Kreis Pinneberg

In Sachen Barrierefreiheit gibt es im Kreis noch viel zu tun

| Lesedauer: 7 Minuten
Burkhard Fuchs
Der Bundesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel (l.), selbst sehbehindert, hilft dem erblindeten Ingenieur Volker König, ein Musterschild an der Drostei anzubringen, das Sehbehinderte in 1,40 Meter Höhe ertasten können.

Der Bundesbehindertenbeauftragte Jürgen Dusel (l.), selbst sehbehindert, hilft dem erblindeten Ingenieur Volker König, ein Musterschild an der Drostei anzubringen, das Sehbehinderte in 1,40 Meter Höhe ertasten können.

Foto: Burkhard Fuchs

In Pinneberg macht sich Jürgen Dusel, Beauftragter für Behinderte der Bundesregierung, ein Bild von Projekten. Wo es hapert.

Kreis Pinneberg.  Fehlende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und mangelnde Barrierefreiheit in allen Bereichen des Alltags und öffentlichen Lebens seien immer noch große Problemfelder für die 13,5 Millionen Menschen im Land. So viele Bundesbürger haben körperliche und geistige Einschränkungen. Das sagte jetzt Jürgen Dusel in Pinneberg. Er ist Behindertenbeauftragter der Bundesregierung und seit seiner Geburt fast blind.

Teilhabe und Inklusion: Behindertenbeauftragter besucht den Kreis

Dusel ließ sich vom Kreis-Behindertenbeauftragten Axel Vogt, der ihn eingeladen hatte, Vorzeige-Projekte für die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderung in Elmshorn und Pinneberg zeigen. Anschließend half er Volker König, der seit Jahrzehnten erblindet ist, ein Muster-Straßenschild an der Drostei zu montieren, von denen König schon 375 Stück für sehbehinderte Menschen in allen Straßen Wedels anbringen ließ.

Die Eingliederung von Menschen mit Behinderung sei nichts Nettes oder etwa ein Geschenk für die Betroffenen. „Sie ist etwas Ur-Demokratisches“, betonte Dusel bei seinem Besuch. „In einer Gesellschaft, in der alle gleiche Rechte haben, braucht die Demokratie die Inklusion. Ohne Inklusion ist es keine Demokratie.“ Das gelte für die Mitsprache und Teilhabe gleichermaßen. So konnten 80.000 betreute Menschen in Deutschland voriges Jahr zum ersten Mal bei der Bundestagswahl wählen, nachdem das Bundesverfassungsgericht die Verwehrung ihres Wahlrechts erst 2019 für verfassungswidrig erklärte, sagte Dusel.

Bei der Barrierefreiheit gibt es noch viel zu tun

Und auch bei der Barrierefreiheit liege hierzulande noch sehr vieles im Argen. In ganz Schleswig-Holstein gebe es etwa nicht eine gynäkologische Arztpraxis, die barrierefrei zu erreichen sei. Behinderte Frauen müssten also zur Vorsorge in die Krankenhäuser gehen, habe er vom Landesbehindertenbeauftragten in Kiel am Vortag erfahren. „Dabei ist Barrierefreiheit für alle Menschen ein Qualitätsmerkmal für ein Land. Es macht unsere Städte erst modern. Deutschland hat hier noch ein großes Qualitätsproblem. Wir müssen endlich barrierefrei bauen.“

In den Kindergärten und Schulen werde inzwischen viel für die Inklusion getan, erklärt Dusel, der sein Abitur in den 80er-Jahren in Hessen machen musste, weil die Lehrer in seinem Heimatort Heidelberg ihm das nicht zutrauten.

Inklusion: Nur drei Prozent der Behinderungen sind Geburtsfehler

Aber die allermeisten Behinderungen träfen die Menschen erst nach der Schulzeit. Lediglich drei Prozent aller Behinderungen seien Geburtsfehler. Insofern sei es nicht damit getan, die Inklusion nur auf den Bildungssektor zu konzentrieren. „Stellen Sie sich vor, Sie sitzen morgen im Rollstuhl“, sagte Dusel und stellte die Frage: „Kommen Sie dann noch aus ihrer Wohnung, zur Arbeit, in Bus und Bahn, zum Arzt, in die Kneipe oder ins Kino?“ Mit solchen elementaren Problemen könnten alle Menschen jederzeit in ihrem Leben plötzlich und unerwartet konfrontiert werden.

Der Staat tue einiges für diese Menschen, aber längst noch nicht genug, betonte Dusel. So würden von den 13,5 Millionen Behinderten, von denen 8,5 Millionen schwerbehindert sind, nur 850.000 Betroffene Eingliederungshilfen erhalten. Umgerechnet auf den Kreis Pinneberg mit seinen 22.000 Schwerbehinderten wären das fast 20.000 Betroffene, die nicht finanziell unterstützt würden.

Umso wichtiger sei es für die Betroffenen, dass sie „respektiert und nicht ausgegrenzt werden“. Denn „ein behinderter Mensch hat genau dieselben Wünsche und Bedürfnisse wie ein nicht behinderter“, sagte Dusel. Darum müssten auch in diesem Bereich Begrifflichkeiten neu definiert werden. „Der Begriff ‚geistig behindert’ ist negativ belastet.“ Er unterstütze deshalb die Diskussion, ob der Begriff nicht durch Lernschwierigkeiten oder kognitive Einschränkungen ersetzt werden sollte, erklärte Dusel.

Behindertenbeauftragter besucht Vorzeigeprojekt in Elmshorn

In Elmshorn besuchte der Bundes-Behindertenbeauftragte die „Ergänzende Unabhängige Teilhabe-Beratung“. Diese wird von der Alzheimergesellschaft in der Hamburger Straße 160 für Menschen mit Behinderung – oder die davon bedroht sind – für alle Altersstufen angeboten. Die drei Psychologen und Sozialarbeiter dort haben allein im ersten Halbjahr fast 400 Betroffene beraten können – so viele wie zusammen in den beiden Jahren zuvor.

In Pinneberg hat die Lebenshilfe ihr Netzwerk der Freizeitgestaltung für erwachsene Menschen mit und ohne Behinderung ausgeweitet. 50 Betroffene nähmen regelmäßig an den Ausflügen, Kaffeerunden oder Bastelangeboten teil. 150 würden in einem Newsletter informiert, erklärte Lebenshilfe-Betreuerin Antje Hachenberg. Neuerdings wolle sich die Lebenshilfe auch um die Jugendlichen kümmern, die nach der Förderschule nicht wüssten, was sie machen, wie sie leben, wo sie wohnen sollten.

Das Projekt „Mehr miteinander“ von 2017 solle nun um das Projekt „Die Möglichmacher“ erweitert werden, erklärte Hachenberg, die selbst einen von Geburt an geistig behinderten Sohn hat. Dieser aber traue sich vieles zu, nehme an Jugendfreizeiten teil und habe sich sogar ins Jugendparlament wählen lassen, obwohl er nicht so gut sprechen könne.

Wedeler erfindet Dinge, die Blinden das Leben erleichtern

„Es ist großartig, was Sie hier machen“, lobte Dusel diese Projekte und nannte auch dafür Zahlen. So hätten 1,4 Millionen behinderte Menschen in Deutschland eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Lediglich 300.000 arbeiteten in den Werkstätten. Die Behinderten lebten und arbeiteten also mitten unter uns, was nicht immer so wahrgenommen werde. Darum sei es wichtig, dass Behinderte und Nichtbehinderte zusammenkämen und sich kennenlernten. „Das baut Vorurteile ab.“ Seine Mitschüler von früher, die heute Personalchefs seien, würden ohne zu zögern Behinderte einstellen. Viele andere täten das aus falschen Vorstellungen bis heute nicht.

Auch Volker König, inzwischen 78 Jahre alt, gehört zu der Mehrheit der Behinderten, die erst im Laufe ihres späteren Lebens von diesem Schicksalsschlag getroffen wurden. Acht Monate nach seinem Ingenieurstudium ist König vollständig erblindet. Aber das hindert ihn nicht daran, seitdem für seinesgleichen an Verbesserungen zu tüfteln. So habe er bereits 1984 Laufstreifen für sehbehinderte Menschen am Wedeler Bahnhof anlegen lassen, die er als einer der ersten hierzulande entwickelte. Mehr als 50 Dinge habe er erfunden, die den Alltag für Menschen mit Behinderung erleichterten. Und seit zehn Jahren sorgt er dafür, dass die Straßenschilder in Wedel in 1,40 Meter Höhe Zusatzschilder erhalten haben, die Sehbehinderte ertasten können.

Wedel sei da bisher die Ausnahme im Kreis Pinneberg, erklärt König. „Aber 50 Städte in Deutschland, darunter große wie Bremerhaven und Karlsruhe oder Glückstadt und Bad Segeberg bringen jetzt auch solche Schilder an.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg