Bundestagswahl

Wahlanalyse: Verliert Pinneberg an Einfluss in Berlin?

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Burkhard Fuchs
Großer Jubel in Pinneberg: SPD-Mitglieder feiern den Sieg ihres Direktkandidaten Ralf Stegner (etwas verdeckt rechts in der Bildmitte).

Großer Jubel in Pinneberg: SPD-Mitglieder feiern den Sieg ihres Direktkandidaten Ralf Stegner (etwas verdeckt rechts in der Bildmitte).

Foto: Burkhard Fuchs

Stegner (SPD) gewinnt Mandat direkt, von Abercron (CDU) ist raus, Rösch (FDP) hofft noch, Nachbarn helfen.

Kreis Pinneberg.  Politische Zeitenwende im Kreis Pinneberg. Erstmals seit 2002 hat die SPD den Wahlkreis gewonnen. Ralf Stegner (61) siegte mit fast 10.000 Stimmen Vorsprung vor Michael von Abercron (CDU, 68), der im Vergleich zu 2017 fast 14,5 Prozentpunkte verlor und dem neuen Bundestag nicht mehr angehören wird.

CDU stellt keinen Bundestagsabgeordneten mehr

„Damit verliert der Kreis Pinneberg deutlich an Einfluss in Berlin“, meint von Abercron, weil der Kreis künftig mit Stegner nur noch von einem Abgeordneten vertreten sein werde. Vor allem aber gilt das für seine eigene Partei: Erstmals seit 1976, als Adolf Francke (CDU) aus Wedel gegen Reinhard Ueberhorst (SPD) aus Elmshorn verlor und auch nicht über die Landesliste in den Bundestag einzog, stellt der CDU-Kreisverband Pinneberg keinen Bundestagsabgeordneten mehr.

„Für uns ist das ein herber Verlust“, sagt CDU-Kreischef Christian von Boetticher. Er habe noch am Wahlabend Kontakt zu Mark Helfrich (43) aus Itzehoe aufgenommen, der sein Mandat mit 70 Stimmen Vorsprung verteidigt hat, damit er Pinneberg für die CDU vertrete.

Ganz allein ist Stegner aber nicht. Cornelia Möhring (61), die dem Bundestag seit 2009 angehört, ist für die Linken zum zweiten Mal im Wahlkreis Pinneberg angetreten und über die Landesliste gewählt worden. Sie lebt im Kreis Plön, unterhält aber ein Wahlkreisbüro in Elmshorn. „Ich fühle mich natürlich Schleswig-Holstein verbunden, aber im besonderen Maße dem Kreis Pinneberg“, sagte sie am Montag dem Abendblatt und sprach von einem „katastrophalen Ergebnis“ für ihre Partei.

Grünen-Politikerin einzige Abgeordnete mit Wohnsitz im Kreis

Auch Ingrid Nestle (43), die für die Grünen im Nachbarwahlkreis Steinburg-Dithmarschen-Süd angetreten und ebenfalls über die Landesliste gewählt worden ist, hat seit einigen Jahren am Elmshorner Bahnhof ein Wahlkreisbüro. Sie sagte am Montag von Berlin aus: „Elmshorn ist auch mein Wohnsitz, und ich werde in engem Kontakt mit meinen grünen Parteifreunden auch den Kreis Pinneberg in Berlin vertreten.“

Damit ist die Grüne jetzt die einzige Abgeordnete aus dem Kreis. Denn weder Stegner noch Möhring leben hier. Und falls die FDP der nächsten Bundesregierung angehören und einer ihrer Abgeordneten aus Schleswig-Holstein Minister werden sollte, würde Philipp Rösch (42) aus Sparrieshoop in den Bundestag nachrücken. „Ich wäre als nächstes dran“, sagte er am Montag. „Morgen werde ich aber erst mal meinen Job im Vertrieb einer Spirituosenfirma wieder antreten.“ Sechs Wochen Auszeit hatte sich der FDP-Kreistagsabgeordnete für den Wahlkampf genommen.

Stegner erzielt fünftbestes SPD-Ergebnis in Schleswig-Holstein

Wahlsieger Stegner widerspricht vehement der These, der Kreis verliere an Einfluss. „Das kann nur der politische Gegner so sehen“, sagt er. „Mir ist noch nie mangelnde Durchsetzungskraft nachgesagt worden.“ Im Gegenteil. Im Wahlkampf hätten ihm einige Bürger auf der Straße gesagt: „Ihre Partei wähle ich sonst zwar nicht, aber Sie können bestimmt was durchsetzen“, zitiert Stegner. „Es ist ein Vorteil, wenn man bekannt ist“, sagt der frühere Innen- und Finanzminister und langjährige Fraktionschef der SPD im Landtag.

Bis Mitternacht am Wahlabend habe er mit einigen Genossen und Vertrauten im SPD-Kreisbüro in Pinneberg gewartet, bis endgültig feststand, dass er den Wahlkreis wie sieben andere SPD-Kandidaten in den elf Wahlkreisen im Land direkt gewonnen hat – mit 31,3 Prozent erzielte er das fünftbeste Einzelergebnis im Land. „Das ist schon ein klarer Erfolg für uns“, sagt Stegner. Bei den Zweitstimmen liegt die SPD im Kreis Pinneberg 1,3 Punkte über dem Landesdurchschnitt. „Wir haben sogar in den CDU-Hochburgen gewonnen“, so Stegner.

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„Historisch schwere Niederlage für die CDU“

Einer der Hauptgründe dafür sei der engagierte Wahlkampf gewesen, der erstmals alle 49 Städte und Gemeinden einbezog, sagt die stellvertretende Kreisvorsitzende Elke Schreiber. „Wir haben sogar in den Dörfern Präsenz gezeigt, in denen wir noch nicht einmal einen Ortsverein haben.“ Beim Infostand vor Aldi in Halstenbek habe ein Bürger überrascht gesagt: „Das hat es doch noch nie gegeben, dass hier ein SPD-Bundestagskandidat stand.“

Von Abercron sagt: „Das ist eine historisch schwere Niederlage für die CDU.“ Er erklärt sie sich mit dem Kandidaten Armin Laschet. Markus Söder wäre der bessere gewesen. Darum sei er schon bei der Kandidatenkür „überzeugt gewesen, dass wir die Wahl verlieren. Das hat sich leider bewahrheitet.“ CDU-Kreischef von Boetticher sieht noch andere Gründe. So habe die FDP mit Kandidat Rösch einen ehemaligen Kreisvorsitzenden der Jungen Union aufgestellt, womit das Stimmensplitting bei der Erststimme nicht für die CDU ziehen konnte. Und im Übrigen habe die SPD „keine Fehler gemacht und ruhig und solidarisch voll hinter Olaf Scholz gestanden, auch als der noch bei 15 Prozent in den Umfragen lag“.

Jetzt kommt es auf die Grünen und die FDP an

Von Abercron sagt, die CDU solle in die Opposition gehen. „Einen Regierungsanspruch hat die CDU mit diesem Ergebnis mit Sicherheit nicht.“ Von Boetticher will Laschet da noch nicht abschreiben: „Der hört erst auf, wenn Olaf Scholz zum Kanzler gewählt ist.“ Die Konstellation für SPD und CDU sei „absolut identisch“. Die Gretchenfrage sei, ob die Grünen sich eher dem schwarz-gelben Lager oder die FDP eher dem rot-grünen anschließen werden.

Grünen-Kandidat Jens Herrndorff sagt, dass hänge davon ab, wie sich die anderen Parteien zum Klimaschutz stellten. „Da machen wir Grünen keine Kompromisse.“ Auch der liberale Rösch ist offen, was die mögliche Koalition angeht. „Da bin ich völlig neutral. Wichtig ist, dass die Inhalte stimmen.“ Und die müssten den Klimaschutz mit „marktwirtschaftlicher Vernunft“ verknüpfen.

Den Verlauf des Wahlabends können Sie in unserem Newsblog zur Bundestagswahl im Kreis Pinneberg nachlesen.

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