Bundestagswahl

Ralf Stegner: „Rot-Grün wäre mir am liebsten“

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Burkhard Fuchs
SPD-Bundestagskandidat Ralf Stegner ist zum Gespräch mit dem Abendblatt nach Wedel gekommen. Das Elbufer zählt für den 61-Jährigen aus Bordesholm zu den schönsten Plätzen im Kreis Pinneberg,

SPD-Bundestagskandidat Ralf Stegner ist zum Gespräch mit dem Abendblatt nach Wedel gekommen. Das Elbufer zählt für den 61-Jährigen aus Bordesholm zu den schönsten Plätzen im Kreis Pinneberg,

Foto: Burkhard Fuchs

Wer sind die Bundestagskandidaten, die im Kreis Pinneberg um ein Direktmandat kämpfen, wie denken sie? Heute: Ralf Stegner (SPD).

Kreis Pinneberg.  Der Kandidat hat viel vor und ist ständig auf Achse. Jede Stimme zählt für Ralf Stegner (61), der nach fünf Jahren als Minister und 16 Jahren im Landtag in Kiel – davon 13 Jahre als Fraktionschef – jetzt für die SPD in den Bundestag strebt. Sein Wahlkreis ist der Kreis Pinneberg, wo er vor 30 Jahren in Rellingen erste kommunalpolitische Erfahrungen gesammelt hat.

Hier fühle er sich fast wie zu Hause in seinem Wohnort in Bordesholm, wo er mit seiner Familie lebt, sagt er. Doch dort ist mit Parteifreund Sönke Rix, der seit 16 Jahren dem Bundestag angehört, der Wahlkreis Rendsburg-Eckernförde schon besetzt. Weil sich die SPD im Land an der Spitze neu aufstelle, ziehe es ihn nun nach Berlin, erklärt Stegner den Parlamentswechselwunsch.

Stegner besucht alle 49 Kommunen im Kreis

Auch der frühere Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), der in Nordfriesland lebt, nutzte im Jahr 2005 den Wahlkreis Pinneberg – allerdings umgekehrt, um vom Bundes- in den Landtag zu wechseln. Dann wurde er in Kiel gleich zum Ministerpräsidenten gewählt. Und der CDU-Abgeordnete Michael von Abercron, den Stegner bei den Wahlen schlagen will, lebt bei Kiel.

Alle 49 Städte und Gemeinden im Kreis Pinneberg will Stegner im Wahlkampf aufsuchen. 36 davon hatte er nach eigener Aussage beim Interviewtermin zwei Wochen vor der Wahl schon geschafft und gut 1500 Kilometer mit seinem knallroten Wahlkampfbus zurückgelegt. Die anderen 13 folgten bis zum Wahltag. „In Bullenkuhlen war ich zum ersten Mal“, sagt Stegner. Helgoland sei der letzte Termin – „Station 49“. Er suche überall das Gespräch mit den Menschen, sagt Stegner.

Stolz auf seine Regierungs- und Parlamentserfahrung

Er klingle an ihren Haustüren, treffe sie auf öffentlichen Plätzen und in Fußgängerzonen, lasse sich von Vereinen und Verbänden vorstellen. Das sei meist gar nicht nötig. „Viele kennen mich bereits und sprechen mich sogar mit Namen an“, sagt Stegner. Das freut ihn. Bereits beim Wähler bekannt zu sein gibt ihm Rückenwind. „Das ist ein enormer Vorteil. Die Resonanz der Menschen ist überwiegend positiv“, so seine Erfahrung. Beschimpft werde er ausschließlich von rechten Zeitgenossen und „deutlich weniger als im Netz“. Kaum ein anderer Kandidat dürfte so viel Regierungs- und Parlamentserfahrung mitbringen wie er, sagt der promovierte Politologe stolz.

Stegner kokettiert gern mit der Besonderheit des Wahlkreises. Wie Ohio in den USA, wo sich der Ausgang der Präsidentschaftswahlen oft als Erstes ankündigt, ist der Wahlkreis 007 Pinneberg eine Art Orakel für die Bundestagswahl. Seit 1953 hat hier immer die Partei den Wahlkreis mit der Erststimme gewonnen, die hinterher auch den Bundeskanzler oder die –kanzlerin stellte. In 18 von 19 Bundestagswahlen war das der Fall. „Das ist einzigartig für alle 299 Wahlkreise“, sagt Stegner. „Und das zeigt, wie repräsentativ der Wahlkreis für Deutschland ist.“

„Die Leute sagen, der Scholz kann das“

Das wisse auch der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz. Der habe ihm dazu eine Videobotschaft geschickt, in der er auf die Bedeutung des Wahlkreises Pinneberg für sein eigenes Abschneiden bei der Bundestagswahl hinweise. „Das hat er bestimmt nicht für alle 299 SPD-Wahlkreiskandidaten gemacht“, ist sich Stegner sicher. Beide Genossen verbinde also eine Art Schicksalsgemeinschaft.

Als sein Wahlkampf vor zwei Monaten anfing, lag die SPD in den Umfragen noch bei 15 Prozent. Da seien ihm oft Mitleid und aufmunternde Sprüche entgegengeschlagen. Das habe sich inzwischen komplett gedreht, freut sich der Kandidat. Mit der Aussicht, nun um die 25 Prozent bei den Wählerstimmen zu liegen und den bei den Befragten besten Spitzenkandidaten in den eigenen Reihen zu haben, werde der SPD plötzlich zugetraut, den Regierungswechsel zu schaffen. „Die Leute sagen, der Scholz kann das. Er hat gezeigt, dass er ein Schiff führen kann in schwieriger See“, sagt Stegner über den amtierenden Vizekanzler, Finanzminister und ehemaligen Ersten Bürgermeister Hamburgs. „Aber Umfragen sind natürlich noch keine Wählerstimmen.“

Bezahlbares Wohnen hat Priorität

Die Ziele, die er für den Wahlkreis erreichen möchte, sind für Stegner klar: „Bezahlbares Wohnen steht ganz oben auf der Agenda.“ Das soll mit einer effektiven Mietpreisbremse, einer Bauoffensive für Sozialwohnungen und mit Unterstützung von Wohnungsbaugenossenschaften gelingen. Zudem müsse sich die verkehrliche Infrastruktur im Kreis Pinneberg verbessern. „Das dritte Bahngleis zwischen Elmshorn und Pinneberg muss endlich kommen und darf nicht länger auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden.“ Stegner verspricht, sich dafür mit ganzer Kraft in Berlin einzusetzen. „Vielleicht kriegen wir dafür auch endlich mal einen norddeutschen Verkehrsminister.“ Die Insel Helgoland mit ihren Offshore-Windparks könnte zudem Motor der Energiewende sein. Auch kulturell gebe der Kreis Pinneberg viel her. Wenn er nur an die hervorragende Sammlung zum Beispiel im Barmstedter Museum der Grafschaft Rantzau denke, die er gern mit Bundeszuschüssen unterstützen möchte.

Zu möglichen Koalitionsfragen sagt Stegner unmissverständlich: „Rot-Grün wäre mir am liebsten.“ Aber dafür müssten beide Parteien bis zur Wahl noch etwas zulegen. Wobei seine Partei dabei nicht „der Juniorpartner“ sein sollte. „Die SPD muss als Volkspartei immer den Anspruch und den Ehrgeiz haben, um Platz eins zu kämpfen.“ Dabei müsse sie alle Bevölkerungsgruppen im Auge behalten, ob Jung und Alt, Arm und Reich, Stadt und Land. Klientelpolitik sei ihre Sache nicht. „Man muss die Dinge ernst nehmen und darf nicht überheblich sein“, sagt Stegner. „Und man muss vollen Einsatz zeigen. Das wollen die Bürger von einem sehen.“

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