50 Jahre in 50 Wochen

Immer mehr Alte – Dem Kreis droht der Pflegenotstand

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Frederik Büll
Titelseite der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 2006.

Titelseite der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 2006.

Foto: Frederik Büll

Serie - Diesmal geht es um 2006, als das Sommermärchen fast wahr wird und „Düpi“ durch den Kreis schlängelt.

Kreis Pinneberg.  Im Januar reagiert ein neun Jahre alter Junge richtig und gut. Er befolgt einfach den Rat seiner Eltern. „Sie haben gesagt, wenn es mal brennt, dann schnapp’ dir den Hund und den Vogel und renn’ raus“, so der Quickborner. Ein defekter Wäschetrockner fing im Elternhaus Feuer, Papa und Mama waren einkaufen. Der Sohn alarmierte die Feuerwehr und rettete Blacky, Hansi und sich selbst.

Kreis Pinneberg: Ende der „Knick-Ei“-Posse

30 Jahre steht eine Skulptur des Künstlers Walter Arno aus Seeth-Ekholt auf dem Grundschulhof Bickbargen in Halstenbek – und dient den Kindern als Klettergerüst. Ohne Unfälle. Nun stufen Sicherheitsexperten das Kunstwerk als zu gefährlich ein – es wird auf den Friedhof versetzt. Lange warten muss die kurdische Familie Baysal aus der Türkei, die zwei Jahre im Elmshorner Kirchenasyl gelebt hat, um einer Abschiebung zu entgehen. Dann kommt der Bescheid vom Bundesverwaltungsgericht: Sie dürfen in Deutschland bleiben.

Der amtierende deutsche Querfeldeinmeister aus Halstenbek, Jens Schwedler, beendet mit 37 Jahren seine Karriere. Nach dem Rennen in Herford möchte er in den Teambus steigen – knickt dabei um, stürzt und bricht sich das Sprunggelenk. Er meint nur lakonisch: „Wer weiß, wofür das gut ist.“ Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist bundesweit angespannt, der Krankenstand so niedrig wie nie zuvor. Die Klagen vor dem Arbeitsgericht in Elmshorn sind 2005 um sieben Prozent auf 2487 Fälle gesunken. „Die Arbeitnehmer tolerieren offenbar mehr“, sagt Geschäftsleiter Erhard Riedel. Die Angst, den Job zu verlieren, ist groß.

Mit 20 Ja- und acht Nein-Stimmen fällt im Februar die Entscheidung. Die Halstenbeker „Knick-Ei“-Posse wird nach Jahren beendet. Es kommt zum Abriss, es soll eine herkömmliche Sporthalle entstehen. Neun Millionen Euro: versenkt. Bei Nordmark in Uetersen sollen künftig 1500 malaiische Grubenottern gemolken werden. Ein Bestandteil des Gifts (Ancrod) soll Folgen von Schlaganfällen abmildern. Gemeinsam mit einem US-Unternehmen werden acht Millionen Euro in das Projekt gepumpt.

Kreis Pinneberg: 9 Millionen Euro Spendengelder veruntreut

Die Kummerfelderin Thea Schädlich (68) erzählt eine Geschichte, die merkwürdig klingt. Gegen ihren Willen hätten gerichtlich bestellte Betreuer ihr Grundstück inklusive des Hauses an die Gemeinde verkauft. Für 337.000 Euro, der Wert soll aber bei 1,2 Millionen Euro liegen. Ein Gutachter, der sie einmal traf, habe das zwei Jahre zuvor angeordnet wegen eines angeblichen „Vermüllungs-Syndroms“. Der Verkauf sei alternativlos, da Erbschaftssteuer und andere Forderungen nicht über andere Wege von ihr beglichen werden könnten. Bei einer kleinteiligen Bebauung könnte die Gemeinde ein erhebliches Plus machen. Kurz vor Weihnachten gibt das Landgericht Itzehoe ihr Recht. Der Verkauf muss rückgängig gemacht werden, es folgt eine Klage auf Schadensersatz, weil das Haus bereits geräumt und Vermögenswerte vernichtet wurden.

9,2 Millionen Euro Spendengelder hat ein Seeth-Ekholter mit seiner Tierschutzorganisation über zu hohe Mitgliedsbeiträge veruntreut. Dafür wird er zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Der Stiefvater, der den kleinen Tim in Elmshorn getötet haben soll, muss im März für 13 Jahre ins Gefängnis. Die Staatsanwaltschaft hatte 14 Jahre gefordert. Bis zuletzt weist er alle Schuld von sich, er sei zur Tatzeit nicht am Tatort gewesen, habe am Morgen darauf in Panik die Leiche „entsorgt“. Die Aussagen sind wenig glaubwürdig, auch die Mutter verstrickt sich in Widersprüche. Im August entscheidet der Bundesgerichtshof nach einer Revision, dass die Höhe der Strafe neu festgelegt werden muss. Im Januar 2007 wird am Landgericht der Prozess noch einmal aufgerollt.

Kreis Pinneberg: Vogelgrippe kommt in der Region an

In Kollmar wird eine mit dem H5N1-Virus infizierte Wildente entdeckt. Dar­aufhin wird der Nordwesten des Kreises zum Vogelgrippe-Sperrgebiet erklärt, Geflügelbetriebe abgeriegelt. Kaum noch einen freien Parkplatz finden Besucher am Eröffnungstag des neuen Teppich-Kibek-Komplexes in Elmshorn. Alle wollen sich das größte Teppichhaus der Welt an der A 23 anschauen. Der Pinneberger Tanzlehrer Oliver Seefeldt ist bei der Tanzshow „Let’s Dance“ ab Ende März dabei. Mit der Schauspielerin Wolke Hegenbarth erreicht er das Finale. Die Jury sieht das Paar vorn, die Zuschauer küren aber Wayne Carpendale zum Sieger.

Der Traum, ein echter Polizist zu sein, platzt für einen 35-Jährigen in Quickborn auf der A7-Raststätte Holmmoor-Ost: Dabei hat er sich so viel Mühe gegeben mit Anhaltekelle, Blaulicht auf dem Dach, gefälschtem Dienstausweis und selbst gebastelten Strafzetteln. Er kassiert die angeblichen Verwarngelder in bar – bis ihn „echte“ Polizisten stoppen.

„Sein“ Dorf Heidgraben scheint Udo Tesch ganz gut im Griff zu haben. Seit 40 Jahren ist der 72-Jährige Bürgermeister, zweitdienstältester Amtsleiter in Schleswig-Holstein. Der Wedeler Schneider Theofanis Stefopoulos plant aus 400 einzelnen Fußball-Trikots das größte Jersey der Welt zu nähen. Nach einem Abendblatt-Bericht bekommt er auch die der ortsansässigen Clubs Wedeler TSV, Cosmos und FC Roland.

Kreis Pinneberg: Hamburger Abendblatt wird kompakter

Ab dem 29. April ändert das Abendblatt sein Erscheinungsbild und wechselt zum kompakten Format „Halbes Nordisches“ mit acht kleineren statt vier großen Seiten. Schülerproteste gegen Sparmaßnahmen in der Bildungspolitik gibt es regelmäßig, in Elmshorn protestieren nun etwa 30 Lehrkräfte vor der Hauptschule Koppeldamm/Realschule Nord, um auf die verschlechterten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen. Kreisweit hat die Gewerkschaft zu Aktionen aufgerufen. Im Mai beginnt der zweigleisige Ausbau der AKN zwischen Bönningstedt und Hasloh. Die Bauzeit beträgt ein Jahr. Anschließend soll die Strecke bis Quickborn folgen.

Ein ganz besonderes Geschenk von ihrem Seniorenheim „Haus am Rosarium“ erhält Margarete Hofmann aus Uetersen zum 105. Geburtstag. Im Oldtimer (Mercedes-Benz 230 Cabriolet B) geht es zu ihrer Schwester Adolfine Ladiges (103) nach Heist. Die Uetersener Chorknaben bekommen im Juni 19.605 von 73.618 Zuschauerstimmen. Damit siegen sie beim NDR-Wettbewerb „Der Norden singt“.

„Die Bio-Branche boomt in Deutschland wie kein anderer Lebensmittelbereich“. Die Bio-Bauern sorgen sich, dass sie als Erzeuger zu wenig davon profitieren. Denn: Die Bundesregierung plant klare Einschnitte im Fördersystem. Dies würde einen Nachteil gegenüber Nachbarländern wie Polen und der Tschechischen Republik bedeuten. Ganz Deutschland träumt vom WM-Sommermärchen im eigenen Land. Zum Public Viewing kommen bei Deutschlands 3:0-Sieg in der Gruppenphase gegen Ecuador 6000 Zuschauer auf den Elmshorner Buttermarkt. Im Durchschnitt sind es etwa 2700 Fußball-Fans pro Partie.

Kreis Pinneberg: A 7 soll sechsspurig ausgebaut werden

Im Juli ist die umstrittene Spange „An der Malchower Brücke“, die die Ellerauer Straße und den Justus-von-Liebig-Ring in Quickborn verbindet, fertig. Das vier Millionen Euro teure Bauwerk ist in 15 Monaten errichtet worden. Eingestellt worden – es fanden sich keine Beweise – ist das seit Februar 2004 eröffnete Ermittlungsverfahren gegen Pinnebergs Bürgermeister Horst-Werner Nitt und Bauamtsleiter Klaus Stieghorst wegen des Verdachts der Untreue und Bestechlichkeit. Die Badebucht Wedel – elf Millionen Euro teuer – lockt am Eröffnungswochenende 3000 Besucher an. Für die Leibniz-Schule in Elmshorn erfolgt der Startschuss. 102 Schüler besuchen die dritte Bildungseinrichtung unter privater Schirmherrschaft im Kreis.

Ab 2008 soll mit der Planung für den sechsspurigen A7-Ausbau zwischen Quickborn und Hamburg begonnen werden. Dieser Abschnitt soll 20,5 Millionen Euro kosten. Das Gartenbauzentrum Schleswig-Holstein öffnet in Ellerhoop – die Kosten für ein 8,5 Hektar großes Areal mit Verwaltungskomplex, Seminarräumen, Freilandflächen und Gewächshäusern: 17,3 Millionen Euro. Ungeheuerliches spielt sich in Elmshorn ab: Der Ehemann einer Hortleiterin soll mehrere Kinder missbraucht haben. Sie wird nach Bekanntwerden der Vorwürfe im September entlassen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen beide.

Kreis Pinneberg droht der Pflegenotstand

Im August wird auf einen drohenden Pflegenotstand im Kreis hingewiesen: Bis zum Jahr 2020 steigt die Zahl der mehr als 80 Jahre alten Einwohner des Kreises Pinneberg um 80 Prozent. Die Zahl der Ausbildungsplätze am einzigen Ausbildungsplatz im Bildungszentrum Elbmarsch in Tornesch sinkt aber. „Wir können nur noch halb so viele Altenpfleger ausbilden wie bislang“, sagt Leiterin Irmgard Strelau. Für die Umschüler gibt es keine öffentliche Förderung mehr, da die Umschulung drei statt zwei Jahre dauert. Nur auf die Erstausbildungen zu setzen, sei „kontraproduktiv“.

Schenefeld feiert im September 750-jähriges Bestehen. Der Kunstkreis hat 300 Bürger mobilisiert, die eine 500 Meter lange Schlange gebastelt haben, die möglichst noch einen Monat in der Düpenau schwimmen soll als Symbol dafür, dass in einer Stadt stets alles im Fluss ist. Bürgermeisterin Christiane Küchenhoff tauft das Tier „Düpi“. In der Paul-Dohrmann-Schule in Elmshorn kommt es zu einem Großbrand: 115 Feuerwehrleute sind sechs Stunden im Einsatz, können erhebliche Gebäudeschäden aber nicht verhindern. Vermutet wird Brandstiftung.

100 Arbeitsplätze waren abgebaut worden. Weil das Uetersener Papierwerk Stora Enso – wie vom Mutterkonzern gefordert – einen besseren Profit erwirtschaftet hat, haben aber immerhin 460 Mitarbeiter ihre berufliche Perspektive im Oktober behalten. Eine Elmshorner Textilfirma geht indes pleite und hinterlässt ein mit Perchloräthylen belastetes Grundstück. Es wird gestritten, wer nun die Kosten für die Sanierung übernimmt.

„Appen musiziert“ sammelt 2 MiIlionen Euro Spenden

Reichlich kassiert hat ein 67 Jahre alter Halstenbeker. 16 Jahre hat er die Betriebsrente seiner verstorbenen Mutter angenommen, ehe der Betrug auffliegt. Es geht um 250.000 Euro, die ihm nicht zugestanden haben. Der Beschuldigte hat keine eigenen Einkünfte und ist im November geständig.

Die Veranstaltung „Appen musiziert“ ist seit 1992 eine Instanz. An einem Abend kommen 206.000 Euro zugunsten krebskranker Kinder zusammen. Damalige Gesamtsumme: 2,136 Millionen Euro. Das Kreishaus in Pinneberg bröckelt an allen Ecken und Kanten. Marode Fassadenplatten werden für 600.000 Euro abgetragen. Die Entscheidung, ob sich eine Gesamtsanierung des Gebäudes lohnt oder aber ein Umzug – im Gespräch ist der Kibek-Komplex in Elmshorn oder ein Neubau – ansteht, wird von der Politik vorerst vertagt.

Ab dem 1. Dezember erlaubt die Landesregierung, dass der Einzelhandel in der Theorie 24 Stunden am Tag öffnen darf – außer sonntags. Die Kaufleute sind geschlossen skeptisch. „Wie soll ich dafür Personal bekommen? Und wer soll spätabends Baustoffe kaufen?“, fragt sich Baumarktchef Jochen Lüchau. Die Gewerkschaft Ver.di befürchtet Lohndumping und Mini-Jobs. Auch rechtliche Bedenken gibt es: „Regelmäßige Nachtarbeit ohne zwingende Gründe verletzt das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit.“ Media Markt in Halstenbek wagt sich als Erstes aus der Deckung und öffnet bis 22 Uhr.

Giftmord an Kreml-Kritiker: Spur führt in den Kreis Pinneberg

Schon seit den 50er-Jahren werden für die Aufforstung in Schweden junge Fichten verpflanzt, die in hiesigen Baumschulen drei Jahre aufgewachsen sind. Die Rellinger Forstbaumschule Ostermann hat beispielsweise 300.000 Jungfichten im Jahr 2006 dorthin transportieren lassen. Insgesamt importieren die Skandinavier jährlich bis zu 25 Millionen Bäume – die längere Frostperiode dort würde einen Zeitverlust von einem Jahr für die nötige Größe zur Aufforstung bedeuten.

Im Dezember stellt die GAB ihre Pläne vor, die Kapazität der Müllverbrennungsanlage von 80.000 auf 200.000 Tonnen pro Jahr zu erhöhen. Das Investitionsvolumen bis 2015 soll etwa 115 Millionen Euro betragen. Zudem gibt es Interesse an der Übernahme einer Elmshorner Entsorgungsfirma.

Führen Spuren des Giftmordes am russischen Regimekritiker Alexander Litwinenko nach Haselau? Auf einem Anwesen an der Altendeicher Chaussee werden im Dezember an vier Stellen Anhaftungen des radioaktiven Stoffes Polonium entdeckt. Es gibt später Entwarnung. Ein Bekannter des Ermordeten hatte am Tag der Vergiftung mit dem späteren Opfer in London einen Tag verbracht.

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