Pinneberg

Strompreis sinkt – Thomas Behler will Energiewende anpacken

| Lesedauer: 7 Minuten
Katja Engler
Der neue Geschäftsführer der Pinneberger Stadtwerke, Thomas Behler (56), hat am 1. November seine Arbeit aufgenommen. Hier steht er vor der Zentrale der Stadtwerke.

Der neue Geschäftsführer der Pinneberger Stadtwerke, Thomas Behler (56), hat am 1. November seine Arbeit aufgenommen. Hier steht er vor der Zentrale der Stadtwerke.

Foto: Katja Engler

Neuer Stadtwerke-Chef in Pinneberg setzt auf Vertrauen in seine Mitarbeiter. Er tritt kein leichtes Erbe an. Das sind seine Pläne.

Pinneberg. Die gute Nachricht an alle zuerst: Im Gegensatz zum Bundestrend fallen in Pinneberg die Strompreise. Statt wie bisher 31,89 Cent pro Kilowattstunde zahlen die Kunden der Pinneberger Stadtwerke von Neujahr an nur noch 31,57 Cent.

Wer dort künftig Ökostrom beziehen möchte, kann das ohne Aufpreis tun. Mit der Preissenkung hat die aktuelle Chefetage nichts zu tun – aber die zweite Neuigkeit ist: Am 1. November hat Thomas Behler (56) als neuer Geschäftsführer seine Arbeit aufgenommen.

Stadtwerke-Chef tritt kein leichtes Erbe an

Nach dem tiefen Zerwürfnis zwischen dem vorzeitig abgetretenen Geschäftsführer Sven Hanson und der Stadtwerke-Belegschaft dürfte es kein Zuckerschlecken sein, dort als Neuer anzufangen. Behler hat es trotzdem gewagt. Er kommt aus Radevormwald, wo er seit 2012 die dortigen Stadtwerke geführt hat, zuvor war er technischer Leiter der Flensburger Stadtwerke gewesen. Jahrelang ist er zwischen der Stadt im Oberbergischen und Flensburg gependelt, wo seine Frau lebt. Damit ist jetzt Schluss, denn Behler hat hier ein Domizil bezogen, und das Pendeln ist nicht mehr der Rede wert. Pinneberg interessiert ihn als „interessanter Kosmos von ländlich bis städtisch“. In seiner knappen Freizeit fährt der frühere Leistungsschwimmer gern Motorrad und radelt.

Wer ihm die Hand drückt und in die Augen schaut, merkt: Hier steht ein tatkräftiger Pragmatiker, der sich in wenigen Tagen einen guten Überblick verschafft hat. „Ich bin historisch unbelastet“, sagt Behler. „Es ist jetzt die Frage, ob sich alle Beteiligten die Chance geben, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Da ist guter Wille nötig. Ich bin jedenfalls sehr offen und positiv aufgenommen worden.“ Das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Chef war 2019 völlig zerstört gewesen, sodass Sven Hanson Anfang 2020 vorzeitig seinen Hut genommen hatte. Zwischenzeitlich hatte Oliver Sinterhauf seine Aufgaben übernommen, von dem es heißt, er habe viel Gutes bewirkt und den Laden zusammengehalten.

Stadtwerke-Chef setzt auf Begegnung auf Augenhöhe

So oder so wird Behler darauf aufbauen. Sein Führungsstil sei geprägt von der Begegnung auf Augenhöhe, vom Zuhören, „auch wenn es um Botschaften hinter den Botschaften geht. Vielleicht hilft mir dabei meine ruhige, westfälische Art“, sagt er. Hilf den Leuten, dass sie sich entwickeln können – so könnte eine seiner Maximen lauten. Momentan muss er, wie alle anderen auch, mit den neuen Corona-Regeln umgehen. Und damit, dass jeder im Unternehmen dazu eine andere Einstellung hat, was die Leute nicht unbedingt zusammenschweißt. „Da ist ein gewisser Pragmatismus angesagt“, sagt er.

Als studierter Maschinenbauer kommt er aus der Praxis. Sein Vater war auf Montage bei Siemens. Schon als Praktikant und später in den Semesterferien hat Thomas Behler in einem Umspannwerk gearbeitet, später in diversen Kernkraftwerken. Den Komplex Energiewirtschaft kennt er also gut, da will und muss er einiges bewegen, dort sieht er das zentrale Aufgabenfeld der Zukunft für die Stadtwerke. Den berufstypischen Drang, die Dinge besser zu machen, Neues auszuprobieren – den spürt er immer noch: „Dinge zu verwalten ist nicht mein Anspruch. Das würde auch nicht reichen, sondern in einer Art Siechtum münden“, sagt er.

Eng hängt für ihn eine gute, klimafreundliche Zukunft mit einer gelungenen Energiewende zusammen. Das impliziert Veränderung. Sich dem zu stellen sei essenziell, wenn das Unternehmen weiter wirtschaftlich erfolgreich sein wolle. Es geht ihm deshalb darum, „die Köpfe im Unternehmen offen zu halten. Die Kollegen müssen intensiver und abteilungsübergreifend miteinander reden, das Wissen muss stärker verzahnt werden.“ Das sei bisher oft nicht üblich gewesen in der Branche, in einigen Bereichen sogar unerwünscht.

Stadtwerke-Chef will Elektromobilität voranbringen

Bei der Breitband-Verkabelung durch die stadtwerkeeigene Pinnau.com könne eine Verstärkung sinnvoll sein, meint Behler. Wichtige Meilensteine in der Energiewende sind für ihn die Elektromobilität und der Ausbau der Ladesäulenkapazitäten, den er als eines der ersten Dinge anpacken will. Außerdem sei der stärkere Einsatz von Wärmepumpen und Fernwärme anzustreben, mehr Stromgewinnung durch Photovoltaikanlagen auf den Dächern und eine energieeffiziente Gebäudesanierung: „In der Verknüpfung all dieser Themen liegt der Erfolg der Zukunft“, sagt Behler. Bei Bürgern, die Fragen dazu haben, sieht Behler einen wachsenden Beratungsbedarf, den die Stadtwerke leisten könnten und sollten, die dazugehörigen Strukturen seien nach und nach neu zu schaffen, das Personal aufzustocken. Auch den Neubau des Schwimmbades hat er auf dem Schirm.

Eine hohe Qualität bei der handwerklichen Arbeit – die ist natürlich weiterhin gefragt und wird gebraucht. „Deshalb bilden wir selbst aus, und viele qualifizieren sich nebenbei weiter. Damit begegnen wir frühzeitig dem Fachkräftemangel“, sagt der neue Geschäftsführer. Die Pinneberger Netze seien in einem guten Zustand, die Eigenkapitaldecke reiche aus, um kontinuierlich in die Netzerneuerung und anderes zu investieren, urteilt Behler. „Infrastruktur ist wichtig. Daraus sollte sich der Staat nicht zurückziehen“, meint er. Bei den Stadtwerken, die dem Kommunalwohl verpflichtet seien und eben nicht vom Kapitalmarkt getrieben, sei nachhaltige Qualität wichtig.

Stadtwerke-Chef setzt auf „positive Fehlerkultur“

Es sei notwendig, immer den eigenen gesunden Menschenverstand einzusetzen: „Als es mit Corona verstärkt losging, haben wir in Radevormwald erst richtig angefangen mit Bauen. Weil wir draußen die Abstände einhalten konnten. Manchmal erfordert es Mut, gegen den Strom zu schwimmen. Wir sind ohne Krise da durchgekommen. Man muss eben immer gucken, wie es gehen kann.“

Überhaupt ist er ein Mensch, der lieber Entscheidungen trifft, als sich wegzuducken: „Entscheidungen müssen im Vorfeld reifen, gut beraten und abgestimmt sein. Das kann nicht einer allein. Naturgemäß ist der Betriebsrat da einzubeziehen. Ich erwarte, dass er dann auch zügig und konstruktiv mitzieht.“ Mit Gewerkschaften, die sich in Sachen Pinneberger Stadtwerke ja zuletzt massiv eingebracht hatten, habe er nie Probleme gehabt, sagt Behler. „Meine Vorfahren waren extrem gewerkschaftsaktiv. Gewerkschaften gibt’s ja nicht von ungefähr. Die haben in den letzten 200 Jahren viel bewirkt, worüber wir froh sind. Sie sind Bestandteil des Systems und haben mitunter stabilisierende Wirkung.“

Das Prinzip, mit dem er bisher gut durchgekommen sei, nennt Thomas Behler „positive Fehlerkultur“.

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