Verkehr Pinneberg

Tödliche Radunfälle: So sicher ist der Lkw-Abbiegeassistent

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Neele Lange und Nico Binde
Die KViP stattet Busse in Elmshorn jetzt mit Abbiegeassistenten aus.

Die KViP stattet Busse in Elmshorn jetzt mit Abbiegeassistenten aus.

Foto: KViP

Busunternehmen im Kreis Pinneberg setzt als eines der ersten auf Technik zum Schutz von Radfahrern. Wo dennoch Gefahren lauern.

Kreis Pinneberg.  Immer mehr Fahrzeuge im Kreis Pinneberg werden mit Abbiegeassistenten ausgerüstet. Nachdem vor zwei Jahren die Rellinger Spedition Schnellhans noch das einzige Unternehmen im Kreis war, das auf dieses elektronische Hilfssystem zum Schutz von Radfahrern beim Abbiegen von Lkw gesetzt hat, rüstet nun auch die Kreisverkehrsgesellschaft in Pinneberg (KViP) alle ihre 60 Busse damit aus.

Im Elmshorner Stadtverkehr sind bereits sämtliche Omnibusse mit der Technologie ausgestattet worden. Zuvor haben etwa die Feuerwehren in Holm und Tornesch ihre Fahrzeuge mit dieser Sicherheitstechnik versehen – wie knapp 50 andere Wehren in Schleswig-Holstein.

Fahrrad: Lkw-Abbiegeassistenten können viele, aber nicht alle Unfälle verhindern

Doch wie sicher ist das System? Gerade nach dem tödlichen Radunfall vor ein paar Tagen in Hamburg-Bramfeld, bei dem ein 47 Jahre alter Radfahrer trotz Abbiegeassistent von einem Lkw überrollt wurde, stellt sich vielen Beobachtern diese Frage. Denn eigentlich dürften solche Unfälle mit eingebautem Abbiegeassistenten nicht mehr passieren. Soll die Technik den Fahrerinnen und Fahrern von großen Fahrzeugen doch mittels Kameratechnik einen besseren Überblick verschaffen und mit integrierten Warnfunktionen auf mögliche Gefahren im toten Winkel hinweisen.

Einig sind sich Experten darin, dass Abbiegeassistenzsysteme erheblich zur Verbesserung der Verkehrssicherheit beitragen und Unfälle zwischen rechtsabbiegenden Lastwagen und ungeschützten Verkehrsteilnehmern wie Fußgängern und Radlern verhindern. Nach Schätzungen des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) und der Unfallforschung der Versicherer könnten so mehr als 60 Prozent der schweren Unfälle vermieden werden.

Einen hundertprozentigen Schutz bieten auch Abbiegeassistenten nicht. Dennoch könnten dadurch etwa 200 schwere Unfälle von Radfahrern pro Jahr aus der Statistik verschwinden. Schätzungen des ADFC zufolge sind in Deutschland aber erst weniger als zehn Prozent der gemeldeten Lkw mit Abbiegeassistenten ausgestattet

Abbiegeassistent: So warnt das System vor Fahrradfahrern

Vor diesem Hintergrund will nun auch die KViP mit gutem Beispiel vorangehen. Nach den Bussen in Elmshorn soll die Umrüstung der Fahrzeuge in Uetersen folgen. Laut Jessica Bruns, Betriebsleiterin der KViP mbH, erhöht das System „die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmer erheblich.“ Zumal die Stadt Elmshorn seit Kurzem auf eine Erhöhung des Radverkehrs setzt. Deshalb sei das Sicherheitssystem an den Stadtbussen auch im Hinblick darauf von großer Bedeutung.

Das Abbiegeassistenzsystem bei der KViP basiert ebenfalls auf Kameras, die den Verkehrsraum auf der rechten Fahrzeugseite überwachen. Mithilfe einer intelligenten Bewegungserkennungs-Software warnt das System den Fahrer durch ein akustisches Signal, wenn Gefahr droht. Auf einem Monitor ist der Verkehrsraum im sogenannten toten Winkel besser sichtbar. So kann der Busfahrer Radfahrer und Fußgänger frühzeitig sehen.

Jeden Unfall verhindern kann die Sicherheitstechnik nicht

Die Technik greift allerdings nicht in die Fahrzeugsteuerung ein. Die großen Fahrzeuge werden weiterhin ausschließlich durch das Fahrpersonal, den Menschen, kontrolliert und geführt. Insofern sind Fehler möglich. Bei dem tragischen Unfall in Hamburg-Bramfeld etwa lag es weder am optimal mit Abbiegeassistent ausgestatteten Lkw noch am Fehler des Radfahrers. Bisherigen Erkenntnissen zufolge verketteten sich wohl die Ortsunkenntnis des Lkw-Fahrers mit den als „Angstweichen“ bezeichneten Radwegen mitten auf der Fahrbahn zu dieser Tragödie.

Um im Kreis Pinneberg etwas mehr Sicherheit auf die Straße zu bringen, plant die KViP nun, im Laufe des nächsten Jahres alle 60 Omnibusse auf den 20 Buslinien der Gesellschaft mit dem Assistenzsystem auszustatten.

KViP Vorreiter im HVV – Abbiegeassistent wird 2024 Pflicht

Damit gilt die KViP nicht nur im Kreis als Vorreiter.Auch innerhalb des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) ist es eines der ersten Beförderungsunternehmen, die mit der Umrüstung begonnen haben. Laut Unternehmensangaben erreicht die KViP die Neuausstattung der kompletten Busflotte noch weit vor der gesetzlichen Frist.

Laut EU-Verordnung sind die Abbiegeassistenzsysteme bei neuzugelassenen Stadtbussen erst ab dem Jahr 2024 verpflichtend. In Hamburg wurde bereits im vergangenen Jahr damit begonnen, sämtliche Lastwagen von städtischen Unternehmen wie Müllabfuhr oder Feuerwehr mit den Abbiegeassistenten auszustatten.

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