Kreis Pinneberg

So geht Schule in Zeiten des Ukraine-Krieges

| Lesedauer: 6 Minuten
Lotta Sievers, Claas Greite und Nico Binde
Während 150 geflüchtete Kinder in den Schulen des Kreises Pinneberg untergekommen sind, hat nun mit Iryna Miskulska die erste ukrainische Lehrerin ihren Dienst in Harksheide aufgenommen.

Während 150 geflüchtete Kinder in den Schulen des Kreises Pinneberg untergekommen sind, hat nun mit Iryna Miskulska die erste ukrainische Lehrerin ihren Dienst in Harksheide aufgenommen.

Foto: Claas Greite / Funke Medien

Vor einer Woche haben Schulen im Kreis Pinneberg Schüler aus der Ukraine in den Unterricht aufgenommen.

Kreis Pinneberg.  Der Krieg in der Ukraine wirkt sich langsam auch auf den Schulbetrieb in Schleswig-Holstein aus – und damit auch auf die Schulen im Kreis Pinneberg. Während Bildungsministerin Karin Prien am Mittwoch in Harksheide (Kreis Segeberg) mit Iryna Mikulska die erste ukrainische Geflüchtete offiziell als Lehrerin an der dortigen Gemeinschaftsschule eingestellt hat, sind auch die ersten ukrainischen Flüchtlingskinder in den Schulen im Kreis Pinneberg untergekommen. Aktuell sind etwa 2000 geflüchtete Menschen aus der Ukraine im Kreis registriert, nahezu jeder fünfte ist im schulpflichtigen Alter.

Kreis Pinneberg: Ein Drittel der Geflüchteten ist minderjährig

Laut Katja Wohlers, Sprecherin des Kreises Pinneberg, ist sogar rund ein Drittel der geflüchteten Menschen minderjährig. Darunter befinden sich auch jene 370 Kinder, die im schulpflichtigen Alter von sechs bis 18 Jahren sind. Allerdings sei die Dunkelziffer laut Wohlers noch immer hoch. „Die geflüchteten Menschen aus der Ukraine sind nicht verpflichtet, sich hier zu registrieren“, sagt Wohlers. Dennoch sei es inzwischen gelungen, 150 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine in den jeweiligen Klassenstufen in mehr als 50 Schulen des Kreises unterzubringen.

Das Schulamt stehe in engem Kontakt mit der übrigen Kreisverwaltung, um den geflüchteten Kindern möglichst schnell einen Zugang zur Bildung zu ermöglichen. Die Kinder würden daher an Schulen weitergeleitet, die in der Nähe liegen, um lange und aufwendige Schulwege zu vermeiden, sagt Anja Soeth, Schulrätin des Schulaufsichtsbezirk 1 im Kreis Pinneberg, auf Abendblatt-Anfrage. Für die weiterführenden Schulen hat der Kreis eine Schule als Organisator eingesetzt, der die Schüler und Schülerinnen auf andere Schulen im Kreis verteilt. Diese Aufgabe übernimmt die Boje C. Steffen Gemeinschaftsschule.

Kreis Pinneberg: Erste Lehrerin aus der Ukraine in Norderstedt

Die Elmshorner Schule hat selbst sechs Schülerinnen und Schüler aus den Klassenstufe 5, 7, 8 und 9 aufgenommen. In einer Klasse, die sich auf Kinder mit Deutsch als Zweitsprache spezialisiert hat (DAZ-Klasse), werde zunächst der Bedarf abgefragt. Diese Klasse habe sich schon in der Flüchtlingskrise 2015/16 etabliert. Auch für sprachliche Unterstützung werde dort gesorgt. Die Kommunikation werde vorrangig auf Englisch organisiert. „Deutsch können die wenigsten, aber Englisch relativ gut.“ sagt Christopher Fuchs, Schulleiter der Boje-C.-Steffen-Gemeinschaftsschule. Die Klassen selber seien allerdings schon überfüllt, die weitere Planung werde dadurch zusätzlich erschwert.

Eine, die dabei nun als erste helfen soll, ist Iryna Mikulska aus der Ukraine – wenn auch vorerst im Nachbarkreis Segeberg. Sie ist studierte Englisch-Lehrerin aus Kiew und wird im Deutsch-als- Zweitsprache-Bereich der Gemeinschaftsschule Harksheide arbeiten.

Kreis Pinneberg: perspektive für Lehrkräfte aus der Ukraine

„Es ist uns schnell gelungen, die erste Lehrerin aus der Ukraine einzustellen“, sagte Bildungsministerin Karin Prien bei der Vorstellung der Ukrainerin. Schon wenige Tage nach Veröffentlichung der Ausschreibung habe der Vertrag unterzeichnet werden können. Damit gehöre Schleswig-Holstein zu den ersten Ländern, die Lehrkräfte aus der Ukraine eingestellt haben. „Das freut mich sehr. Es ist die Unterstützung, die unsere Schulen jetzt brauchen und eine Perspektive für die Lehrkräfte aus der Ukraine“, so Prien. Vor allem helfe es den geflüchteten Kindern und Jugendlichen, in Deutschland anzukommen. Prien kündigte an, dass in den nächsten Tagen weitere Verträge mit Lehrkräften aus der Ukraine geschlossen werden. Aktuell lägen dem Bildungsministerium 22 weitere Bewerbungen vor.

Im Leben der ersten Lehrerin aus der Ukraine in Schleswig-Holstein habe sich in den vergangenen Wochen dagegen mehr verdichtet, als es den wohl meisten Menschen in Jahrzehnten oder ihrem ganzen Leben passiert. Vor den russischen Bomben musste sie aus ihrer Heimatstadt Kiew flüchten, kam in Zügen über Ungarn und Österreich nach Deutschland. Bei einer befreundeten Familie in Hamburg kam sie schließlich unter. Und nun, ganze drei Wochen nach ihrer Ankunft, stand sie in einer Schulaula im Norderstedter Stadtteil Harksheide.

Kreis Pinneberg: Kommunikation gestaltet sich oft schwierig

Mikrofone richteten sich auf sie, Blitzlichter blendeten – denn Mikulska, 38 Jahre alt, ist als erste Lehrerin aus der Ukraine mit einer Festanstellung noch eine Rarität, etwas besonderes. Zumal es eine Ankunft in einem Job in einem fremden Land in Rekordzeit sein dürfte. Die junge Frau könne eine Brücke sein zwischen den bisher 16 geflüchteten Kindern und Jugendlichen der Schule und der noch neuen Umgebung, sagte Prien bei der Vorstellung.

Im Kreis Pinneberg werden derweil ebenfalls die Kinder des Krieges in Obhut genommen. Auch die Elmshorner Erich-Kästner-Gemeinschaftsschule hat bis jetzt 13 Schüler und Schülerinnen aus der Sekundärstufe 1 aufgenommen. Die Planung sei etwas erschwert, „man konnte schlecht abschätzen, wie schnell die Kinder zu uns kommen werden“, so Schulleiter Andreas Weßling. Auch die Kommunikation brachte einige Probleme. „Einige Kolleginnen können aber Russisch und unterstützen uns jetzt.“

Kreis Pinneberg: Gemeinschaftsschulen hoffen auf Gymnasien

In den Grundschulen, etwa der Helene-Lange-Schule in Pinneberg, läuft es ähnlich. Dort wurden bisher vier Flüchtlingskinder im Alter zwischen sechs und zehn Jahren aufgenommen. Da die DAZ-Klasse schon überfüllt ist, wurden die Kinder sofort auf die regulären Klassen verteilt. Auch wenn die Kommunikation noch etwas holprig sei, sieht Andrea Hanse, Rektorin der Grundschule, einen Lichtblick. „Die Kinder werden liebevoll von Klassenkameraden und Lehrkräften aufgenommen.“

Wie sich die Situation weiterentwickelt, ist nicht abzusehen. Bedenklich stimmt Christopher Fuchs, Schulleiter der Boje-C.-Steffen-Schule, dass die Kapazitäten an den Gemeinschaftsschulen schon jetzt aufgebraucht seien. Er hoffe deshalb, dass auch die Gymnasien bald ukrainische Schüler aufnehmen werden.

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