Kreis Pinneberg

Riesige illegale Altreifendeponie schrumpft nur langsam

| Lesedauer: 7 Minuten
Burkhard Fuchs
6000 Tonnen alter Reifen wurden bereits abtransportiert – noch einmal die gleiche Menge könnte auf der Deponie in Groß Offenseth liegen.

6000 Tonnen alter Reifen wurden bereits abtransportiert – noch einmal die gleiche Menge könnte auf der Deponie in Groß Offenseth liegen.

Foto: Burkhard Fuchs / HA

6000 Tonnen der seit 2007 herumliegenden Reifen wurden auf Landeskosten entsorgt – doch es sind noch mindestens 4000 Tonnen übrig.

Groß Offenseth-Aspern.  Rund 6000 Tonnen Jahrzehnte alte und zum Teil geschredderte Reifen sind abtransportiert. Und immer noch türmen sich die Altreifenberge meterhoch. Bis Ende November sollen noch weitere 2000 Tonnen von diesem 9000 Quadratmeter großen Gelände an der Hauptstraße in Groß Offenseth-Aspern per Lkw über Bremen per Schiff zur Entsorgung in die Türkei verbracht werden.

Reifendeponie: Zwei Millionen Euro für Entsorgung

Dann verbleiben noch 4000 bis 6000 Tonnen an Reifenbergen, die aber durch die neu geschaffenen Zwischenräume, sogenannte Brandgassen, im Brandfall von Feuerwehrkräften gelöscht werden könnten. Gemeinde, Brandschützer und Kreispolitiker wünschen sich, dass auch dieser Rest an möglicher Brandgefahr und Belastung für Umwelt und Boden beseitigt wird. Doch in diesem Fall müsste sich auch der Kreis Pinneberg finanziell an der Entsorgung der Altreifen beteiligen, kontert das Land. Es trägt bisher die Entsorgungskosten von etwa zwei Millionen Euro allein.

Baggerfahrer Hubert Sager ist hier seit Mai fast täglich im Einsatz. Mit seiner Baggerschaufel gräbt er sich von oben in den Reifenberg, trägt so Meter für Meter ab, lädt sie auf den Truck von Lkw-Fahrer Mirko Wehrmann, bis der voll ist. Dann kommt die nächste 25-Tonnen-Ladung dran. Rund 250 Sattelschlepper voll sind schon abgefahren. Eine mühsame und langwierige Arbeit, die aber nicht zu übersehen ist: Zwischen den Altreifentürmen sind jetzt solche Abstände, dass hier schwere Fahrzeuge wie Lkw oder Feuerwehrfahrzeuge Platz hätten. Das war vorher nicht der Fall. Da lagen die Reifen über das ganze Gelände dicht an dicht meterhoch wie ein einziger, riesiger schwarzer Haufen.

Reifendeponie: Anlage ist seit 2007 illegal

Jahrzehntelang hatte der Eigentümer, der namentlich nicht genannt werden will, mit den Reifen gehandelt und diese der Zementindustrie zur Verfeuerung angeboten. Bis vor etwa 20 Jahren der Absatz stockte und er die Altreifen nicht mehr los wurde. Im Jahr 2007 widerrief das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) seine im Jahr 2001 erteilte Betriebserlaubnis für den Altreifenhandel. Doch die Reifenberge türmten sich weiter auf – bis heute.

Nach jahrelangen Verhandlungen zwischen den Kreis- und Landesbehörden einigten die sich wie berichtet schließlich darauf, einen Teil der Reifenberge zu räumen. Für 4000 Tonnen, die als die Hälfte der Altreifenmasse galt, wollte das Land die Entsorgungskosten von rund einer Million Euro tragen. Als es dann im Frühjahr losging, stellte die Entsorgungsfirma schnell fest, dass es wohl mindestens 12.000 Tonnen sein dürften, die hier lagerten.

Rudi Steinmetz, der vom LLUR beauftragte Altreifenentsorger, dessen Baggerfahrer im Einsatz ist, schätzt die Gesamtmenge inzwischen sogar auf 14.000 Tonnen. Das Land hat daraufhin in Sommer nach einem weiteren Vor-Ort-Termin den Auftrag um nochmals 4000 Tonnen erhöht.

Deponie: Altreifen aus Brandschutzgründen teilweise geräumt

Die Menge und vor allem das Gewicht der Altreifen seien schwer einzuschätzen, erklärt Behördensprecher Martin Schmidt. Ein Großteil der Altreifen sei bereits zerschreddert und würde so dicht gepresst viel schwerer sein als es der äußere Anschein erwarten lässt. „So stellte sich heraus, dass etwa die doppelte Menge geräumt werden muss, um die erforderlichen Brandgassen herstellen zu können“, sagt er. „Damit liegen wir dann bei einer Summe zwischen 1,5 und zwei Millionen Euro.“

Für das Land ist damit die größte Gefahr gebannt. Auch wenn LLUR-Sprecher Schmidt selbst es für die beste Lösung hält, alles abzutragen. Damit wäre gewährleistet, dass keine zusätzlichen Altreifen auf dem Gelände abgelagert werden könnten, ohne dass dies auffiele. Und der Kreis Pinneberg sparte sich regelmäßige Kontrollgänge. Die Sache hätte aber „viele Wenn und Aber“, so Schmidt. „Wenn dann auch der Rest noch geräumt werden sollte, dann wissen wir bis zum Abschluss der Räumung auch nicht, ob es dann die kalkulierten knapp 4000 Tonnen sind, denn die Berechnungen können nur nach abgeschätztem Volumen erfolgen.“ Das Gewicht könne man schließlich nicht vorher bestimmen und die Abrechnung erfolge nach wirklich abtransportierter Menge. Schmidt: „Sollte es sich auf diese etwa 4000 Tonnen belaufen, wäre das dann nochmals etwa eine gute dreiviertel Million Euro.“

Wer soll für die Entsorgung der Altreifen zahlen?

Über diese Kostenaufteilung müssten sich aber Kreis und Land erst einig werden. Das sollte eigentlich schon geschehen sein. So hatte der Ausschuss für Sicherheit und Ordnung des Kreistages Ende Mai auf Antrag der Grünen beschlossen, dass er „die vom Land angekündigte Teilräumung zur Herstellung von Brandabschnitten auf dem ehemaligen Reifenhof nicht für ausreichend“ halte.

„Stattdessen fordern wir das Land auf, die gesamte Fläche zu räumen und zu sanieren. Dazu bitten wir die Landrätin, erneute Gespräche mit dem Umweltministerium aufzunehmen. Bis dahin sollte ein Konzept zur Sicherstellung im Brandfall erstellt werden.“ Eine finanzielle Beteiligung des Kreises Pinneberg an den Kosten einer Gesamträumung werde abgelehnt, so der Beschluss.

Der Landrätin sei es bislang noch nicht gelungen, mit dem Umweltministerium darüber zu sprechen, sagt Thomas Grabau (Grüne), Vorsitzender des Umweltausschusses. Was die Kreissprecherin Silke Linne bestätigt. „Wir haben Kontakt mit dem Umweltministerium aufgenommen. Es steht ein Termin an.“ Für Kreispolitiker Grabau hat sich an den Vorzeichen nichts geändert. „Das ist eine Aufgabe des Landes, für die es auch die Kosten zu übernehmen hat.“

Feuerwehr und Bürgermeister wollen Kompletträumung

Groß Offenseths Bürgermeister Werner Schlüter plädiert ebenfalls für eine Kompletträumung: „Die Teilräumung der Altreifen ist schon mal was, befriedigend ist sie aber nicht.“ Auch wenn „das Land meint, es habe damit seine Pflicht erfüllt“.

Ähnlich äußern sich die Brandschützer. Groß Offenseths Wehrführer Björn Mohrdieck sagt: „Wenn alles wegkäme, würden wir Hurra schreien.“ Es sei zwar schon eine Menge passiert, aber eine Feuerwehrübung vor drei Jahren auf dem Gelände habe gezeigt, dass die Wasserversorgung im Brandfall schwierig sei. „Und das ist nach wie vor eine arg gefährliche Mega-Brandlast.“ Und der Kreis- und Landeswehrführer Frank Homrich sagt: „Wenn alle Altreifen weg wären, wäre es natürlich schöner. Aber es muss auch bezahlbar bleiben.“ Der Eigentümer will sein Gelände dem Land überlassen. Allerdings soll sich darauf noch eine Grundschuld befinden

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