50 Jahre in 50 Wochen

2001 – Bürger gehen gegen Rechts auf die Straße

| Lesedauer: 12 Minuten
Frederik Büll
In Farbe: Titelseite der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 2001.

In Farbe: Titelseite der Pinneberger Zeitung aus dem Jahr 2001.

Foto: Alexander Sulanke

Diesmal geht es um 2001, als auch Angst vor Terror wuchs, der Euro ankam – und die „PZ“ bunt wurde.

Kreis Pinneberg.  Elmshorn wird zur Demonstrationsstadt der politischen Gesinnungen. 1800 Menschen protestieren im Januar gegen Neonazis. 1200 Polizeibeamten sind aufgeboten, um ein Zusammentreffen mit 250 Rechten zu verhindern. Ein zwielichtiger Geschäftsmann verkauft unterdessen auf Helgoland abgelaufene Lebensmittel mit einem neuen Etikett. Kannst du nicht knicken: Der zweimal eingestürzte Neubau einer Sporthalle in Halstenbek, Knick-Ei genannt, soll nun doch vollendet werden – auf Beschluss der CDU, FDP und SPD. Quickborn wird Mittelstadt, weil die 20.000 Einwohner-Grenze geknackt wird.

Zahl der Arbeitslosen konstant, Angst vor BSE

Aufwärts geht es auch mit den Erwerbstätigen: Der Jahresdurchschnitt ist erstmalig nach vier Jahren kon­stant unter 20.000 Arbeitslosen im Kreis Pinneberg geblieben. Zu einer Sicherung des Fortbestandes kommt es in Tornesch-Ahrenlohe: In der Müllverbrennungsanlage soll ab 2005 auch der Haushaltsunrat aus den Kreisen Steinburg und Dithmarschen verbrannt werden. Dieser Dreier-Bund sei zudem ein „klares Signal gegen die Privatisierung der Abfallentsorgung“, schreibt das Abendblatt. Im Sommer aber gehen 49 Prozent der GAB an eine Tochter des Stromversorgers RWE.

Obwohl es täglich bundesweit neue Fälle der Rinderseuche BSE gibt, sollen die Verbraucherzentralen im Kreis Pinneberg schließen. Grund sind Kürzungen der Landesregierungen. Von einst 18 Einrichtungen ist eine Reduzierung auf drei Anlaufstellen landesweit der Plan. Flächendeckend hingegen gibt es Autos im Kreis Pinneberg. 204.931 sind bis Ende 2000 zugelassen. Spitzenreiter ist Rellingen mit statistisch gesehen 79,5 Autos je 100 Einwohner.

Die Firma Yageo Europe (davor Vitrohm), Hersteller von passiven Bauteilen, unter anderem im Bereich der Elektrotechnik bei Chipwiderständen aktiv, verlässt im Februar Pinneberg und zieht nach Elmshorn. Damit verliert die Kreisstadt einen der besten Gewerbesteuerzahler. In Elmshorn soll ein Logistikzen­trum für 20 Millionen Mark entstehen.

Kaltblütiger Mord in Pinneberg

Im März werden erstmals Frauen an der Unteroffizierschule der Luftwaffe in Appen ausgebildet. Desy (Deutsches Elektronen-Synchrotron) plant das mindestens 7,6 Milliarden Mark teure Projekt „Tesla-Tunnel“, einen unterirdischen, 33 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger für Forschungszwecke von Hamburg-Bahrenfeld quer durch den Kreis bis nach Westerhorn. Dazu soll ein wissenschaftliches Zentrum in Ellerhoop errichtet werden. Die Planer der Autobahn 20 favorisieren eine Trasse durch Elmshorn und Uetersen. Der Krückau und Pinnau soll dann möglichst der Status als Bundeswasserstraße abgesprochen werden, damit flache Querungen (5,25 Meter bis zwölf Meter Höhe) ausreichen. Dagegen formiert sich Widerstand aus Frachtschifffahrt und Freizeitseglern.

Im Kreis gibt es einen ersten Verdachtsfall für BSE und auch die Maul- und Klauenseuche. Ein Betrieb hat eine Lieferung Schweinefleisch aus England erhalten, die konfisziert wird. Zudem lebt ein möglicherweise erkranktes Rind auf einem Hof. Die Probe soll in Tübingen untersucht werden. Später gibt es Entwarnung in beiden Fällen.

Ein kaltblütiger Mord erschüttert Pinneberg: Weil ein Disco-Türsteher zwei Männern Hausverbot erteilt, wird er ein paar Stunden später erschossen. Drei Männer flüchten in einem Auto mit Hamburger Kennzeichen. Es gibt eine Öffentlichkeitsfahndung mit Namen und Foto, nach und nach stellen sich alle Verdächtigen der Polizei, der letzte fünf Monate nach der Tat.

Zu Fuß in 40 Stunden durch die Sahara

„Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, die vielfältigen Möglichkeiten der Optimierung von Geschäften über das Internet aufzuzeigen“, sagt Walter Kiersch. Er informiert bei einer Veranstaltung Wedeler Mittelstandsunternehmen über Themen rund um den virtuellen Markt, „neudeutsch e-commerce“.

Das Thema Turbo-Abi in acht statt neun Jahren Schulzeit kommt auf: Mit dem Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Quickborn gibt es die erste Schule, die es ab Sommer mit 20 neuen Fünftklässlern probieren wird. Andere zögern noch.

Kein Aprilscherz: Der Pinneberger Sven Oertel nimmt am 243 Kilometer langen „Marathon des Sables“ teil und will sich durch die Sahara kämpfen. Mit im Reisegepäck hat der Extremsportler auch ein Schlangenbiss-Set. Er mag diese „Schwerstvergnügen“ und kommt nach 40 Stunden und 51 Minuten im Ziel an.

Bombendrohung in Pinneberger Tankstelle

Der traditionelle Wedeler Ochsenmarkt findet erstmals ohne Rinder statt. Ebenfalls aus Angst vor der grassierenden Maul- und Klauenseuche werden Heidschnucken und Galloway-Rinder von der Insel Helgoland aufs Festland verlegt, um den Tourismus wegen möglicher folgender Sperrung nicht zu gefährden. Im Fall des vorgetäuschten Todes inklusive einer Sprengung eines Schiffes auf der Elbe vor Hetlingen im April 1994 und einer Flucht bis 1999 fällt das Urteil: 13 Monate auf Bewährung. Der Verurteilte wollte Versicherungen um 1,1 Millionen Mark prellen.

Mit einer Bombe droht auch ein Anrufer bei einer Pinneberger Tankstelle: „Ich habe die hohen Benzin-Preise satt. Ich will den Bonzen eins auswischen“, lautet die Durchsage um 6.05 Uhr. Nach einer Evakuierung gibt die Polizei, auch dank der Hilfe von Sprengstoffhunden, drei Stunden später Entwarnung.

Der Elmshorner Punker Andreas Forte (30) kündigt im Mai an, dass er gern Bürgermeister werden möchte, und sorgt mit seinem Vorhaben bundesweit für Aufsehen. Bis September ist er für die Stadt als Streetworker in der Drogenberatung angestellt. Anschließend hofft er, ohne neue Lücke im Lebenslauf im September den Posten zu bekommen. Er setzt sich für mehr Bürgerbeteiligung in der Politik ein. Immerhin gibt es 1500 Stimmen und damit 8,1 Prozent.

Popstars geben Konzert in Wedel

Gute Stimmung in Wedel: Die Band Pur gibt im Juni ein Konzert an der Elbe. 20.000 Fans jubeln Hartmut Engler und Co zu. Bereits am frühen Vormittag „begann die Völkerwanderung“. Die ersten Fans kamen um 9 Uhr, elf Stunden vor Konzertbeginn, zum Veranstaltungsort. Und tatsächlich: Es wird von „Wahnsinn pur“ geschrieben. Dazu passt auch, dass sich drei Freunde der „Treckerfrünn Rantzau“ mit drei historischen Fahrzeugen von Ellerbek aus zu einem Traktorentreff auf den Weg nach Sachsenkam – südlich von München – aufmachen. 914 Kilometer sind sie unterwegs. Maximal Tempo 30 ist drin. Acht Tagen wollen sie brauchen. Die größte Sorge: „Hoffentlich regnet es nicht dauernd. Schließlich fahren wir alle Voll-Cabrio.“

Probleme bereiten vielen Bürgern die mobilen Telefonkosten. Das Abendblatt titelt: „Die dunkle Seite des Handy-Booms“. Jugendliche, aber auch Erwachsene, werden immer häufiger bei der Schuldnerberatung vorstellig. Etwa zehn Prozent der Gesamtberatungen der Awo-Stelle in Pinneberg beziehen sich auf Bürger, die ihre Rechnungen „nicht selten über mehrere hundert Mark bis hin zu 3000 Mark im Monat“ nicht zahlen können.

Im Juli sorgt landesweit eine Pinneberger Pflegeeinrichtung für Negativ-Schlagzeilen. Wegen erwiesener Pflegeschäden an Senioren muss die Einrichtung schließen. Eine geplante Demo von Rechtsradikalen in Elmshorn wird vom Oberverwaltungsgericht Schleswig verboten, der „Move gegen Rechts“ darf stattfinden. Die Neonazis klagen erneut – die Verbotsentscheidung wird vom Bundesverfassungsgericht bestätigt. Kein Stopp in Sicht: Das Knick-Ei in Halstenbek soll bei möglicher Fertigstellung über 20 Millionen Mark kosten.

Euro-Münzen verdrängen die Deutsche Mark

Seit etwa einem Jahr gibt es die Greencard für ausländische Computerspezialisten. 15 Genehmigungen gibt es bis zum August im Kreis Pinneberg. Ein Slowake findet seinen Job bei einer Firma für Telefon-Software super, andere Dinge nerven ihn an Deutschland. Es ist die Bürokratie: Erst die Kosten, den Führerschein umschreiben zu lassen. Dann beim Versichern seines neuen Autos werden ihm die sechs Jahre Führerscheinbesitz in seiner Heimat nicht angerechnet. Eine indische Programmiererin ist mit Hamburg und Rellingen rundum zufrieden und möchte bleiben: „Ich arbeite und will mir Europa angucken.“

Derweil werden die Blutkonserven immer knapper. Nun lockt der Blutspendedienst Pinneberg mit Geld. Zu den üblichen 23,50 Euro – ab 1. Januar 2002 gibt’s nur noch Euro! – pro „Vollblut-Spende“ im Kreiskrankenhaus gibt es bei der zehnten Spende einen Zehner dazu. Auch für die Anwerbung eines neuen Spenders folgen zehn Euro Bar-Prämie. Bis zum Herbst soll es für jeden Spender auch ein Eis geben.

Apropos Euro: Anfang September schwebt er ein. Und das publikumswirksam. 13 Tonnen Münzen im Wert von 1,6 Millionen Mark – gesichert von Polizisten mit Maschinenpistolen – werden in Containern direkt vor der Tiefgarage der Volksbank in Elmshorn abgeliefert. Die Berliner Straße wird einseitig 90 Minuten gesperrt. Bei anderen Euro-Auslieferungen hat die Polizei weniger zu tun. Ein Sprecher sagt: „Die Unauffälligkeit ist doch auch die beste Sicherheit.“

Anschläge vom 11. September verändern die Welt

Am 11. September erschüttern die Terroranschläge in den USA die gesamte Welt. Viele Abendblatt-Mitarbeiter haben Kinder und fragen sich, wie das Thema in den Schulen aufbereitet wird. Ein Redakteur besucht die 4c der Helene-Lange-Schule. Schon im Schulflur hängen gemalte Bilder von brennenden Wolkenkratzern und Flugzeugen, versehen mit Texten und Gedichten. Viele Schüler haben Angst vor einem dritten Weltkrieg – ein Junge türkischer Abstimmung zeigt sich in jungen Jahren enorm weise und warnt davor, alle Muslime über einen Kamm zu scheren. Er spricht von „einigen Radikalen“.

Im Rahmen der Rasterfahndung gehen Anfragen der Ermittler über Personen aus dem Hamburger Dunstkreis der Attentäter bei der Pinneberger Ausländerbehörde ein. Veranstaltungen im Kreis Pinneberg, mit Ausnahme von Gottesdiensten und Andachten, werden abgesagt. Ein mutmaßlicher Terrorhelfer war zwei Jahre als Asylbewerber hier gemeldet und hat 1997 zehn Tage in einer Baumschule gearbeitet. Nach der Entlassung verliert sich seine Spur. 2002 wird er in Pakistan gefasst und kommt ins US-Gefangenenlager Guantanamo.

Die Angst vor weiteren Terror-Anschlägen bleibt allgegenwärtig: Es gibt einen Run auf Schutzmasken, um sich vor Biowaffen zu schützen. Ein Halstenbeker Experte warnt vor „obskuren Geschäftemachern“. Eine Postmitarbeiterin aus Klein Offenseth-Sparrieshoop erzählt nach Feierabend zu Hause von einem verdächtigen Pulver, das sie beim Hantieren mit Briefen und Paketen im Amt in Barmstedt gespürt habe. Dazu kommt nun plötzlich ein Juckreiz. In den USA gibt es Milzbrand-Fälle nach Anthrax-Sendungen. Es wird Terror-Alarm ausgelöst und alles auf den Kopf gestellt. Die Anspannung ist riesig. Gefunden wird nichts. Auch die Wasserwerke sollen künftig besser geschützt werden – so eine von vielen Forderungen.

Neue Rettungsleitstelle in Elmshorn

Nach monatelanger Fahndung wird „Schinken-Siggi“, Ex-Chef eines Rellinger Bordells, in Spanien gefasst. Vorwurf: Beschäftigung illegal eingeschleuster Prostituierten ohne Aufenthaltserlaubnis in Deutschland.

Im November beginnt der Wahlkampf für den Pinneberger Bürgermeisterposten, der im Februar 2002 erstmals direkt von den Bürgern bestimmt wird. Bislang stehen als Kandidaten fest: Amtsinhaber Horst-Werner Nitt (SPD), Herbert Hoffmann (SPD), der bei der Stadt beschäftigte Bauingenieur Kurt Schoula und Hartmut Nitz (Partei Bibeltreuer Christen). Zudem schreibt das Abendblatt von „Klein-Venedig“. Gemeint ist der alte Rellinger Ortskern, der bei nassem Wetter oft unter Wasser steht – nun wird jener trockengelegt.

Den Grünen geht auf Kreis-Ebene Kompetenz verloren: Weil die Bundestagsfraktion für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr stimmt, verlassen viele bekannte Gesichter ihre Partei. Der „ewige“ Ernst Dieter Rossmann (SPD) wird im Dezember erneut zum Bundestagskandidaten seiner Partei gekürt. Koordiniert geht es auch in Elmshorn zu: Die neue gemeinsame Rettungsleitstelle für die Kreise Pinneberg, Steinburg und Dithmarschen beginnt ihre Arbeit.

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