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Schulen marode – großer Sanierungsstau im Kreis Pinneberg

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Frederik Büll
Die Titelseite der Pinneberger Zeitung vom 13. Juli 2000.

Die Titelseite der Pinneberger Zeitung vom 13. Juli 2000.

Foto: Alexander Sulanke

Der Einheitsstil der Bauten ist anfällig. Zudem herrscht Angst vor einem Blackout und Uli Stein spielt in Pinneberg. Aus dem Archiv.

Kreis Pinneberg.  Hunderte von Technikern und Hilfskräften im Kreis Pinneberg verbringen die Silvesternacht vorsichtshalber an ihrem Arbeitsplatz. Und dann passiert am 1. Januar doch: nichts. Das Jahr-2000-Problem mit befürchteten Computer- und Systemabstürzen oder Stromausfällen und weiteren Horror-Szenarien bleibt aus.

Auf Gleis 6 des Pinneberger Bahnhofs durchbricht ein Zug beim Rückwärtsrangieren einen Prellbock und rutscht 25 Meter über das Gleisende hin­aus. Verletzt wird niemand, allerdings wird ein kleines Gebäude mit Steuerungstechnik zerstört. Es entsteht ein Sachschaden von mehreren hunderttausend Mark. Es wird menschliches Versagen vermutet.

Vor der Landtagswahl – erstmals werden zwei Stimmen in Schleswig-Holstein vergeben – kommen viele Spitzenpolitiker wie Angela Merkel, Joschka Fischer, Gerhard Schröder oder Wolfgang Schäuble in den Kreis. Ende Februar, nach der Wahl, kommt neben Rot, Schwarz und Grün auch Gelb aus Pinneberg in den Kieler Landtag.

Februar: Die erst dritte Tankstelle für Erdgas in Schleswig-Holstein wird in Tornesch-Ahrenlohe eingeweiht. Den „umweltfreundlichen Treibstoff“ gibt es bundesweit für 4500 erdgasbetriebene Autos an 120 Nachfüllstationen. Vor drei Jahren galten sie noch als „Totengräber der Gesundheitsvorsorge“. Nun kommen Präventionskurse mit der Gesundheitsreform 2000 bei Krankenkassen wieder in Mode. Vorn bei der „Renaissance der Rückenschule“ dabei: die AOK.

Eine Privatmaschine zerschellt vor der Zwischenlandung in Heist nach einem Pilotenfehler auf einem Acker in Appen. Ein Berliner Mode-Millionär und zwei Begleitpersonen sterben. Mit 200 Kilo Sprengstoff wird die marode LSE-Brücke in die Knie gezwungen. Neun Monate genießen Anwohner der Trasse eine autofreie Zeit. Bis Ende November soll termingerecht ein Neubau entstehen.

„Ich war völlig überrascht“, sagt Thorsten Berndt, langjähriger Kreis-Geschäftsführer der Grünen. Rainder Steenblock, Grünen-Politiker aus Elmshorn, zuletzt Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident, verzichtet nach der Wahl auf einen Platz im Kabinett. Er stand unter Dauerbeschuss, sein Abschied löst bei Wirtschaftsvertretern und Umweltschützern jedoch kaum Bedauern aus. Lediglich die eigene Parteibasis trauert.

Die Kegel-Mannschaft KSV Halstenbek hätte schon in der Vorsaison in die 1. Bundesliga aufsteigen können und hat nun wieder die Möglichkeit dazu. Doch es wird erneut verzichtet. Grund dafür ist das Regelwerk, das einen Sieg der Gästeteams kaum möglich macht. Der Gastgeber kann das Gewicht der Kegel bestimmen und auch am Neigungswinkel der Bahn herumschrauben. Zum Einspielen bleiben Gästen nur 30 Minuten. Diese Regeln würden es „praktisch unmöglich machen“, auswärts zu gewinnen, so der Halstenbeker Jörg Brustmann. Zumal die eigene Bahn in Pinneberg nicht manipuliert werden kann.

Um Kapitulation geht es in der Pädagogik. Es gibt immer mehr „Problemkinder“. Der Kreis gibt für schwer erziehbare Kinder 28,8 Millionen Mark Erziehungs- und Eingliederungshilfen aus. Dem stehen Einnahmen von 10,5 Millionen Mark gegenüber, größtenteils durch Landesbeteiligung. Seit 1994 gibt es einen Anstieg von vier Millionen Mark.

Im Bereich der Telekommunikation sind fast alle Haushalte mit Festnetztelefonie ausgestattet, zudem startet das Handy seinen flächendeckenden Siegeszug. „Telefonzellen sind out“, titelt das Abendblatt. Aktuelles Beispiel: In Halstenbek werden zwei Häuschen abgebaut. Von 112 öffentlichen Kommunikationsmöglichkeiten soll die Anzahl vorerst auf 102 im Kreisgebiet reduziert werden.

Aufgestockt werden muss das Budget der Basketballer vom SC Rist Wedel. Der neue Vorstand hat 14 Tage Zeit, um 150.000 Mark aufzutreiben, um den Konkurs abzuwenden. Hauptgläubiger des 600 Mitglieder starken Clubs ist die Stadtsparkasse. Später ist die Rede von 124.000 Mark. Auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung zeigen sich die Wedeler spendabel: Es kommen schnell 100.000 Mark zusammen und der Verein kann die Pleite abwenden.

Freude bei einem Pinneberger Ehepaar: Frieda (92) und Kurt Neurath (94) feiern ihre Gnadenhochzeit, seit 70 Jahren verheiratet. 1924 sahen sie sich in einer Turnhalle. Sie kam nicht übers Reck, jemand anderes gab Hilfestellung. Kurt: „Ich dachte: Wer quiekt denn da so?“. 1928 waren sie ein Paar. 1930 wurde geheiratet.

Torwart-Legende Uli Stein (45) wird Ersatztorwart beim VfL Pinneberg. Der Kumpel von VfL-Manager Detlef Kebbe soll mindestens einmal zum Einsatz kommen. Ex-Nationalkeeper Stein ist aber nur für den Notfall geplant, falls nach zwei verletzten Torhütern auch die Nummer drei, Henning Butt (Bruder des HSV-Keepers Hans-Jörg Butt) ausfallen sollte. Tatsächlich feiert Stein sein Pflichtspieldebüt für den VfL Ende April bei einem 3:1-Sieg gegen den Eichholzer SV.

Große Trauer: Der parteiübergreifend angesehene CDU-Politiker Gert Willner, Kreisvorsitzender und Bundestagsabgeordneter, stirbt im Alter von 59 Jahren nach schwerer Krankheit. 18 Jahre (1974 bis 1992) war er Bürgermeister in seiner Heimatstadt Quickborn.

Im Kampf gegen den Pflegenotstand und für eine bessere Betreuung von Senioren engagiert sich der Kreis finanziell: Für Fortbildungen der Arbeitskräfte und Ausbau von ambulanten und stationären Einrichtungen werden 550.000 Mark investiert. Weitere Anträge liegen bereits vor – für 8,8 Millionen Mark.

Die Stadtrechte in Pinneberg gibt es im April nun 125 Jahre. Das nimmt das Abendblatt zum Serien-Anlass. Im ersten Teil geht es um den Malerbetrieb Grill, den es seit der Vergrößerung vom Flecken zur Stadt gibt. Die Familie ist schon seit 300 Jahren in Pinneberg verwurzelt.

Ein Hamburger steht vor dem Landgericht Itzehoe, weil er seinen eigenen Tod inszeniert haben soll, um Versicherungsbetrug in Höhe von einer Million Mark zu begehen. Er ließ sein Schiff 1994 vor Hetlingen explodieren und flüchtete anschließend fünf Jahre quer durch die Welt, ehe er in Berlin gefasst wurde.

Falls die Bundesregierung ihre Pläne in die Tat umsetzt, sollen in Städten und Gemeinden, auch im Kreis Pinneberg, mit weniger Aufwand „Zonengeschwindigkeitsbegrenzungen“ in Wohngebieten entstehen können. Die Auflagen, Tempo-30-Zonen einzurichten, sollen gelockert werden. Bislang waren teure Umgestaltungsmaßnahmen nötig, um einen Bereich für eine reduzierte Geschwindigkeit ausweisen zu dürfen.

Gemächlich auf dem Anhänger eines Rasenmähertraktors dreht Eugen Igel vor seinem letzten Spiel im Mai mit Rasensport Elmshorn eine Ehrenrunde. Der Trainer geht nach elf Jahren, in denen er zwei Oberliga-Aufstiege, einen Pokalsieg und eine Hamburger Verbandsliga-Meisterschaft feiern kann.

Anfang Juni gelingt ein Schlag gegen das organisierte Verbrechen: Objekte in Hamburg, Pinneberg und Rellingen werden durchsucht, fünf Personen festgenommen. Seit 1996 sollen fast 200 Frauen – vornehmlich aus Osteuropa und Afrika – nach Deutschland geschleust worden sein, um sie zur Prostitution, auch in einem Rellinger Bordell, zu zwingen.

Mit einem großen Umzug feiern auch die Wedeler 125 Jahre Stadtrecht. Beschwingt schreibt der Abendblatt-Reporter: „Wedel, Wedel – wunderschön“. Vermutlich mit Insider-Wissen ausgestattet klauen Unbekannte motorisierte Go-Karts von der Indoor-Rennbahn in Rellingen und fahren damit nachts bis Schnelsen und Niendorf. Dort lassen die Täter die bis zu 70 km/h schnellen Karts zurück. In der darauffolgenden Nacht wiederholt sich der illegale Grand-Prix sogar noch einmal.

Bis zu 10.000 Zwangsarbeiter haben während der NS-Zeit im Kreis Pinneberg gearbeitet. Etwa 700 Firmen sind angeschrieben worden, einer Stiftung zur Entschädigung jener beizutreten. Dem Aufruf der IHK sind erst 13 Unternehmen erfolgt. Vermutlich ist die Angst vor Entschädigungsklagen groß.

„Die Retter der Riesenbabys“ lautet die Schlagzeile im Juli über die Klein-Offenseth-Sparrieshooper Firma Salvana. Im Bereich der Tiernahrung – seit 96 Jahren für Belange von Nutz- und Heimtieren am Start – ist das Unternehmen weltweit bekannt. So wird ein Elefanten-Baby im Berliner Zoo mit der Spezialmilch aufgepäppelt, ein Spitzmaulnashorn bekommt Fohlenmilch. Unterstützung erhoffen sich auch die Schulen: Immer mehr Bildungseinrichtungen, in den 1970er-Jahren in gleicher, vorgeschriebener Weise nach den Vorstellungen der Landesregierung errichtet, werden marode und müssten saniert werden. Eine AG aus Elmshorn und Pinneberg fordert einen Sonderfonds. Landesweit wird mit Investitionen von 250 Millionen Mark an den Schulen gerechnet.

„Zigtausende“ Radsport-Fans säumen im August die Straßen bei den Cyclassics, deren Strecke Jedermann-Fahrer und Profis wie Jan Ullrich oder Erik Zabel auch durch Schenefeld, Pinneberg, Appen, Holm und Wedel führt. Rasant sinken auch die Zahlen der Sozialhilfe-Empfänger: Die Daten von 1999 sind ausgewertet, der Kreis Pinneberg verbucht ein Minus von 12,5 Prozent und ist landesweit Spitzenreiter. Ein echtes Drama spielt sich während einer Theaterprobe in Wedel ab: Das Kostüm eines Laiendarstellers fängt Feuer. Angeleint in fünf Metern Höhe verbrennt er qualvoll.

Mit Bedauern und Wehmut wird im September 2000 der Abschied von der „guten alten D-Mark“ eingeleitet, die am 1. Januar 2002 vom Euro abgelöst wird. Dieses Unterfangen „ist ein gigantisches logistisches Vorhaben, das nicht nur überregional generalstabsmäßig geplant werden muss.“ In einem Jahr beginnt auch im Kreis Pinneberg das sogenannte Front-Loading, bei dem Banken mit dem neuen Geld bestückt werden.

Der Seester Schwimmer Heiko Hell (20) ist der einzige Olympia-Starter in Sydney aus dem Kreis. Er tritt in 400-Meter- und 1500-Meter-Freistil an und wird Neunter und Achter. Bissig: Schenefeld möchte die Hundesteuer für Kampfhunde ab Jahresbeginn von 80 auf 1000 Mark erhöhen. Somit wird der Kampfhund zum „Luxusgut“. Später rudert die Gemeinde wieder zurück.

In Pinneberg beginnt die Umgestaltung des Rathausplatzes. Im Oktober macht ein Bankräuber in Schenefeld mit 226.000 Mark ordentlich Beute: Er fängt drei Angestellte im Eingangsbereich ab, zwingt sie, im Keller den Tresor zu öffnen und kettet sie anschließend an die Heizung. Weil er nicht im Schalterraum war, existieren keine Fotos vom Täter.

Das „Knick-Ei“, die Sporthalle in Halstenbek, soll nach zweimaligem Einsturz ein drittes Mal mit neuen Geschäftspartnern aufgebaut werden. Die Kosten von 2,65 Millionen Mark möchte die Gemeinde auf dem Gerichtswege mit den bisherigen Partnern einsammeln.

Im November schließen 100 von 250 Arztpraxen im Kreis für einen Tag. Damit wollen die Mediziner gegen die Gesundheitsreform protestieren. Den „kranken Menschen sollen immer mehr Leistungen geboten werden, aber gleichzeitig wird dem Gesundheitssystem immer mehr Geld entzogen.“ Krankenkassen und Gesundheitsministerium verurteilen die Streik-Aktion. 700 Polizisten sind in Elmshorn im Einsatz, weil 50 Neonazis 800 Gegendemonstranten gegenüberstehen. Vereinzelt kommt es zu Ausschreitungen.

Der Startschuss für das größte Pinneberger Bauvorhaben seit den 50er-Jahren erfolgt im Dezember. 600 bis 800 Reihen-, Doppel- und Einzelhäuser sollen im Stadtteil Rosenfeld im Westen der Kreisstadt entstehen. 2000 Neubürger sollen Platz finden und sich in Supermarkt und Co. versorgen können. Weltrekord: Innerhalb von 24 Stunden legen vier Taucher aus Pinneberg und Hamburg im Schwimmbad insgesamt 67,575 Kilometer beim sogenannten Gerätestreckentauchen zurück.

Im ganzen Jahr gibt es Spekulationen, wo die Trassen und Korridore der A20 im Kreis Pinneberg möglicherweise liegen werden. Unter anderem in Hetlingen formiert sich Widerstand. Kurz vor dem Jahresende werden die Gedankenspiele veröffentlicht. Verschiedene Varianten führen an Barmstedt, Elmshorn, Uetersen und Pinneberg vorbei.

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