers: „Das ist ein durchweg positives Projekt, das wenig Verkehr und wenig Lärm verursacht. Die Abwärme kommt der Gemeinde zugute, die neue Schule neben uns wird der erste Abnehmer sein, aber nur etwa 15 Prozent der Abwärme verbrauchen.“ Trampe sieht darin „eine große Chance für den gesamten Ortsteil“. Lärm wird laut Janker kaum verursacht.

Rechenzentren, die für eine gelingende Digitalisierung notwendig sind, verbrauchen viel Strom. Die maximale Leistung von dataR liegt bei sechs Megawatt. Dabei garantiert es eine sehr hohe Ausfallsicherheit. Denn zu den Kunden des Unternehmens, das eine Ausgründung des Hamburger Cloud-Anbieters x-ion GmbH ist, gehören Versicherungen, Banken, Cloud-Anbieter und Unternehmen sowie Institutionen der kritischen Infrastruktur. Deshalb bietet dataR laut Janker einen sehr hohen Schutz vor physikalischen Zugriffen.

„Das Rechenzentrum ist für die lokale Wirtschaft ein interessanter Standortfaktor, da es die Möglichkeit bietet, die Daten vor Ort zu speichern. Dies ist in puncto Datensicherheit und Datenschutz wichtig“, sagt Trampe. „Zusätzlich gibt uns die entstehende Abwärme die Chance, ein nachhaltiges Wärmenetz zu betreiben.“ Spätestens im Juli 2024 soll das Rechenzentrum ans Netz gehen.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg