50 Jahre in 50 Wochen

A 23: Pinneberger Abfahrt hat ein massives Müllproblem

| Lesedauer: 12 Minuten
Frederik Büll
Jahreschronik 2014

Jahreschronik 2014

Foto: Frederik Büll

In unserer Serie geht es heute um das Jahr 2014, als ein Hund auf Helgoland von den Klippen stürzte und das Klimabewusstsein erwachte.

Kreis Pinneberg.  Kurz vor Jahresbeginn wird Terrier Lucky auf dem Helgoländer Oberland von einer Windböe erfasst und stürzt 40 Meter tief ins Wasser. Die Suchaktion verläuft ergebnislos. Die Besitzer machen sich traurig auf die Heimreise nach Bremerhaven. Doch dann finden Spaziergänger den verletzten Hund, der sich offenbar irgendwie an Land retten konnte. Die Inselpastorin päppelt ihn auf, ehe er per Flugzeug zu seinen Besitzern kommt.

Beluga- und Burgkino arbeiten gegen den Bundestrend und haben erneut Zuschauerrekorde. 99.000 und 57.000 Besucher waren bei Filmen und Events dabei. Auch für dieses Jahr sind die Betreiber positiv gestimmt: „2014 wird ein gutes Kinojahr, was die neuen Filme angeht. Nur das kleine Event im Juni und Juli stört ein wenig“, sagt Kai Bartels. Gemeint ist die Fußball-WM.

Auch in Steine wird weiter investiert. Handwerker haben volle Auftragsbücher. „So eine Bewegung auf dem Markt habe ich noch nie gesehen“, sagt Eckhart Denker, Obermeister der Innung für Sanitär und Heizungstechnik im Kreis. Es gibt aber ein Problem: Fachkräfte sind gefragt, aber die Betriebe finden nur schwer geeignetes Personal.

Weder stirbt bei Karibik-Kreuzfahrt

Ein 76 Jahre alter Wedeler stirbt im Februar auf einer Karibik-Kreuzfahrt. Auf der zu Venezuela gehörenden Isla Margarita wollen ihm zwei Männer auf einem Motorrad den Foto-Apparat entreißen. Er wehrt sich und wird von drei Schüssen tödlich getroffen.

Pinnebergs neuer Slogan ist „Wir können auch anders“. Unter anderem ist Bürgermeisterin Urte Steinberg auf Plakaten als Punkerin zu sehen. Das Echo auf die Idee einer Hamburger Werbeagentur ist geteilt.

Weniger ist mehr: 1950 Schleswig-Holsteiner haben sich bei der landesweiten Aktion „stromabwärts“ angemeldet. Auch 356 Teilnehmer aus dem Kreis haben sich verpflichtet, zehn Prozent Strom einzusparen. Ein Quickborner Ehepaar hat Glühbirnen durch LED-Lampen ersetzt und nutzt einen Wasserkocher statt einen Topf auf dem Herd. Allein damit ließen sich 44 Kilowattstunden im Jahr einsparen.

„Wir haben auch schon volle Einkaufstaschen, Portemonnaies und sogar Gebisse gefunden“, sagt Oliver Schmidt von der Straßenmeisterei Elmshorn. Der Kampf gegen illegal entsorgte Abfälle scheint aussichtslos. Kaum ist der Unrat an der A23-Abfahrt Pinneberg-Mitte weggeräumt, folgt bald das nächste Schlachtfeld. Schmidt ist für hohe Bußgelder: „Übers Geld kriegt man jeden.“

18-Jährige aus Tornesch erwürgt

In letzter Minute einigen sich Vertreter der Stadt Quickborn mit dem Netzbetreiber Tennet. Drei Jahre schwelte ein Streit mit 16 Grundstücksbesitzern. Die Trasse mit 380-Kilovolt-Strommasten wird weiter von den Häusern entfernt errichtet. Bürgermeister Thomas Köppl wählt deutliche Worte: „Wer jetzt noch dagegen klagt, hat einen Schaden, denn er verhindert diese ausgehandelte Verschwenkung der Trasse.“

Unter einem Vorwand wird im März eine 18 Jahre alte Tornescherin von einem Bekannten aus der Jugendfeuerwehr in dessen Elternhaus gelockt und dort erwürgt. Der 16 Jahre alte Täter mimt gegenüber Polizei und Medien den besorgten Kumpel und versucht, den Verdacht auf den Freund des Opfers zu lenken. Es wird tagelang nach dem verschwundenen Mädchen gesucht, ehe die Leiche gefunden wird. Der Jugendliche wird im Oktober zu neun Jahren Haft verurteilt. Es werden Videos auf seinem PC gefunden. Schon mit 13 Jahren hatte er eine Mitschülerin bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Zwei ähnliche Vorfälle folgten. Der spätere Täter blieb auf freiem Fuß unter der Bedingung, eine Therapie zu machen. Vor dem Haftantritt soll er nun wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung in einer psychiatrischen Einrichtung erneut behandelt werden – bis mehrere Gutachter ihn nicht mehr für gefährlich halten.

Kommt die S-Bahn nach Quickborn?

Tiefrote Zahlen schreiben die ehemals kreiseigenen Regio Kliniken, die zu 75 Prozenten der Sana-Gruppe gehören: 2013 waren es 9,2 Millionen Euro. Auch für 2014 wird ein Minusgeschäft erwartet. Ende des Jahres folgt die Ankündigung, Dienstleistungsbereiche in Billigtöchterfirmen ausgliedern zu wollen. Betriebsrat und Gewerkschaft rebellieren, weil sie Personalabbau und deutliche Gehaltseinbußen befürchten.

Das Abendblatt titelt „S-Bahn fährt ab Dezember 2019“. Nach der Elektrifizierung der AKN-Strecke soll es von Kaltenkirchen über Quickborn nach Eidelstedt gehen. Auf einer Konferenz gibt es eindeutige Zusagen. 2022 fahren auf dem Streckenabschnitt noch keine S-Bahnen.

Anfang Mai steckt der HSV in der 1. Bundesliga im Abstiegskampf. Erstmals soll daher bei der 14. Auflage des Fußball-Camps von Blau-Weiß 96 in Schenefeld kein Profi vorbeischauen und Kinder und Jugendlichen Rede und Antwort stehen. 75 Teilnehmer sind traurig. Auf den letzten Drücker kommt doch noch Tolgay Arslan zum Kurzbesuch.

Klimakonferenz: Wedel will mehr machen

In Wedel gibt es die erste Klimakonferenz: Ein Hamburger Unternehmen hat errechnet, dass die Rolandstadt etwa 1000 Gigawattstunden Strom jährlich verbraucht, 9,1 Tonnen CO2 pro Kopf werden ausgestoßen. Der Bundesdurchschnitt beträgt 11,2 Tonnen. Vorreiter im Kreis ist Elmshorn, das 2011 ein Klimakonzept erstellt hat und sogar einen Vollzeit-Klimaschutzbeauftragen beschäftigt. Wedel möchte nachziehen. Solche Pläne gibt es in anderen Städten und Gemeinden noch nicht. „In Wedel ist der durch die Wirtschaft verursachte Emissionsanteil überraschend hoch“, heißt es auf der Konferenz.

Am 1. August beginnen die Ausbildungen und auch im Kreis Pinneberg gibt es mehr Lehrstellen als (geeignete) Bewerber. Auch das Durchhaltevermögen ist nicht gerade aus Arbeitgebersicht zufriedenstellend. Jeder vierte Azubi bricht die begonnene Lehre wieder ab.

Wedels Bürgermeister Niels Schmidt muss zugeben, dass der Umbau des alten Stadthafens zur maritimen Flaniermeile teurer wird als geplant: Es kommen 4,6 Millionen Euro hinzu. Die gesamten Baukosten sollen sich nun schon auf 18,6 Millionen Euro belaufen.

Skandal: Rassismus im Sozialkaufhaus

Die gebürtige Chilenin Nancy Gomez wohnt in Wedel und engagiert sich im Arbeitskreis Integration. Sie möchte die negativen Erlebnisse, die sie über ein Sozialkaufhaus in der Rolandstadt hört, nicht wahrhaben. Also verkleidet sie sich wie eine Muslima und geht mit zwei ebenfalls verschleierten Kindern dorthin. „Wir wurden durch den ganzen Laden angeschrien, die Sachen nicht anzufassen. Es war furchtbar“, meint sie. Zudem seien sie permanent beobachtet worden, weil der Verdacht bestünde, sie wollten klauen. Auch von anderen – deutschen – Kunden. Der Mitbegründer des Sozialkaufhauses entschuldigt sich für diese und andere Diskriminierungen, wie etwa Taschenkontrollen bei ausländischen Kunden. Er trifft sich mit Betroffenen zum Dialog.

Die Wohnungsnot im Kreisgebiet wächst. Die Sozialdemokraten fordern bei einer Konferenz die zügige Einführung einer Mietpreisbremse. Wenig überraschend sind die Wohnungsbau-Unternehmen dagegen. Jochen Kiersch vom Mieterbund Schleswig Holstein prangert an, „dass viele Kommunen mit dem Ausverkauf ihrer Immobilien einen schweren Fehler gemacht haben.“ Privaten Finanzinvestoren seien wie ein „Krebsgeschwür“. Der Spatenstich für die Westumgehung verzögert sich. Im Januar 2015 soll es aber klappen. Pinneberg kauft das letzte fehlende Grundstück.

Bei einem Neubauprojekt wird eine alte britische Nebelhandgranate aus dem zweiten Weltkrieg am Garstedter Weg in Hasloh aus Versehen durch Beschädigung aktiviert. Die giftigen Dämpfe verletzen zehn Personen.

Schlimme Verletzung schockt auch Zuschauer

Eine schreckliche Verletzung beendet das Pokalspiel von TBS Pinneberg und HR vorzeitig: TBS-Spieler Bilel Ourfelli bricht sich in einem Zweikampf Schien- und Wadenbein und das Sprunggelenk. Zudem reißt die Patella-Sehne im rechten Bein. Die Mutter eines HR-Spielers fällt in Ohnmacht. Der Verletzte wird ins künstliche Koma versetzt und notoperiert. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zubekommen“, sagt TBS-Manager Enrico Kieselbach.

Im August kommt Sozialministerin Kristin Alheit zur Eröffnung der Zukunfts-Kita in Kölln-Reisiek. Die 2,6 Millionen Euro teure Energieplus-Einrichtung mit Strom- und Wasserversorgung ohne fossile Brennstoffe bietet 65 Kindern Platz. In Rellingen wird im September ein Serien-Brandstifter von Zivilfahndern auf frischer Tat beim Zündeln an einem Auto ertappt. Es ist der Polizei bestens bekannt und war sieben Jahre zuvor einer der beiden Jugendlichen, die einen Anschlag auf das Rellinger Apfelfest geplant hatten. Die Deutsche Tamoil zieht nach Hamburg, aus Platzmangel in Elmshorn. Die Krückaustadt verliert einen der größten Gewerbesteuerzahler.

In Kindergärten in Hasloh und Schenefeld gibt es Keimbefall an neuen Wasserzählern. Das Unternehmen prüft daraufhin sämtliche Geräte im Lager und findet weitere Problemfälle. Bundesweit prüfen daraufhin die Versorger ihre Zähler – Tausende müssen getauscht werden.

Pilger aus Pinneberg auf dem Jacobsweg

Antonio Fraga (80) aus Bönningstedt geht seinen Weg: Bereits sechs Mal hat der Pilger den gut 750 Kilometer langen Jakobsweg von Pamplona nach Santiago de Compostela absolviert. „Du triffst überall freundliche Menschen. Die Gemeinschaft unter den Pilgern ist hervorragend“, sagt der gebürtige Spanier im Oktober. 22 Tage hat er zuletzt im August gebraucht, bei der Premiere 2005 waren es noch 27 Tage.

„Das Aufladen muss in den Alltag integriert werden, damit die Leute auch spontan von A nach B fahren können“, sagt die Rellinger Testfahrerin Susanne Haag nach der Probewoche im Elektro-Auto. Im Kreis Pinneberg gibt es allerdings nur zwölf Strom-Tankstellen. Das Unternehmen Hansewerk aus Quickborn überprüft noch, welche 50 Standorte im Umland dazukommen könnten.

Ein Sonderausschuss stellt im November die Weichen, dass in Elmshorn das Rathaus neu gebaut wird. Das alte an der Schulstraße ist marode. Das Kremer-Areal an der Schauenburger Straße ist Favorit. Ein Quickborner fällt auf seinem Grundstück eine Tanne. Das klappt sogar, aber ärgerlicherweise kracht diese genau auf einen Gastank, der leck schlägt. Die A7 wird mehrere Stunden gesperrt. Die Kosten für den Feuerwehr-Einsatz muss der Verursacher tragen.

Halstenbeker: „Die Sonne gehört jedem“

Ein kreisweit einmaliges Projekt hat das Halstenbeker Ehepaar Bill und Helen Kerby auf die Beine gestellt. Die eigene Garage ist ein Energiezentrum. Die Photovoltaik-Anlage lädt das neu angeschaffte Elektro-Auto und versorgt auch das Wohnhaus. Überschüssige Energie wird gespeichert. Fehlt das Licht, springt automatisch ein kleines Blockheizkraftwerk in der Garage an. Gute 100.000 Euro haben die „Umweltpioniere“ investiert. „Die Sonne gehört jedem und nicht einem Konzern“, sagen sie.

Etwa 100 Fahnder der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamts durchsuchen in Elmshorn das Rathaus und weitere Objekte wie die Bismarckschule und Privatwohnungen. Es gibt Ermittlungen gegen vier Mitarbeiter des Gebäudemanagements (zwei Architekten, ein Hausmeister, eine Verwaltungskraft) wegen des Vorwurfs der Bestechlichkeit und Untreue. Sie sollen Baumaterial in mindestens fünfstelliger Höhe unterschlagen haben. Die beiden Architektinnen lebten geheim als Paar zusammen und konnten die Rechnungen daher nach dem Vier-Augen-Prinzip am Rechnungsamt vorbeischleusen. Bürgermeister Volker Hatje und Büroleiter Carsten Passig gingen Monate zuvor einem Verdacht nach und schalteten das LKA ein.

Ein 64 Jahre alter Bodybuilder aus Elmshorn soll Kopf einer Dopingmittelbande sein und mit mehr als 30 Helfern einen florierenden bundesweiten Handel mit illegalen Wundermitteln aus Polen betrieben haben. Er wird im Dezember zu drei Jahren und sieben Monaten Haft verurteilt. Staatsanwaltschaft und Angeklagter wollen in Berufung gehen.

Das Wedeler Kohlekraftwerk soll leiser werden. Anwohner haben sich beschwert. Betreiber Vattenfall hat bereits Umbaumaßnahmen zur Lärmminderung umgesetzt. Allerdings werden nach wie vor nachts zu hohe Werte gemessen. Es werden weitere technische Maßnahmen ausprobiert. Die Maniacs-Cheerleader aus Elmshorn surren bei „Wetten dass…?“ durch die Luft und hängen dabei Wäsche auf. Für die Mädchen reicht es zum – undankbaren – vierten Platz.

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