50 Jahre in 50 Wochen

Plötzlich gibt es keine Corona-Fälle mehr im Kreis Pinneberg

| Lesedauer: 12 Minuten
Frederik Büll
Im Juni 2020 war der Kreis Pinneberg offiziell coronafrei – ein Zustand, der leider nur kurze Zeit anhielt.

Im Juni 2020 war der Kreis Pinneberg offiziell coronafrei – ein Zustand, der leider nur kurze Zeit anhielt.

Foto: Frederik Büll

Im letzten Teil unserer Serie geht es um das Jahr 2020, als die Pandemie begann, kurz endete – und mit voller Wucht zurück kam.

Kreis Pinneberg.  Die Elmshorner Fighting Pirates, Erstliga-Aufsteiger im Football, verpflichten den US-Amerikaner James Walker für ihre Premierensaison – noch ahnt im Januar niemand, dass Walker nie nach Deutschland kommt. Dafür kommt Corona. Der berühmteste Sohn Wedels, der Künstler Ernst Barlach, wäre 150 Jahre alt geworden. Anlässlich des Jubiläums gibt es eine Sonderausstellung in der Rolandstadt. Das Pilotprojekt, in Pinneberg mit dem Smartphone bei Edeka Meyer zu bezahlen, ist ein Erfolg. Insgesamt gab es 2000 Downloads nach drei Tagen, 500 Einkäufe gab es in einem kurzen Zeitraum. Die Elmshorner Firma „Koala“ hat die App entwickelt – vor Anfragen aus dem gesamten Bundesgebiet kann sich das Team kaum retten.

Im Februar ist eine favorisierte Radweg-Trasse gefunden. Eine 32 Kilometer lange Route soll von Elmshorn über Tornesch, Prisdorf, Pinneberg, Halstenbek bis nach Hamburg führen und die erste „Radautobahn“ der Metropolregion werden. Wedels Sperrwerk bekommt einen halben Meter höhere Fluttore als Reaktion auf den Klimawandel. Die Gesamtsanierung des Areals kostet 8,5 Millionen Euro, bis Ende September soll alles fertig sein.

Fußball-Trainer Heiko Klemme, ehemals tätig in der Landesliga beim VfL Pinneberg II, war über drei Jahre spurlos aus der Szene verschwunden. „Nach außen hin war ich der Starke. Zu Hause saß ich auf dem Sofa und habe geweint“, sagt er. Er war 17 Jahre spielsüchtig, hatte Schulden von mehreren zehntausend Euro und Selbstmordgedanken. Ganz bewusst geht er nach einer intensiven Suchtberatung an die Öffentlichkeit, um Vorbild und warnendes Beispiel zu sein. Er wird Co-Trainer in der Kreisliga beim TuS Appen.

Der Elmshorner MTV wirft einen Auszubildenden (Sport- und Fitnesskaufmann), Mitbegründer des AfD-Ortsverbandes und Anhänger des Björn-Höcke-Flügels, fristlos raus. „Wir sind ein weltoffener Verein, der sich nachweislich um Integration bemüht. Ein solches Verhalten verstößt gegen die Werte, die der EMTV lebt“, sagt EMTV-Vorstandsmitglied Jens Berendsen. Im September entscheidet das Arbeitsgericht, dass die fristlose Kündigung nicht rechtens ist. Es könnte sein, dass die Ausbildung fortgeführt werden muss.

Das Eigentümerehepaar ist aus Altersgründen aus dem denkmalgeschützten Pinneberger Wasserturm von 1912 ausgezogen. Herzstück ist eine 370 Quadratmeter große runde Wohnfläche. Der Kaufpreis liegt bei 600.000 Euro. Ein Jahrzehnt dominierte Misswirtschaft in Pinneberg. Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden. Die Stadt hat ihre fehlenden Jahresabschlüsse aufgearbeitet. Elf sind bis Ende 2019 fertig geworden. Pinneberg ist wieder im Soll. Die Arbeit mit Finanzen der Vergangenheit sei „nicht immer ganz einfach“ (Kämmerer Jens Bollwahn). „Wir können jetzt finanzpolitisch nach vorn planen“, sagt Bürgermeisterin Urte Steinberg.

„Das A und O einer medizinischen Grundversorgung ist die Händedesinfektion“, sagt der Elmshorner Lungenarzt Dr. Tahsin Balli Anfang März. Er wartet seit zwei Wochen auf Sterillium-Nachschub. Produziert wird meist in China. Am 4. März wird bekannt, dass sich ein Rellinger mit dem Coronavirus infiziert hat – er arbeitet im UKE in Hamburg. Es ist der erste Corona-Fall im Kreis. „Alle Beteiligten arbeiten die Situation unaufgeregt ab, wir sind gut aufgestellt“, sagt der stellvertretende Landrat Manfred Kannenbäumer. Am 22. März beginnt der Lockdown im ganzen Bundesgebiet. Drei Tage zuvor sind es insgesamt 54 Infizierte im Kreis. Es gibt Kontaktverbote und ein Einreiseverbot für Touristen. Polizisten kontrollieren Autos mit kreis-externen Kennzeichnen. Es gibt 88 bestätigte Fälle. Ende des Monats wird die Elmshorner Klinik zur reinen Corona-Klinik. In einem Tornescher Altenheim sterben zwei Bewohner an Corona.

Anfang April meint die Halstenbeker Paartherapeutin Friederike Lindecke: „Jetzt zeigt sich, wie gut Paare funktionieren.“ Viele Paare verbringen nun viel mehr Zeit auf engem Raum miteinander. Insbesondere eine Struktur im Tagesablauf könne hilfreich sein, um Spannungen zu vermeiden. Es gibt 233 Corona-Fälle. Das Hotel Bokeler Mühle vermietet nun Arbeitsplätze mit Seeblick – und juristischer Rückendeckung. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt der Wedeler Spargelbauer Harm Schmietendorf. Die 30 Erntehelfer aus Polen und Rumänien dürfen einreisen. Etliche nehmen das Flugzeug.

Unterdessen gibt es den vierten Todesfall im Kreis. „Man nimmt in Kauf, dass Menschen sterben. Das verstehe ich nicht“, sagt der Hemdinger Rentner Günter Becker, der an dem Deal nach eigenen Angaben nicht verdient, sondern helfen will. Er könnte mit einem Geschäftspartner millionenfach medizinisch Schutzutensilien ins Land bringen. Aber die Politik prüft nur weiter einen möglichen Ankauf, obwohl „die Masken sofort geliefert werden könnten.“

Auf dem Peiner Hof in Prisdorf wütet ein schwerer Brand. Der Schaden beläuft sich auf eine Million Euro. Der Chef des Restaurants Goldscheune, das durch schnelle Hilfe der Feuerwehr gerettet wird, ist trotzdem froh: „Corona hat uns schon hart getroffen. In dem Moment habe ich gedacht, jetzt verliere ich alles.“

Spielzeiten im Sport sind ebenfalls abgebrochen worden – die Fußballer zögern. Erst Mitte Mai werden die Clubs befragt. 84 Prozent sprechen sich für das Ende der Saison 2019/20 aus.

Ab dem 29. April gilt die Pflicht des Tragens eines Mund-Nase-Schutzes beim Einkaufen und in Bus und Bahn. Medizinisch muss er noch nicht sein. Die Schuldnerberatungsstellen müssen erste Gespräche führen, weil durch Kurzarbeit und Jobverlust das Minus gestiegen ist. Immerhin: Corona-Hilfen vom Staat dürfen nicht gepfändet werden.

Über Wochen hinweg haben Schulen mühsam und intensiv an Hygiene-Konzepten gearbeitet, um im Mai etwas Präsenzunterricht zu ermöglichen. Nach dem Kurswechsel in Kiel mit schnellen Öffnungsschritten sind diese wertlos. „Wir haben Pläne gemacht, die wir nun wieder in die Tonne treten können“, sagt Kristin Nagel, Schulleiterin der GS Waldenau. Musiker sind in Existenznot, weil eine Planung unmöglich ist. Selbst für das Jahr 2021. Hilfe vom Staat für die Selbstständige gibt es nicht, während die Großindustrie mit Milliarden Euro und auch mittelständische Betriebe unterstützt werden.

Die 100 Jahre alte Appener Pflegeheim-Bewohnerin Juliana Csapo übersteht ihre Corona-Erkrankung. „Ich glaube, Gelassenheit hat ihr geholfen, so alt zu werden“, sagt ihr 73 Jahre alter Sohn. Die Regio-Klinik baut ihre Corona-Infrastruktur ab, die Klinik in Elmshorn wird wieder „normales“ Krankenhaus. Der Standort Wedel schließt im August.

Nach 104 Tagen ist der Kreis Pinneberg Mitte Juni Corona-frei. Mit der Warn-App vom Bund soll eine zweite Welle verhindert werden. 85 Corona-Sünder werden zur Kasse gebeten, Hauptgrund sind Verstöße gegen das Versammlungsverbot. Hamburger, die illegal in den Kreis Pinneberg eingereist sind, müssen jeweils 150 Euro bezahlen.

Anfang Juli besucht Ministerpräsident Daniel Günther die Wedeler Medizinfirma Medac anlässlich des 50. Geburtstags. Das Unternehmen hat unter anderem zuletzt Corona-Antikörpertests entwickelt. Im Foyer wird beim hohen Besuch von „Wedel als ,Silicon Valley‘ der Coronabekämpfung“ getuschelt. „Als Lokalpatriot würde ich bei dem Vergleich jetzt nicht zu laut protestieren“, sagt der Landeschef – und lacht.

Das SPD-Urgestein Ernst-Dieter Rossmann (69) kandidiert nicht mehr für die Bundestagswahl 2021 – aus Altersgründen. Seit 1998 war er auf höchster politischer Ebene dabei. 112 Schüler im Kreis drücken freiwillig in der Summerschool die Schulbank, um verpassten Lernstoff nachzuholen. Anfang August bekommt Pinneberg einen Biergarten auf dem Drostei-Vorplatz. 250 Menschen gleichzeitig sind zugelassen. Auf dem Foto halten Bürgermeisterin Urte Steinberg und andere die Abstände ein. Mit einem Glas Bier in der Hand, zum Anstoßen. Reiserückkehrer bringen das Virus verstärkt zurück in den Kreis. Ansteckungsfälle kommen unter anderem nach Balkan-Besuchen zustande. Der Baseball-Platz der Holmer Westend 69ers ist nach sieben Jahren fertig. Das meiste davon in Eigenregie geleistet. Eine feierliche Eröffnungsparty gibt es wegen Corona nicht. Teamsportler dürfen wieder ohne Abstandsregel trainieren. Die Vereine atmen auf. Mit Elfi Heesch bekommt der Kreis Pinneberg erstmals eine Frau auf dem Posten des Landrats. 2021 geht es für sie los.

Im September spielen Leichtathleten aus dem Kreis bei der Jugend-DM „Vier gewinnt“ – Philip Jensen e Castro (2000 Meter Hindernis), Marlene Lang (Weitsprung) und Jette Beermann (3000 Meter) sind auf nationaler Ebene weit vorn dabei. Seit vielen Jahren schwelt der Konflikt um das Wedeler Kohle-Kraftwerk wegen Partikel-Ausstoßes. Ein Anwalt möchte nun das endgültige Aus forcieren. Die Halstenbekerin Hannah Kiesbye ist mit dem Down-Syndrom zur Welt bekommen. Vor dem Gesetz gilt sie als schwerbehindert. Das gefällt ihr nicht – sie leide nicht an ihrer Behinderung, sondern an den Reaktionen ihrer Mitmenschen. Daher hat sie einen Schwer-in-Ordnung-Ausweis erfunden, der in neun Bundesländern in den Sozialbehörden anerkannt wird. Die 17-Jährige bekommt den Bundesverdienstorden – wie auch Christian Drosten.

Anfang Oktober macht US-Baseballer Robbie Ingram nach sechs Monaten räumlicher Trennung von Freundin Anna Kluge in den Holmer Sandbergen einen Heiratsantrag. Sie sagt „Ja“. Ursprünglich sollte er bei den Elmshorner Zweitliga-Baseballern spielen. Beide hatten sich 2018 verliebt. Sie ist Sängerin und schmetterte als Teil der „Sixboobs“ damals die US-Nationalhymne.

Wohnen, Arbeiten, Pendeln, Lernen, Gesundheit – das Abendblatt blickt zurück und nach vorn in der Geschichte „Was der Kreis aus der Corona-Zeit lernen kann“. Mit einer Bestandsaufnahme und Vorschlägen für die Zukunft. Leider nimmt die Pandemie im Herbst wieder Fahrt auf. Und Corona-Leugner verteilen dubiose Handzettel im Kreis Pinneberg. Der ehemalige Pinneberger Feuerwehr-Mann Michael Holleck hat vor seinem Ruhestand im Beruf „sehr viel Elend auf der Straße gesehen“. Der 69-Jährige tüftelt an Erfindungen für sein Wohnmobil und ist einer der Pioniere beim Thema Abbiege-Assistent. Sein Gerät wird von der Berliner Stadtreinigung eingesetzt.

Anfang November folgt der zweite Teil-Lockdown. An der Wedeler Schiffsbegrüßungsanlage werden wegen Kurzarbeit erstmals seit 1952 keine launigen Lautsprecherdurchsagen von den fünf pensionierten Kapitänen getätigt. Auch wegen des fortgeschrittenen Alters der Herren gesundheitliche Bedenken bestehen – im Restaurant arbeitet niemand.

Landkreise und kreisfreie Städte sollen mindestens ein Impfzentrum bekommen – noch steht kein Impfstoff zur Verfügung. Der Kreis hat dem Land „vier bis fünf denkbare Standorte vorgeschlagen“, sagt Kreissprecherin Silke Linne. Mitte Dezember wird erst in Prisdorf, später auch in Elmshorn losgelegt. Dirk Woschei (SPD) gewinnt die Bürgermeister-Stichwahl in Uetersen gegen Baris Karabacak (CDU). Letzterer will 2026 erneut kandidieren. Im Kreis ist die Sieben-Tage-Inzidenz bei 108, es gibt das 50. Todesopfer. Die Maßnahmen werden verschärft. Das Land bezeichnet die Lage im Kreis als „auffällig“. Das Infektionsgeschehen sei „diffus“. Es gebe mehrere Orte der Ansteckung – die Kontaktnachverfolgung ist trotz Mithilfe von Bundeswehrsoldaten schwierig bis unmöglich.

Im Dezember stellt Aerosol-Forscher Christian Kähler an der Rellinger Caspar Voght-Schule das „perfekte Corona-Klassenzimmer“ vor. Es geht unter anderem um Luftfilter für große Räume. Das Kultusministerium setzt eher auf offene Fenster und Masken. Es geht später um den Vorwurf von Werbung. Dass Lehrern der Besuch verboten worden sein soll, bestreitet das Schulministerium. Es sei nur um beamtenrechtliche Anweisungen gegangen.

Politik-Profi Ralf Stegner soll für die Kreis-SPD als Rossmann-Nachfolger in den Bundestag einziehen. Am 17. Dezember endet wegen eines erneuten Lockdowns das Weihnachtsgeschäft für den Einzelhandel. Tags zuvor herrscht reger Betrieb in der Pinneberger Innenstadt, das ist eigentlich so nicht gewünscht.

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