Bundestagswahl

Michael von Abercron: „Jamaika in Kiel könnte Vorbild sein“

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Burkhard Fuchs
Der Bundestagsabgeordnete Michael von Abercron (68) tourt zurzeit mit einem 67er VW-Bus durch den Kreis. Wird er nicht direkt gewählt, ist er im Unterschied zu seinem Mitbewerber Ralf Stegner von der SPD raus.

Der Bundestagsabgeordnete Michael von Abercron (68) tourt zurzeit mit einem 67er VW-Bus durch den Kreis. Wird er nicht direkt gewählt, ist er im Unterschied zu seinem Mitbewerber Ralf Stegner von der SPD raus.

Foto: Burkhard Fuchs

Wer sind die Direktkandidaten im Kreis Pinneberg? Heute: der Abgeordnete Michael von Abercron (CDU), für den es um alles geht.

Kreis Pinneberg.  Mit seinem „Wal“-Kampfmobil ist er der Retro-Mobilist auf den Straßen und öffentlichen Plätzen. Michael von Abercron (68) tourt zurzeit mit einem VW-Bus Baujahr 1967 durch den Kreis Pinneberg, um sein Abgeordnetenmandat für die CDU im Bundestag zu verteidigen. „Ich bin ein Oldtimer-Fan, und es macht Spaß, damit zu fahren“, sagt der Doktor der Agrarwissenschaften, der in einer kleinen Gemeinde bei Kiel lebt. Die orangefarbene Lackierung passe zur Union. Den Wal habe er nachträglich auf die Karosserie malen lassen. „Der Bus ist der Hingucker bei meinen Wahlkampfständen.“

Für von Abercron geht es ums Ganze. „Ich muss den Wahlkreis wieder direkt gewinnen.“ Sonst sei er draußen. Platz neun auf der Landesliste dürfte nicht ausreichen, sagt er realistisch und bleibt dabei gelassen. „Ich bin da entspannt. Politik ist immer ein Job auf Zeit.“ Wenn es nicht wieder klappt, werde er eben mehr Zeit für seine Frau und die neun und 15 Jahre alten Töchter haben. „Die Familie hat auch gelitten.“ Ein drittes Mal würde er ohnehin nicht antreten.

Politische Heimat ist seit 2001 der Kreis Pinneberg

Aber gern würde er jetzt in Berlin weitermachen, sagt von Abercron, dessen politische Heimat seit der verlorenen Bürgermeisterwahl 2001 in Elmshorn der Kreis Pinneberg ist. Hier war er Stadtverordneter, CDU-Ortsvorsitzender und Landtagsabgeordneter. „Eine Wahlperiode ist zu wenig, um sich in die Details einzuarbeiten“, sagt er, das hat er in Berlin festgestellt. Darum würde er gern im Agrarausschuss des Bundestages weiterarbeiten. Da sei er auch der einzige Abgeordnete aus Schleswig-Holstein, der einen landwirtschaftlichen Hintergrund habe. Und die Agrarpolitik werde trotz der hoheitlichen Beschlüsse der EU in Brüssel auf Bundesebene immer wichtiger. „Wir müssen ja hier die Gesetze zum Tierwohl und Umweltschutz umsetzen“, sagt von Abercron, der über Pflanzenernährung und Düngung promoviert hat. „Die Landwirtschaft ist in einer schwierigen Lage.“

Sein Wahlkampf ist eher klassisch angelegt. Er präsentiert sich den Bürgern in Fußgängerzonen an Ständen, macht Hausbesuche und Veranstaltungen. Wie zum Beispiel über Außenpolitik und Afghanistan, die medizinische Versorgung im Kreis Pinneberg oder mit der Polizeigewerkschaft. Für die Bundespolizei würde er gern eine Wache am Elmshorner Bahnhof einrichten lassen. Bislang hat das nicht geklappt. „Aber die Problemlage hier im Umfeld von Hamburg ist doch sehr groß.“ Ohnehin seien der Bahnhof und sein Vorplatz – ähnlich wie in Pinneberg – in einem „desolaten Zustand“, konstatiert von Abercron.

An das dritte Fernbahngleis glaubt der Abgeordnete allerdings nicht mehr. Daran seien bereits so viele seiner Vorgänger im Bundestag gescheitert, dieses wichtige Schienenbauprojekt in den Bundesverkehrswegeplan zu bekommen. Vielmehr sollte sich der Kreis Pinneberg mit einem vierten Gleis und einer weiteren Überholspur im Elmshorner Bahnhof und der Verlängerung der S-Bahn-Verbindung auf die Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs konzentrieren, rät von Abercron.

Er schätzt Armin Laschets Ruhe und Besonnenheit

Die aktuell politische Stimmung im Land einzuschätzen halte er für „ganz schwer zu sagen“. Anfangs habe es sehr viele Fragen und „Skepsis“ zum Spitzenkandidaten der Union gegeben, den er aber im Gespräch nicht namentlich nennt. „Das hat sich inzwischen gedreht.“ Von Abercron macht keinen Hehl daraus, dass er lieber Friedrich Merz als CDU-Vorsitzenden und Markus Söder als Kanzlerkandidaten gehabt hätte. Der bayerische Ministerpräsident habe in der Bundestagsfraktion „einen ganz starken Eindruck hinterlassen“. Aber nun müsse die CDU mit Armin Laschet die Wahl gewinnen. Mit seiner „Ruhe und Besonnenheit“ setze sich der vielleicht am Ende doch durch. Seine Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen könnten den Ausstieg aus der Kohleindustrie sozialverträglich gestalten, ist von Abercron überzeugt.

Die CDU-Wähler scheinen sich damit arrangiert zu haben, glaubt er. Viele sagten ihm an den Ständen: „Sie wähle ich auf jeden Fall. Bei der Zweitstimme muss ich noch mal sehen“, zitiert von Abercron die Leute auf der Straße. „Viele werden ihre Stimme splitten“ und wohl neben dem CDU-Direktkandidaten die FDP wählen.

Klare Absage an Neuauflage der GroKo

Das wäre auch seine Lieblingskonstellation für eine neue Regierungskoalition. „Der erste Ansprechpartner für uns wäre die FDP.“ Vermutlich werde das aber nicht ausreichen und noch ein dritter Partner hinzukommen müssen, ahnt von Abercron. Ob das dann die Grünen oder die SPD sein werden, werde sich zeigen. Die Jamaika-Koalition in Kiel könnte da „Vorbildcharakter“ haben. Nur eine abermalige Große Koalition dürfe es nicht wieder geben, erteilt er der jetzigen Bundesregierung eine klare Absage für die Zukunft. „Die Große Koalition hat auch der Union geschadet.“

Einen neuerlichen Corona-Lockdown dürfe es auch nicht wieder geben, betont von Abercron. „Um Gottes Willen“, sagt der Christdemokrat. Zu vielen Menschen im Land habe der geschadet. Angesichts der hohen Impfquote „ist das auch nicht mehr notwendig“, ist von Abercron überzeugt. Er hoffe, dass auch die Maskenpflicht in den Schulen bald abgeschafft werden kann.

Das Wahlkreis-„Orakel“ ist ihm natürlich bewusst. Dass seit 1953 immer derjenige den Wahlkreis gewonnen hat, dessen Partei dann auch den Kanzler stellte. 2017 hat das von Abercron sogar ins US-Fernsehen gebracht. „Einer der großen Fernsehsender hat mich dazu interviewt“, sagt er. Dass aber 1969 die Union im Bund die meisten Stimmen erhielt, am Ende aber doch die SPD den Kanzler stellte und den Wahlkreis gewann – „das war mir neu.“

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