Kreis Pinneberg

Wie der Ukraine-Krieg die Wirtschaft in Bedrängnis bringt

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Burkhard Fuchs
Bei Witte Pumpen in Tornesch sagt Inhaber Sven Wieczorek, dass das Russlandgeschäft schon seit der Krim-Krise eingebrochen sei.

Bei Witte Pumpen in Tornesch sagt Inhaber Sven Wieczorek, dass das Russlandgeschäft schon seit der Krim-Krise eingebrochen sei.

Foto: Burkhard Fuchs / Burkhard Fuchs Burkhard Fuchs

Unternehmen im Kreis Pinneberg fürchten Rohstoff- und Energiepreise. Welche Firmen und Mitarbeiter besonders große Sorgen haben.

Kreis Pinneberg. Die ohnehin stark eingeschränkten geschäftlichen Verflechtungen der Unternehmen aus dem Kreis Pinneberg mit Russland seit der Krimkrise 2014 werden sich nun nochmals verschlechtern. Davon ist Harald G. Schroers, Chef der kreiseigenen Wirtschaftsförderungsgesellschaft WEP, überzeugt. Nur noch wenige Branchen wie Arzneimittelhersteller hatten ihre Produkte überhaupt noch an die Großmacht geliefert. Nun werde sich die Situation noch mehr verschärfen.

Nicht nur die Energiepreise werden steigen. Auch Nahrungsmittel und Vorprodukte werden teurer, weil globale Lieferketten durch die Sanktionen gegen Russland erheblich gestört werden, sagt der Wirtschaftsförderer. „Das wird direkte Auswirkungen auf die Wirtschaft im Kreis haben: auf die Umsätze und die Arbeitsplätze“, fürchtet Schroers.

Ukraine-Krieg: Flüge um Russland herum werden deutlich teurer

So werde das Flugverbot über Russland, das der Kreml als Antwort auf die EU-Maßnahmen verkündete, die Luftfrachtpreise für den Ex- und Import steigen lassen. „Transportflüge werden von und nach Asien Umwege nehmen müssen.“ Neben Öl und Gas werde auch der Import von Getreide und Milch erheblich teurer, beides russische Export-Schlager.

Das bestätigt Christian von Boetticher, Geschäftsführer von Peter Kölln in Elmshorn: „Der Weizenpreis ist an der Börse nicht nur durch die Decke gegangen. Er ist ausgesetzt worden. Das hat es so wohl noch nie gegeben.“ Ohnehin seien die Rohstoffpreise durch die gestörten Lieferketten in der Corona-Pandemie zum Teil dramatisch gestiegen. „Da kommt die Agrarstoffkrise durch den Krieg in der Ukraine noch obendrauf.“

Sein Unternehmen mit 380 Mitarbeitern sei davon nicht direkt betroffen, weil es meist mit Hafer produziere. Aber der Sonnenblumenöl-Markt, der nach dem für Olivenöl genauso groß wie der für Rapsöl sei, könnte Probleme bekommen, ahnt von Boetticher. „Da wird es wohl zu Einschränkungen kommen.“

Insgesamt unterhalten 26 Unternehmen aus dem Kreis Geschäftsbeziehungen mit Russland, vor allem im Export, teilt Paul Raab, Leiter der Geschäftsstelle Elmshorn der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, mit. Etwa die Hälfte sei produzierendes Gewerbe. „Deren Betroffenheit kann im Einzelfall erheblich sein, je nachdem, welche Waren gehandelt werden und wie groß der Umfang des Russlandgeschäfts ist.“ Für Schleswig-Holstein sei Russland aber kein Eckpfeiler des Außenhandels. „2020 lag Russland auf den Listen unserer wichtigsten europäischen Handelspartner in Bezug auf die Einfuhr auf Rang 21, bei der Ausfuhr auf Rang 15.“

Doch auch Vorprodukte, die hiesige Unternehmen etwa nach Italien verkauften, wo sie weiterverarbeitet würden für den russischen Markt, wären indirekt betroffen, sagt wiederum Wirtschaftsförderer Schroers. „Hier sind es die engen globalen wirtschaftlichen Verflechtungen, die eine große Rolle spielen.“

Ken Blöcker vom Unternehmensverband Unterelbe-Westküste, der etwa 100 Unternehmen im Kreis Pinneberg vertritt, erwartet vor allem wegen noch weiter steigender Energiepreise gerade für das produzierende Gewerbe erhebliche Nachteile. „Die sind auf Energielieferungen auch von Russland angewiesen – trotz des Ausbaus der erneuerbaren Energien.“ Allerdings setzt Blöcker nun auf den Start des seit Jahren geplanten LNG-Terminals für Flüssiggasimport in Brunsbüttel. Das hatte die Landesregierung im Angesicht des Krieges angekündigt, die Versorgungstrasse dafür soll quer durch die Elbmarsch im Kreis Pinneberg führen.

Putin dürfte für US-Ölfirmen „Mitarbeiter des Monats“ sein

Die explodierenden Energiepreise würden nun plötzlich wieder den Markt für Ölfirmen in den USA attraktiv machen, sagt Lars Kobialka von der Firma mworks aus Elmshorn. Er vertreibt mit 27 Mitarbeitern Maschinenbauteile in alle Welt und entwickelt Lösungen dafür. „Wir haben gerade heute einen neuen Auftrag von einer amerikanischen Erdölfirma bekommen. Dort ist Putin wohl gerade der Mitarbeiter des Monats“, sagt Kobialka.

„Auch dieser Krieg wird Gewinner und Verlierer haben.“ Seine Firma habe zuletzt 2014 eine Anlage nach Russland geliefert, die Gaspipelines mit Korrosionsschutz-Isolierungen ausgerüstet hat. „Das war unser letztes Projekt in Russland.“ Obwohl schon damals der Leitzins mit 20 Prozent viel zu hoch gelegen habe. Jetzt steige er noch weiter.

Die Witte Pumps Technology mit Sitz in Tornesch habe im Zuge der seit Jahren schwelenden Russland-Krise sein dortiges Tochterunternehmen Witte O.O.O mit zwei Mitarbeitern inzwischen geschlossen, sagt Inhaber Sven Wieczorek. Das hatte dort Zahnradpumpen für die Kunststoff- und Folienproduktion vertrieben. „Seit der Krimkrise waren die Umsätze bereits stark zurückgegangen, und wir haben uns immer brav an die Sanktionen gehalten“, sagt Wieczorek.

Dafür habe sein Unternehmen mit jetzt 57 Mitarbeitern stark von der Corona-Pandemie profitiert, weil die Kunststoffindustrie für die Masken- und Einweggeschirr-Herstellung boomte und dafür die Zahnradpumpen aus dem Kreis Pinneberg benötigt wurden.

Unklar ist zurzeit, wie es mit der Arzneimittelbranche für Russland weitergeht. „Bislang waren Arzneimittel aus ethischen und humanitären Gründen vom Embargo nicht betroffen“, sagt Medac-Sprecher Volker Bahr. „Wir hatten Medikamente gegen Krebs und Rheuma nach Russland geliefert, wie wir es in 90 andere Länder auch tun“, sagt der Sprecher des Wedeler und Tornescher Unternehmens, das 1200 Mitarbeiter im Kreis Pinneberg beschäftigt. „Das haben wir aktuell gestoppt.“ Anders als Maschinenbauteile könnten Medikamente nicht irgendwo anders hin geliefert werden. „Weil die Beipackzettel für den dortigen Markt auf Russisch formuliert sind“, erklärt Bahr. „Unsere Mitarbeiter sind in heller Aufregung, weil sie seit Jahrzehnten gute Beziehungen zu den dortigen Ärzten und Kliniken unterhalten.“

Für sein deutsches Unternehmen sei dieser Ausfall zu verkraften. Aber auf die Versorgungslage in Russland mit Krebsmedikamenten und die darauf angewiesenen Patienten könnte das bald negative Auswirkungen haben. Sofern die Finanzströme für humanitäre Wirtschaftsgüter von Sanktionen betroffen sind.

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