Rellingen

Nach Unfall, Koma und Corona: Seniorin greift wieder an

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Frederik Büll
Mit dem Speer in der Hand könnte es mit der nötigen Weite zum 50. DM-Titel in Erding reichen. 19,46 Meter ist ihre Bestweite in dieser Saison. Zwei Konkurrentinnen treten ebenfalls an.

Mit dem Speer in der Hand könnte es mit der nötigen Weite zum 50. DM-Titel in Erding reichen. 19,46 Meter ist ihre Bestweite in dieser Saison. Zwei Konkurrentinnen treten ebenfalls an.

Foto: Journalist Ralf Görlitz / HA

Leichtathletin Ingrid Holzknecht hofft auf 50. Titel bei Deutschen Seniorenmeisterschaften. 2016 war das Leben fast zu Ende.

Rellingen.  Obwohl Hans Holzknecht (83) nach eigener Aussage nur „Wasserträger“ ist, wagt er eine kühne Prognose: „Ingrid wird mit einer Wahrscheinlichkeit von über 90 Prozent ihren 50. Titel bei einer Deutschen Meisterschaft holen.“ Seine Frau Ingrid (82) ist trotz des hohen Alters leidenschaftliche Leichtathletin und startet am Sonnabend und Sonntag im Sepp-Brenninger-Stadion im bayerischen Erding bei den Deutschen Seniorenmeisterschaften in der Altersklasse W80 in den Disziplinen Kugelstoßen, Speerwurf, Diskuswurf und Hammerwurf.

Leichtathletik: Rellinger Seniorin will ihren 50. Titel gewinnen

Die Chancen der bei einer Ausbeute von 49 nationalen Titeln stehenden Rellingerin – für die Statistik ist ihr Ehemann auch zuständig – stehen zugegebenermaßen nicht schlecht. Beim Kugelstoßen etwa gibt es fünf weitere Konkurrentinnen, mit ihre Jahresbestleistung von 8,34 Metern liegt die Leichtathletin der LG Elmshorn 36 Zentimeter vor der nominell ärgsten Verfolgerin.

Der Mann ist vorgeprescht, dafür gibt es auch einen liebevoll strafenden Blick, aber was nimmt sie sich selbst denn vor? „Ich möchte gute Leistungen erzielen. Ich bin gut in Form und konnte das im Training beweisen. Aber in so einem Wettkampf kann es auch nicht wie gewünscht laufen. Es kommt auf die Tagesform an“, sagt sie. Das habe sie schon einmal erlebt, als sie in Top-Form zu einem Hallen-Event nach Erfurt gefahren war, und sich dann fast nur Fehlversuche leistete. „Denk doch auch mal an die DM in Itzehoe, zwei Fehlversuche, oder an Puerto Rico, drei Fehler“, sagt sie, eher an ihren Mann gerichtet.

Dass Ingrid Holzknecht, die auch auf 240 Landesmeister-, fünf Senioren-WM-Titel und 29 erste Plätze bei Europameisterschaften zurückblicken kann, überhaupt noch die Tartanbahnen der Republik besucht, grenzt nicht nur an ein Wunder, sondern hat diese Schwelle längst überschritten.

Rellingerin stürzte bei Wandern 150 Meter in die Tiefe

In regelmäßigen Abständen spricht sie den 4. September 2016 an. Im Österreich-Urlaub wollte sie vom Glocknerhaus am Berg Großglockner nach Heiligenblut wandern – sie war allein auf dieser Tour. Die Gehzeit beträgt etwa zwei Stunden. Nach drei Stunden am vereinbarten Treffpunkt wurde ihr Mann immer panischer, weil niemand der eintreffenden Wanderer seine Ingrid auf dem Weg gesehen hatte.

Er informierte die Polizei. Letztendlich wurde der Gleitschirmlehrer Giuseppe Mastromichele, der in der Gegend Murmeltiere suchte, zum Lebensretter, weil er eine weiße Jacke erspähte. Holzknecht war 150 Meter in die Tiefe gestürzt, zog sich 13 Knochenbrüche zu. Es gab ein Gewitter, es goss in Strömen. Die völlig unterkühlte Leichtathletin konnte nach sechs Stunden geborgen werden, lag drei Tage im Koma, musste viermal reanimiert werden – und kämpfte sich mit unbändigem Willen in einer langwierigen Reha wieder zurück ins Leben.

Neun Monate nach dem Unfall nahm Holzknecht wieder an Wettkämpfen teil

Nur neun Monate später nahm sie wieder an den ersten Wettkämpfen teil. „Ich habe mit Giuseppe geschrieben, aber wir sind uns leider nie persönlich begegnet“, sagt sie. Bergwacht, Ärzte und Kliniken werden jedoch regelmäßig besucht und unterstützt. Dann wird sozusagen ihr „zweiter Geburtstag“ gefeiert.

Es wurmt sie sichtlich, dass sie bis heute nicht weiß, wie es zu diesem Absturz kommen konnte. „Ich weiß nur, dass ich auf einer Bank saß und dann aufgestanden bin, aber mir war nicht schwindelig oder so etwas. Es war ein ganz normaler Wanderweg und kein unwegsames Gelände. Und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern. Ich war voll durchtrainiert, ich kann bis heute nicht begreifen, was damals genau passiert ist“, sagt die Rellingerin, für die das Attribut rüstig im Vergleich zu anderen Senioren auf körperlicher und geistiger Ebene fast schon eine Beleidigung ist.

Ehrgeizig ist Ingrid Holzknecht beim Sport immer

Ehrgeizig ist Ingrid Holzknecht ebenfalls. Das lässt sich bei einem ambitionierten Sportler wohl nicht abtrainieren. Aus gesundheitlichen Gründen – nach dem Unfall wurde ein kleines Aneurysma an der Aorta diagnostiziert – ließ sie auf Raten der Ärzte das Sprinten lieber sein. Obwohl dieser Bereich der Leichtathletik eigentlich schon immer ihr Steckenpferd war. Liebend gern ist sie die 100-, 200- oder auch 400 Meter-Distanzen gelaufen.

1940 wurde Holzknecht in Rellingen geboren und wechselte als großes Talent mit fast 15 Jahren in die Leichtathletik-Abteilung des Hamburger SV. „Das war damals dann von hier aus immer eine halbe Weltreise mit der Bahn nach Hamburg über Altona, Hudtwalckerstraße bis zur Jahnkampfbahn. Und die Bahnen fuhren nicht so oft“, erinnert Holzknecht sich, die hauptberuflich als kaufmännische Angestellte arbeitete.

Ingrid Holzknechts Mann ist ihr größter Fan

Heute wird sie komfortabel von ihrem Mann zur Trainingsanlage der LG Elmshorn am Koppeldamm gefahren. Mit im Gepäck ist die Gewissheit, dass Holzknecht im Laufe der Jahrzehnte Deutsche Meisterschaften in neun unterschiedlichen Disziplinen gewonnen hat. 60 Meter, 100 Meter, 200 Meter, 400 Meter, Kugel, Diskus, Hammer, Speer und im Wurf-Mehrkampf. Bei Landesmeisterschaften sind es sogar 15 unterschiedliche.

Die Leidenschaft für die Leichtathletik konnte auch nicht durch die Corona-Zeit gebändigt werden. Sobald es wieder möglich war, standen sie und ihr Mann wieder bereit.

Diskus, Hammer, Kugel – Holzknecht ist vielseitig aufgestellt

„Natürlich gibt es auch Momente, in denen ich keine Lust auf das Training habe. Aber dann raffe ich mich auf und gehe trotzdem los. Und dann macht es doch wieder Spaß“, sagt sie. Als Leichtathletin müsse man auch bereit sein, sich ein wenig zu quälen, um die Leistungen zu verbessern. Zwei- bis dreimal die Woche wird als „Schönwettersportler“ an der Technik am Diskus, Hammer oder Kugel gefeilt. Beim VfL Pinneberg macht Ingrid Holzknecht Thai-Chi-, Pilates- und Rückenkurse – zum Fahltskamp fährt sie mit dem Rad.

Hans Holzknecht, seit 57 Jahren „Trainer und Anpeitscher“ – und wohl auch parallel der größte Fan seiner Frau – überlässt dank Knie- und Hüftprothesen den aktiven Sport eher den anderen.

Voller Stolz führt er Besucher des Einfamilienhauses in Rellingen lieber in den Keller. Dieser erinnert eher an einen Heiligenschrein mitunzähligen Medaillen, Stickern, Urkunden und Fotos seiner Frau. In Ordnern sammelt er auch penibel Zeitungsberichte über ihre Karriere. Und da sind in den Jahren viele zusammengekommen. Das Ehepaar hat die Tochter Katja (54) und Sohn Frank (57). Ihre Kinder sind auch auf den Sportplätzen groß geworden und haben regelmäßig erlebt, dass Wettkämpfe und anschließende Urlaube nahtlos ineinander übergehen.

Leichtathletik Ingrid Holzknecht hat viele Freundschaften geschlossen

„Das Schönste ist, dass ich durch den Sport überall auf der Welt Freunde gefunden habe und wir uns über Jahre hinweg regelmäßig an verschiedenen Orten wiedersehen“, so Holzknecht. Seit ihrem Unfall verzichtet Ingrid Holzknecht jedoch auf internationale Starts und die damit verbundenen Reisestrapazen. Ab und zu ist Erholung angesagt: Nach der Senioren-DM geht es für das Ehepaar Holzknecht nach Österreich in den Urlaub. Am Freitagfrüh sind sie um 6 Uhr in Rellingen mit dem Auto gestartet.

Gibt es einen Zeitpunkt für ihr Karriere-Ende?. „Ursprünglich sollte nach dem 50. DM-Titel Schluss sein“, sagt Hans Holzknecht. Bei so viel Enthusiasmus wird das aber nicht der Fall sein – sofern Titel Nummer 50 wirklich käme. „In der Altersklasse W80 sind wir nicht mehr so viele. Einige sind nicht mehr aktiv, andere sind gegangen“, sagt Ingrid Holzknecht. Allein vier Leichtathletinnen seien in der jüngeren Vergangenheit verstorben. Das ist eben der traurige Lauf der Dinge.

Die Rellingerin sagt: „Mein Wunsch war es eigentlich immer, dass ich während eines 400-Meter-Laufes tot umfalle.“ Aber doch hoffentlich wenigstens erst nach dem Erreichen der Ziellinie? Sie lacht: „Ja!“. Und zwei Dinge hat sie gar nicht bedacht: Mit den Laufdisziplinen hat sie längst aufgehört. Und Glück hat sie auch immer. Es werden also noch viele weitere Titel für Ingrid Holzknecht folgen.

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