Kreis Pinneberg

Ausbau der A23: Enteignung als letztes Mittel

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Burkhard Fuchs
Deges-Projektleiter Benedikt Zierke mit Rellingens Bürgermeister Marc Trampe (links) und Pinnebergs Büroleiter Marco Bröcker (rechts).

Deges-Projektleiter Benedikt Zierke mit Rellingens Bürgermeister Marc Trampe (links) und Pinnebergs Büroleiter Marco Bröcker (rechts).

Foto: Burkhard Fuchs

Deges-Projektleiter verspricht, immer erst das Gespräch mit den Betroffenen zu suchen. Die Meinungen zum Ausbau.

Pinneberg/Rellingen. Der Wille in Pinneberg und Rellingen, den geplanten sechsspurigen Ausbau der A 23 konkret mit zu planen, ist groß. Rund zwei Dutzend Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Bürgerschaft nahmen an der zweiten Planungswerkstatt der Autobahnplanungsgesellschaft Deges teil.

Autobahnausbau A23: Enteignungen als allerletztes Mittel

Fast drei Stunden lang brachten sie in der Rellinger Caspar-Voght-Schule Ideen ein, welche Verbesserungen sie vom Ausbau erwarten. Dabei wurden auch die gerade erst vom Rellinger Verkehrsausschuss beschlossenen Forderungen, einen Autobahndeckel zwischen den Abfahrten Pinneberg-Mitte und Süd sowie einen Radweg entlang der A 23 einzuplanen, diskutiert und von der Deges nicht ausgeschlossen.

Die Anlieger, die direkt an der A 23 wohnen, brauchen sich keine Sorgen zu machen, versprach Deges-Projektleiter Benedikt Zierke: „Enteignungen sind nur das allerletzte Mittel. Wir werden immer erst das Gespräch mit den Betroffenen suchen.“ Beim sechsspurigen Ausbau der A 7 zwischen Hamburg und Bordesholm habe es nicht einen einzigen solchen Fall gegeben. Wie viele Grundstücke davon betroffen wären, hänge davon ab, ob die A 23 auf einer oder beiden Seiten verbreitert würde. Zahlen dazu möchte die Deges zurzeit nicht nennen.

Davon betroffen sein könnte zum Beispiel Stefan Jensen, dessen Grundstück im Rellinger Ehmschen direkt an die etwa fünf Meter hohe Lärmschutzwand der A 23 heranreicht. Der Lärm von der Autobahn sei „erträglich“ und durch den Einbau des offenporigen Asphalts erheblich leiser geworden, sagte der Anwohner dem Abendblatt, der als Bürgervertreter an dem Workshop teilnahm.

Autobahnausbau: Lärmschutzwände könnten erhöht werden

Projektleiter Zierke gestand ein, dass die bis zu 88.500 Fahrzeuge, die heute täglich hier entlangfahren, die zugelassenen Schallgrenzwerte „zum Teil erheblich überschreiten“. Nach der Gesetzeslage ließe sich daran aber nur durch den geplanten Ausbau etwas ändern, betonte Zierke. So könnten die Lärmschutzwände bis auf neun Meter erhöht werden, sagte er. „Wir bauen auch Lärmschutzwände, die 18 Meter hoch sind. Aber die sind dann nicht mehr wirtschaftlich zu unterhalten.“ Auch ein Tunnel wie an der A 7 in Hamburg sei möglich, müsse aber „effizient“ sein, so Zierke. „Wir errichten nicht für ein Gebäude einen Tunnel.“

Mit Tonaufnahmen vom Computer demonstrierte der Deges-Planer, wie sich das Rauschen des Verkehrs bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Asphaltdecken verändert. So verminderte sich der Lärm bei Tempo 80 im Vergleich zum aktuell in diesem A 23-Abschnitt zugelassenen Tempo 100 merklich und mit dem offenporigen Asphalt sogar erheblich.

Die Verbesserung des Radverkehrs spielte ebenfalls eine große Rolle bei den Vorschlägen und in der Diskussion. Für den Rellinger Gemeindevertreter Sören Wilkens wäre es „ein Träumchen“, wenn der ohnehin entlang der A23 geplante Wirtschaftsweg zur Wartung der Lärmschutzwände zum Radweg ausgebaut werden könnte und die Radfahrer quasi „konfliktfrei“ fast bis nach Hamburg radeln könnten. Matthias Walender vom ADFC Pinneberg forderte zudem, die Radwege auf den neu zu errichtenden Brückenquerungen zu verbreitern. Für beide Vorschläge sagte Zierke zu, sie wohlwollend zu prüfen.

Autobahnausbau: Stimmungsbild gemischt

Das gelte auch für den Vorschlag von Frank Schoppa vom Bund deutscher Baumschulen (BdB), die Lärmschutzwände zu begrünen und womöglich zu bepflanzen. Falls Baumschulflächen für den 16 Kilometer langen Ausbau bis Tornesch benötigt werden, würde die Deges auch für Ausgleichsflächen sorgen, sagte Zierke.

Uwe Kleinig, der nahe der Abfahrt Pinneberg-Nord wohnt, forderte, dass die künftigen Abfahrten unbedingt so gestaltet werden sollten, dass sie zweispurig verliefen und sich nicht wie in Pinneberg-Nord die Autos wegen der fehlenden zweiten Spur bis zurück auf die Autobahn stauten. Auch das hätten die Deges-Planer im Blick, versicherte Projektleiter Zierke und warf mögliche Alternativen der jetzigen Knotenpunkte an die Wand. So könnten alle Abfahrten zunächst in einem oder zwei Kreisverkehren landen und von dort in die örtlichen Straßen abgeleitet werden. Und es sei möglich, dass die Ausfahrtbögen erheblich kleiner und dichter an die A23 grenzten als zurzeit in Pinneberg-Nord und –Süd, wo sie sehr weit in die Wohnbebauung hineinreichen.

Grundsätzlich war das Stimmungsbild gemischt. Befürworter und Gegner des A 23-Ausbaus äußerten ihre Meinung und Bedenken. Hass-und-Hatje-Geschäftsführer Ralf Lütje sagte: „Für uns ist das ein wichtiges Projekt, das umgesetzt werden sollte.“ BdB-Chef Schoppa: „Die 250 Baumschulbetriebe, die jährlich Millionen Gehölze europaweit versenden, sehen den Ausbau positiv und sehnen auch den Bau der A 20 herbei.“ Elmshorns IHK-Chef Paul Raab: „Der Ausbau ist nötig.“ Die jetzige überlastete Verkehrssituation schade dem Wirtschaftsstandort Pinneberg.

Autobahnausbau: Letzte Planwerkstatt am 11. November

Dagegen hält ADFC-Vertreter Matthias Walender den Ausbau für „überflüssig“. Die Ingenieurleistungen sollten lieber in den geplanten Radschnellweg investiert werden. Pinnebergs Grünen-Stadtvertreterin Ann-Kathrin Tranziska warnte vor dem zusätzlichen Flächenverbrauch und stellte den Bau des dritten und vierten Schienengleises zwischen Pinneberg und Elmshorn als wichtiger für den Pendlerverkehr dar. Dieser Auffassung ist auch Jochen Hilbert von der Bürgerinitiative für umweltfreundliche Mobilität. Mit den zusätzlichen Schienengleisen könnten 35.000 Pendler vom Auto in die Bahn umsteigen, sagte er, und „der Lieferverkehr für die Betriebe hätte freie Fahrt“.

Die dritte und zunächst letzte Planungswerkstatt der Deges ist am 11. November für den Abschnitt Süd (Halstenbek) in Hamburg-Eidelstedt. Die ursprünglich für vorigen Sonnabend geplante Radtour entlang der A 23-Ausbaustrecke ist witterungsbedingt abgesagt worden. Laut Deges wird sie im Frühjahr 2022 nachgeholt. Weitere Infos unter https://www.deges.de/projekte/projekt/a-23-as-tornesch-ad-hamburg-nordwest/

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