Windenergie

Ein ganzes Pinneberger Dorf investiert in eigene Windparks

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Burkhard Fuchs
Windmüller Hans-Hermann Magens auf der Baustelle in Raa Besenbek, wo bis Ende des Jahres vier neue Windkraftanlagen mithilfe eines großen Krans 150 Meter hoch errichtet werden sollen.

Windmüller Hans-Hermann Magens auf der Baustelle in Raa Besenbek, wo bis Ende des Jahres vier neue Windkraftanlagen mithilfe eines großen Krans 150 Meter hoch errichtet werden sollen.

Foto: Burkhard Fuchs

In Raa Besenbek gibt es keine Vorbehalte gegen grüne Energie aus Wind: Dort wird gerade der dritte Bürgerwindpark gebaut.

Raa Besenbek.  Noch steht erst einer von vier Türmen für den neuen Windpark südlich der B 431 in Raa Besenbek. Hans-Hermann Magens, Windmüller aus Leidenschaft und von Anfang an Geschäftsführer des Bürgerwindparks in der Elmshorner Nachbargemeinde, ist fast täglich auf der Baustelle, um den Baufortschritt zu verfolgen. „Wenn alles klappt, sind die vier neuen Windkraftanlagen bis Ende des Jahres aufgestellt und gehen im Januar ans Netz“, sagt der frühere Landwirt, der seinen 70 Hektar großen Bauernhof längst an seinen Sohn abgegeben hat. Der Betrieb der beiden Bürgerwindparks und die Planung des neuen erfordern zu viel Einsatz und Engagement von ihm, als dass er sich noch um die Schweine und den Acker kümmern könnte.

Drei der vier neuen Windanlagen sind bereits auf dem 30 Hektar großen Gebiet eingetroffen, das neun Landwirten aus Raa Besenbek gehört. Die 65 Meter langen und 4,50 Meter breiten Mega-Schwertransporte müssen nachts fahren und dabei durch ganz enge Straßenkreuzungen in Elmshorn geleitet werden (wir berichteten).

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Jetzt werden die einzelnen Teile – Turm, Maschinenhaus und Flügel – zusammengebaut und mit einem großen Kran in die Höhe gehievt. Das Maschinenhaus wird in 93 Meter Höhe sein, die Flügel sind 58 Meter lang. Zusammengebaut werden die vier neuen Windspargel hier insgesamt 150 Meter über die Elbmarsch ragen, rund 30 Meter höher als die alte Anlage von 1999, die der neue Windpark ersetzen wird.

30 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom wird der neue Windpark an Energie erzeugen und ins Netz einspeisen. Etwa so viel, wie eine Kleinstadt im Kreis Pinneberg an Strom benötigt. Der erste schaffte 13 Millionen, der zweite, der vor zehn Jahren auf der nördlichen Seite der B 431 mit ebenfalls vier Windrädern errichtet wurde und weiter in Betrieb ist, 20 Millionen.

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Mit der Bundesnetzagentur haben die Betreiber des Bürgerwindparks eine Einspeisevergütung von etwa 7,2 Cent je kWh vertraglich vereinbart. „Damit lässt sich der Windpark gut refinanzieren“, sagt Magens. Auch wenn der alte Windpark noch 9,1 Cent je kWh eingebracht habe. Insgesamt 16 Millionen Euro investieren die 86 Mitgesellschafter – alle aus Raa Besenbek – in den neuen Windpark. Der erste hatte noch 14 Millionen Mark, der zweite elf Millionen Euro gekostet.

Wobei die zurzeit galoppierenden Energiepreise diese staatliche Förderung im Moment sogar überflüssig machen. Seit August, als der erste Windpark abgebaut wurde, um Platz für den neuen zu schaffen, erzielt die Betreibergemeinschaft in Raa Besenbek acht bis elf Cent je kWh für ihren regenerativ erzeugten Strom, erklärt Magens.

Raa Besenbek: Fast jeder Haushalt im 530-Einwohner-Dorf profitiert

Die ganze 530 Einwohner zählende Gemeinde, fast jeder Haushalt im Dorf, profitiert von den beiden Bürgerwindparks, erläutert Magens. „Uns war von Anfang wichtig, dass alle etwas davon haben, die Landwirte und die Kapitalgeber.“ So bekommt das Dutzend Landwirte, das die etwa 60 Hektar Land für die beiden Windparks zur Verfügung stellt, jeweils eine Pacht – auch wenn das Windrad nicht direkt auf ihren Feldern stehen sollte. Und die etwa 100 Kommanditisten, die jetzt zwischen 500 und 70.000 Euro Eigenkapital investiert haben, erhalten eine jährliche Ausschüttung. „Die konnten wir vom ersten Jahr an bezahlen“, sagt Magens stolz. Der Bürgerwindpark sei mit 150.000 Euro im Jahr der größte Gewerbesteuerzahler in Raa Besenbek.

Längst ist die klimaschonende Windparkindustrie zu einem lukrativen Geschäft geworden. Der Bürgerwindpark Raa Besenbek hat mit einigen Dutzend anderen Windparks eine Einkaufs- und Verkaufsgemeinschaft gegründet. So haben sie zusammen jetzt 160 neue Windmühlen beim Hersteller Nordex in Hamburg bestellt. Vier Anlagen davon werden in Raa Besenbek errichtet.

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Und auch den Verkauf ihres erzeugten Stroms organisieren die Windmüller als Gemeinschaft an der Leipziger Strombörse. Auf diese Weise ließen sich niedrigere Einkaufs- und höhere Verkaufspreise erzielen, als wenn sie allein wären, erklärt Magens den Energiemarkt, auf dem die Windmüller sich auch gegen die großen Energiekonzerne behaupten müssen. Auch die Anträge bei den Behörden und die Finanzierungen bei den Banken hätten sich im Laufe der Jahrzehnte vereinfacht.

Eigentlich sollte der Windpark schon vor zwei Jahren erneuert werden, erklärt Magens. Doch der Windanlagenhersteller machte Pleite. Zum Glück konnten die Raa Besenbeker ihre bereits getätigten Zahlungen wieder zurückerhalten und fast baugleiche Anlagen bei Nordex bestellen. So musste die Baugenehmigung nur etwas geändert und nicht neu beantragt werden. „Die Flügel sind allerdings einen Meter länger als die ursprünglich geplanten“, erklärt Magens. Das hätte beinahe den bereits vor zwei Jahren ausbaldowerten Transportweg quer durch Elmshorn über den Haufen geworfen, der nun an einer Stelle an der Ecke Flamweg/Schulstraße nur wenige Zentimeter an den Häusern vorbeischrammte.

Banken genügen zehn Prozent Eigenkapital

Die den Kredit finanzierenden Banken seien mit einem Eigenkapital von zehn Prozent zufrieden. Vor zehn Jahren bestanden sie noch auf 20 Prozent. Und dieses Mal habe auch das Denkmalamt nicht mehr darauf bestanden, dass der neue Windpark nur 120 Meter hoch sein dürfe. Für Magens ist der Bürgerwindpark in seinem Heimatort eine absolute Erfolgsgeschichte.

Auslöser sei damals das Vorhaben eines Mannes aus Süddeutschland gewesen, der Mitte der 90er-Jahre auf seinem Grundstück in Raa Besenbek einen Windpark errichten wollte. „Das können wir doch selbst viel besser machen“, dachte sich Magens und trat an den damaligen Gemeinderat heran. „Wenn dir das gelingt, sind wir dabei und genehmigen das Vorhaben“, lautete die zunächst abwartende Haltung seiner Mitbürger. Magens zog die Strippen und überzeugte im ersten Anlauf 36 Mitstreiter im Dorf, von denen einer sogar 100.000 Euro locker machte. „Anfangs hielten das einige noch für Spinnkram“, erinnert er sich. Das war schon beim zweiten Projekt zehn Jahre später anders. „Wir sind regelrecht überrannt worden und konnten uns kaum retten vor Kapitalgebern“, sagt Magens. Sein Ziel – „dass das ganze Dorf zusammenhält“ – hat er erreicht.

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