Die Unbestechlichen vom Lande

Alles aus Liebe

| Lesedauer: 14 Minuten
Jan Schröter
Tiffany und Timo ist klar: Da drüben auf der anderen Straßenseite bei der Sparkasse, da stimmt was nicht!

Tiffany und Timo ist klar: Da drüben auf der anderen Straßenseite bei der Sparkasse, da stimmt was nicht!

Foto: Ute Martens

Krimi-Serie: Bei der Bergedorfer Lokalreporterin Tiffany und ihrem Kollegen Timo aus Norderstedt funkt es – bis ein Nachbar dazwischenfunkt.

Max! Nase weg! Runter da!“

Blitzschnell weicht der Hund dem Topflappen-Geschoss aus, abgefeuert von Timo Kramer, seinem ansonsten eher geduldigen Herrchen. Jetzt droht Timo auch noch grimmig mit dem Kochlöffel. Unmissverständlich, sogar für einen sturen Hund. Pikiert verzieht sich Max unter einen Stuhl. Wieso Timo so ein Riesenstück Fleisch nicht mit ihm teilt, ist ihm ein Rätsel. Überhaupt, vorhin sah es noch viel besser aus, als Timo das gute Stück aus dem Kühlschrank holte. Rindfleisch, hat Max sofort vorfreudig gewittert. Schön roh und blutig. Leider musste Timo das Fleisch ja unbedingt anbraten. Riecht zwar auch nicht schlecht, Max möchte durchaus gerne davon probieren, aber daraus wird anscheinend nichts. Frechheit, sowas. Ist doch sowieso zu viel für einen einzelnen Menschen.

Timo nimmt den Braten aus der heißen Pfanne, legt ihn auf einem großen Brett ab, schiebt es hundesicher dicht an die Küchenwand und schaut auf die Uhr. Nele und Frida sollten Max längst abgeholt haben, um ihn bis morgen bei sich zu Hause zu hüten. Jetzt nervt der Hund hier herum. Und gleich kommt Tiffany. Seine … tja, was eigentlich? Kollegin? Zu wenig. Freundin? Ab wann gilt man als Paar? Nach einer Nacht mit Wein, flotten Sprüchen und Spontan-Sex im mittelalterlichen Alkoven des Bergedorfer Schlosses? Das war schon etwas. Andererseits zu wenig, um daraus einen Anspruch auf Wiederholung abzuleiten. Immerhin hatte Tiffany nicht abgesagt, als Timo ihr diese Einladung zum Essen in seiner Wohnung vorgeschlagen hatte. War ja auch nur von Essen die Rede, zügelt Timo seine ausschweifenden Erwartungen. Und wenn Patentochter Frida und ihre Mama den Hund nicht abholen, kannst du amouröse Abenteuer ohnehin vergessen – weil Max dann garantiert die ganze Nacht vor der Schlafzimmertür steht und jault.

Timo hat gerade Lauch, Zwiebeln, eine Karotte und eine halbe Knolle Sellerie geschnippelt, als es an der Tür klingelt. Endlich, die Hundesitter, freut sich Timo. Draußen steht: Tiffany. „So ein Mist“ entfährt es Timo, seinem Besuch entgleisen die Gesichtszüge: „Dann geh‘ ich eben …“ Sie macht auf den Hacken kehrt, Timo kann sie gerade noch am Arm packen und in die Wohnung lotsen. Wo Max begeistert über diesen – ihm bislang unbekannten – Menschen herfällt. Besuch, wuffwuff, deshalb gab’s noch kein Fleisch, das wird sich gleich bestimmt ändern. Also rasch mit dieser neuen Frau anfreunden, dann fallen sicher genug Bissen von ihrem Teller für ihn ab! Timo bändigt den Hund mit einiger Mühe, bis sich Max, strategisch klug, unter den bereits festlich gedeckten Esstisch verzieht. Tiffany stellt ihre kleine Reisetasche in die Ecke und muss nun doch lachen.

„Eigentlich hätte ich erwartet, dass du mich so stürmisch begrüßt!“

„Schwanzwedelnd?“

Jetzt lachen sie beide. Ein bisschen rot färbt sich die Kollegin? Freundin? aber doch. Netter Kontrast zu den blonden Locken, findet Timo. „Ich hatte mit meiner Patentochter und ihrer Mutter gerechnet. Die sollen Max abholen, damit wir in Ruhe …“ Sein Blick streift die kleine Reisetasche. Zur bloßen Dinner-Einladung erscheint man eigentlich nicht mit Übernachtungsgepäck. „Essen können?“ ergänzt Tiffany unschuldig. „Genau“, bestätigt Timo und wendet sich rasch dem geschnippelten Gemüse zu, damit sie nicht sieht, dass er jetzt rot wird. Während er das Gemüse in die heiße Pfanne gibt und braun anbrät, sieht sich sein Besuch aufmerksam um. Nette Küche. Nicht alles aufgeräumt, aber gemütlich. „Soll ich dir die anderen Zimmer zeigen?“, fragt Timo, und Tiffany antwortet spontan: „Nöö, Schlossführung ist später.“ Sofort kommt ihnen das Bergedorfer Schloss mit einem gewissen Alkoven in den Sinn, und nun erröten beide gleichzeitig.

Zum Glück hat Timo zu tun. Rinderbraten und Gemüse in den zuvor gewässerten Römertopf geben, alles mit Rinderbrühe übergießen. Deckel drauf, ab in den Herd damit, 200 Grad Ober- und Unterhitze, ab die Post. Es klingelt wieder.

Diesmal sind es wirklich Nele und Frida.

Großes Begrüßungshallo. Max freut sich immer, Frida zu sehen, die macht jeden Quatsch mit. Diesmal allerdings ist die Fünfzehnjährige beim Herumtoben mit Max nicht voll bei der Sache, weil sie nebenbei – eigentlich: hauptsächlich – neugierig diese neue Frau im Leben ihres Lieblingspatenonkels inspiziert. Seine Kollegin. Oder schon: Freundin? Timo erzählt solche Sachen ja nie, alles muss man selbst aus ihm rausbohren, denkt Frida und verfolgt aufmerksam, wie sich ihre Mutter Nele und die blonde Bergedorferin unterhalten – beide ganz locker-flockig, als wären sie seit Ewigkeiten beste Freundinnen.

Timo tut so, als gelte der Kartoffel, die er gerade schält, seine höchste Aufmerksamkeit. Dabei sind die Radar- und Echolot-Strahlen, mit denen sich Tiffany und Nele unter der Deckung ihrer munteren Konversation gegenseitig sondieren, quasi körperlich zu spüren. Das Ergebnis scheint beiderseits befriedigend auszufallen. Timo hat zwar keine Ahnung, was genau dafür verantwortlich ist, aber irgendwie lässt die Strahlungsintensität zwischen den Damen nach. Dafür wirkt das Verständnis zwischen Nele und Tiffany plötzlich echt. Jetzt beziehen beide Frida in ihr Gespräch ein, und die quasselt munter mit. Nächste Kartoffel, Timo peilt aus den Augenwinkeln hinüber und fühlt warmes Glück sein Gemüt fluten. Meine drei Mädels, genießt er stillvergnügt. Und merkt plötzlich, dass alle verstummt sind und ihn schmunzelnd anschauen. Timo legt irritiert Kartoffel und Schälmesser ab. „Was ist?“

„Manchmal sieht man genau, was du denkst, Onkelchen“, amüsiert sich Frida.

„Ach ja?“

„Ja“, stellt Nele nüchtern fest. „Hahn im Korb.“

„Irrtum. Es gibt Rinderbraten im Römertopf.“

Nele zwinkert ihm neckisch zu, dann schnappt sie sich den Hund. „Tschüss, Tiffany – freut mich, dass Frida und ich uns verspätet haben und dich kennenlernen konnten!“

„Ja, wirklich schön!“ bekräftigt Tiffany.

Und dann hat Timo seine Kollegin? Freundin? endlich ungestört für sich.

Das Essen gart und schmort ab jetzt allein vor sich hin. Timo führt seinen Besuch ins Wohnzimmer, hat im Hintergrund dezente Chill-out-Musik laufen, dimmt das Licht, zündet Kerzen an und dekantiert gerade formvollendet einen guten Bordeaux, als im unmittelbar angrenzenden Nachbarhaus schweres Schlagbohrgerät zum Einsatz kommt, was alle Gläser klirren lässt. „Romantisch“, befindet Tiffany und hält sich die Ohren zu. Kann ja wohl nicht wahr sein, denkt Timo und hämmert die geballten Fäuste gegen die Wand. Prompt verstummt der Lärm.

„Na sowas“, wundert sich Timo, „sonst achtet nie jemand auf mich!“

„Glaub‘ ich nicht. Nele achtet sehr auf dich.“

„Wie kommst du darauf?“

„Was fährt sie für ein Auto? Einen roten Mini?“

Was soll das jetzt, wundert sich Timo. Und nickt, denn es stimmt: roter Mini.

Tiffany schmunzelt. „Sie sind nicht zu spät gekommen. Nele und Frida haben schon unten in ihrem Auto gewartet, als ich kam. Es parkte nebenan vor der Sparkasse. Ist mir aufgefallen, weil sie so demonstrativ die Köpfe abwendeten, als ich vorbeiging.“

Timo setzt sich neben Tiffany aufs Sofa, verblüfft. „Warum macht Nele das?“, staunt er.

„Ist doch klar. Alles aus Liebe.“

„Wir sind Sandkastenfreunde! Beste Freunde, nicht mehr.“

„Und nicht weniger. Hey, ich mag Nele und Frida. Und wär‘ an ihrer Stelle auch neugierig auf mich gewesen.“

„Kann ich nachvollziehen“, nickt Timo, „ich bin nämlich auch neugierig auf dich …“

Sie schauen sich tief in die Augen, ihre Lippen nähern sich an – da bricht nebenan wieder das Inferno los! Diesmal scheppert es mächtig, dann herrscht abrupt Stille. Tiffany hat es glatt vom Sofa katapultiert. „Was machen die da?“

Bevor Timo dazu etwas einfällt, schabt und kratzt es drüben. Metall auf Stein. Nicht sehr laut, aber stetig und nervig. Und völlig unromantisch.

„Ich schau nach“, rafft sich Timo auf. „Ich komm‘ mit“, erklärt Tiffany solidarisch.

Kurz darauf stehen beide gegenüber von Timos Haus, verborgen im Dunkel einer Toreinfahrt. Timos Wohnung ist im 1. Stock. In der Wohnung nebenan im 1. Stock des Nachbarhauses sind die Fensterscheiben mit Papier abgeklebt, dahinter flackert nur einmal kurz ein Lichtschein auf und erlischt wieder.

„Arbeiten die bei Taschenlampenlicht?“, wundert sich Timo. „Am besten, wir klingeln mal.“

„Moment noch“, hält ihn Tiffany zurück. „Diese Wohnung liegt direkt über der Sparkasse! War da nicht mal was hier in Norderstedt?“

„Da war mal was“, bestätigt Timo, „letztes Jahr in einer Sparkasse an der Rathausallee. Die Bankräuber haben sich von der Wohnung darüber aus direkt in den Raum mit den Schließfächern gebohrt und …“ Er verstummt, sieht gebannt hinüber: Drüben treten zwei Männer aus dem Hauseingang. Beide tragen Skimasken über dem Gesicht. Sie schauen sich vorsichtig um, dann huscht einer zu einem am Straßenrand geparkten Sprinter-Kastenwagen, sperrt die hinteren Flügeltüren auf und kehrt zu seinem Komplizen zurück. Beide zerren eine große „Big Bag“ aus stabiler Plane aus dem Treppenhaus, wuchten sie zum Sprinter und verschwinden damit im Laderaum des Wagens. Timo will gerade vorschlagen, dass sie etwas unternehmen sollten – da rennt Tiffany schon los! Über die Straße, hin zum Kastenwagen. Rasch die Flügeltüren zugedonnert, im Türschloss steckt der Wagenschlüssel, herumdrehen, fertig. Jetzt kommt Timo heran, Tiffany klimpert triumphierend mit dem Schlüssel. „Jetzt liefern wir die Kerle bei der Polizei ab. So macht man Leitartikel, Kollege!“

Jetzt sind wir wieder bloß Kollegen, bedauert Timo kurz. Doch dann siegt auch bei ihm der Reporterinstinkt. Entschlossen nimmt er Tiffany den Schlüssel aus der Hand. „Polizeirevier Norderstedt-Mitte. Da kenne ich ein paar Leute.“

Unterwegs hören sie die beiden Männer in ihrem Metallkäfig randalieren. Unermüdlich. Sie klopfen gegen die Trennwand zur Fahrerkabine, rufen, trampeln und machen auf jede erdenkliche Art Randale. Nicht nur während der Fahrt. Sogar, wenn Timo halten muss, an einer roten Ampel beispielsweise. Das anfängliche Hochgefühl über ihren Coup ist bei Timo längst verflogen. Auch Tiffany wird zunehmend still und nachdenklich. An einem großen Supermarkt-Parkplatz biegt Timo spontan ab, rollt auf die verlassene Betonfläche und stellt den Motor ab. Das verblüfft anscheinend sogar ihre Passagiere auf den billigen Plätzen, es ist still. Dann beginnt hinten wieder der Krawall.

„Sag‘ mal“, beginnt Timo vorsichtig, „wenn diese Männer gerade eine Bank ausgeraubt haben – wieso wollen sie um jeden Preis auf sich aufmerksam machen?“

Tiffany zuckt ratlos mit den Schultern. „Eigentlich müssten sie still auf ihre Chance lauern, irgendwie rauszukommen, wenn der Wagen am Ziel hält …“

„Eben. Und was macht ein Journalist, der nicht mehr weiter weiß?“

„Nachfragen.“

Gleichzeitig steigen sie aus der Fahrerkabine, gehen nach hinten, öffnen die Flügeltüren. Zwei zornrote Männer, mittlerweile ohne Skimasken, springen ihnen empört entgegen. „Autodiebstahl! Entführung! Seid ihr irre? Was soll das?“, rüpelt einer los und rempelt Timo an. Timo rempelt zurück, Tiffany springt auf den Wagen, späht in die große „Big Bag“ und hüpft zurück zu Timo. „Da ist nur Bauschutt drin. Kaputte Kacheln und so.“

Timo lässt die Fäuste sinken. „Keine Bankraub-Beute? Aber … was sollten dann die Masken?“

„Staubschutz. Hast wohl nie Kacheln von der Wand gekloppt, du Held!“, grollt der Rempler. „Macht höllischen Dreck!“

„Das alte Zeug musste dringend runter“, bestätigt sein „Komplize“.

„Wieso dringend?“, hakt Timo nach.

„Weil übermorgen meine Freundin zu Besuch kommt“, erklärt der Rempler, „dann hab‘ ich die Küche nagelneu, und sie kann gar nicht anders, wenn ich ihr den Heiratsantrag stelle! Wenn ich dann noch meinen „Coq au Vin“ koche …“

„Ach du Scheiße“, entfährt es Timo, „mein Rinderbraten …!“

Nach einer Stunde Kreuzlüften riecht es in der Wohnung nur noch dezent nach Räucherkammer. Abgesehen von der Küche, die ist ein Fall für ambitionierte Hobby-Anstreicher oder Leute vom Fach. Der schöne Braten ist ein Stück Kohle, der Römertopf in Scherben. Wenigstens hat Timos heiratslustiger Nachbar ihn und Tiffany umgehend im Sprinter nach Hause chauffiert, weshalb sie gerade noch rechtzeitig kamen, um einen drohenden Wohnungsbrand zu verhindern. Tiffany greift sich ihre Reisetasche, zieht ein ziemlich raffiniertes Negligé daraus hervor, schnuppert daran und rümpft abfällig das Näschen. „Völlig verpökelt. Kann ich nicht anziehen.“

„Dann lass‘ es doch ganz weg“, schlägt Timo hoffnungsvoll vor.

„Davon hast du nichts, wenn ich nicht hier schlafe.“

„Warum solltest Du nicht?“

„Es gibt kein Abendessen“, zählt Tiffany auf, „es gibt auch kein schönes Frühstück, denn du hast deinem Nachbarn von nebenan versprochen, morgen früh ab sechs Uhr seine Küche neu zu fliesen. Nenn‘ mir einen vernünftigen Grund, warum ich hier übernachten sollte!“

Timo tritt vor seine Kollegin? Freundin!, legt die Arme um sie und lächelt zuckersüß. „Alles aus Liebe?“

Sie reckt ein wenig das Näschen und mustert ihn prüfend. „Das ist vielleicht ein Grund. Wenn auch kein vernünftiger.“

Doch dann küssen sie sich trotzdem.

Denn dagegen spricht rein gar nichts.

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