Elmshorn TV

Die Gesellschaft einfach erklärt – in fünf Sprachen

| Lesedauer: 5 Minuten
Neele Lange
Bürgervorsteher Andreas Hahn (v. l.), Ralf Behn (Sozialamt), Dirk Moritz (Erster Stadtrat) und Filmer Ibrahim Ortaçer.

Bürgervorsteher Andreas Hahn (v. l.), Ralf Behn (Sozialamt), Dirk Moritz (Erster Stadtrat) und Filmer Ibrahim Ortaçer.

Foto: Neele Lange

Das Integrationsprojekt will Migranten das deutsche Gemeinwesen nahebringen und darüber informieren, was in ihrer neuen Heimat los ist.

Elmshorn.  Wie funktioniert eigentlich unser Gemeinwesen – mal so ganz einfach erklärt? Elmshorn TV liefert die Antworten, und das auf Arabisch, Persisch, Türkisch, Englisch und Deutsch. Es handelt sich dabei um ein Integrationsprojekt aus Neumünster, bei dem in kurzen Videoclips wichtige Themen beleuchtet und in einfacher Sprache für Migranten erklärt werden.

Damit soll Menschen mit geringen Deutschkenntnissen eine verlässliche Informationsquelle über das lokale Geschehen geboten werden. Von der Eröffnung des Weihnachtsmarktes über Erklärungen zu Corona-Impfungen bis hin zur Vorstellung beispielsweise der Freiwilligen Feuerwehr reicht die Bandbreite.

Neues Videoformat im Dezember

Nun soll es ab Dezember ein weiteres Videoformat geben, das ebenso einfach die Strukturen und Aufgaben der Kommunalpolitik thematisiert. Ziel: Die Überwindung von Sprachbarrieren soll im Idealfall die politische Beteiligung und gesellschaftliche Integration fördern. Eine juristische Hürde steht dem Projekt allerdings noch im Weg: Das Filmen politischer Sitzungen ist zurzeit noch verboten.

„Viele Bürger mit Migrationshintergrund wissen gar nicht, was es in Deutschland für Vereine, Veranstaltungen und Angebote gibt, an denen sie sich beteiligen können“, sagt Ibrahim Ortaçer, der Vorsitzende des Vereins Neumünster Medien, der Elmshorn TV produziert. Oft sei dabei die Sprache, insbesondere hochtrabende Behördensprache, das Problem. „Es ist schade, dass es vielen erst nach einem dreijährigen Sprachkursus möglich ist, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dabei ist es viel sinnvoller, von Anfang an wie ein Zahnrad ins Getriebe integriert zu werden. Davon profitieren alle“, sagt Ortaçer, der selbst vor 20 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam.

Seiner Erfahrung nach fehle den meisten Migranten das Vertrauen in die Politik, da in ihren Herkunftsländern oft korrupte Strukturen herrschten. Deshalb brauche es mehr Aufklärung. Ortaçer will Migranten vermitteln, dass Bürger in Deutschland etwas zu sagen haben und Einfluss auf die Politik nehmen können. „Hier werden die Stimmen der Menschen ernst genommen“, ist sein Appell.

Um das den Menschen ins Bewusstsein zu bringen, sollen nun die kommunalpolitischen Strukturen in drei- bis fünfminütigen Videos, mehrsprachig dargestellt werden. Dabei stehen die verschiedenen politischen Ausschüsse und Ämter der städtischen Verwaltung im Vordergrund. Zusätzlich werden Interviews mit Politikern geführt. Das Video-Projekt wird von der Elmshorner Stadtverwaltung sehr begrüßt.

Warum Elmshorn jetzt die Hauptsatzung ändern muss

Doch so einfach wie erwartet ist es doch nicht. Denn erst nach der Anfrage von Elmshorn TV ist aufgefallen, dass es seit 2014 nicht mehr erlaubt ist, Video- und Tonaufnahmen der städtischen Sitzungen zu machen. Dies ist nur unter der Voraussetzung möglich, dass alle im Saal Anwesenden, egal ob Zuschauer oder Teilnehmer, vorher ihr schriftliches Einverständnis geben. Ein zu großer Aufwand. Bürgervorsteher Andreas Hahn (CDU) zeigt sich erschüttert über diese Erkenntnis. „Das kann man nicht mit einer transparenten Demokratie vereinbaren“, sagt er. Die Ursache dieser Vorschrift findet sich auf Landesebene. In der Gemeindeordnung wurde auf Antrag kleinerer Gemeinden hin der neue Grundsatz beschlossen. Die Antragssteller begründeten es damit, dass etwa ein Filmteam die Vertreter kleinerer Ortschaften in ihren Sitzungen durcheinander bringen könne. So etwas sei man dort nicht gewohnt. Es ist aber möglich, die Vorschrift innerhalb einer Gemeinde zu ändern. In Elmshorn gab es dafür bislang keinen Bedarf. Das letzte Mal, dass ein Filmteam das Elmshorner Rathaus betreten hat, war bei der Bürgermeisterwahl vor gut sieben Jahren. Jetzt will Andreas Hahn die Zulässigkeit von Film-und Tonaufnahmen in der Elmshorner Hauptsatzung verankern. Das stehe für 2022 ganz oben auf seiner Liste. Bis dahin muss das Filmteam von Elmshorn TV mit einer Übergangslösung arbeiten. Etwa ein Kameraschwenk durch den Sitzungssaal, bei dem keine Gesichter zu erkennen sind. Für die Einzelinterviews bleibt den Ehrenamtlichen nichts anderes übrig, als sich von jeder Person ein schriftliches Einverständnis zu holen.

Die Videos können in fünf verschiedenen Sprachen auf Youtube, Instagram und Facebook sowie unter elmshorn-tv.com abgerufen werden. Die Redaktion setzt auf verschiedene soziale Medien, um möglichst alle Altersgruppen zu erreichen. Finanziert wird das Projekt bislang durch Fördergeld in Höhe von 20.000 Euro vom Innenministerium des Landes. Doch im März läuft die Bezuschussung aus. „Wir sind dabei, nach anderen Fördertöpfen zu suchen“, sagt Ralf Behn, Leiter des Amtes für Soziales. „Zur Not aus dem Elmshorner Haushalt.“

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